Auf die Frage, wer seine "Lieblingsheldinnen in der Wirklichkeit" seien, antwortet DJ BoBo im FAZ-Fragebogen: "Mütter". Nicht jede Mutter mag wissen, von wem sie so verehrt wird. BoBo heißt mit bürgerlichem Namen René Baumann, kommt aus der Schweiz und macht Musik, die einen den ganzen Tag verfolgt. Man hört sie zum Frühstück, im Auto und nach Feierabend. Bobo ist der König des "Tagesbegleitprogramms". Seine Melodien kleben einem in den Gehörgängen, wenn sie sich einmal dort eingeschlichen haben. Es sind fröhliche Lieder, die von einer besseren Welt handeln. Oder davon, daß die Menschen Respekt voreinander haben sollten."Ich glaube an das Gute in den Leuten", sagt René Baumann, wenn er auf die humanistische Botschaft seines Schaffens angesprochen wird. Das klingt platt, ist aber nicht zynisch gemeint. Der 28jährige ist selbst ein guter Mensch, der seine Arbeit als DJ BoBo sehr ernst nimmt. Er weiß, was er seinen überwiegend minderjährigen Fans bedeutet. Die Rolle als tugendhafter Harmoniespender füllt er mit Pflichtgefühl und Fleiß aus. Er sagt, "ich bin deprimiert, wenn ich es nicht allen recht machen kann". Das ist keine Attitüde, sondern ein Charakterzug. BoBo will es immer allen recht machen.Er gastiert auf Mallorca "vor Hausfrauen in germanischer Ferientracht", wie es eine Illustrierte beschreibt, er trägt tapfer die putzigen Sachen seines Sponsors Reebok, auch wenn er privat Jeans und T-Shirt bevorzugt, er gibt nach jedem Konzert stundenlang Autogramme. "DJ BoBo ist brav und bieder. Deshalb kann er kein Superstar werden", urteilt das Schweizer Nachrichtenmagazin Facts. "Ich wünschte mir, daß mein Image härter wäre", sagt René Baumann über seine freundliche Kunstfigur DJ BoBo.Die Schweizer Presse weiß nicht, was sie mit dem Phänomen DJ BoBo anfangen soll. Den Boulevard-Zeitungen fehlen die Skandale, den seriösen Blättern ist BoBo zu banal. Einen Kunstpreis, wie ihn gerade das Zürcher Pop-Duo "Yello" bekommen hat, steht bei ihm außer Diskussion. Der "Tages-Anzeiger" fertigte DJ BoBos Auftritt im Konzert von Michael Jackson mit der Bemerkung ab: "Das Vorprogramm wurde von einem Argauer namens DJ BoBo ruiniert." Niemals würde René Baumann zugeben, daß ihn solche Sätze ins Herz treffen. "Heute bist du der König und morgen der Sündenbock der Nation. Mir schadet das nichts", sagt er und lächelt. Dabei glaubt er selbst nicht daran. René Baumann will nicht Sündenbock einer Nation sein, auf die er über alle Maßen stolz ist. Wenn beim Spiel der Schweizer Elf die Hymne erklingt, kommen dem Hobby-Fußballer die Tränen.Früher wurden zornige Menschen Popstars, die ihre Eltern verfluchten und die Fahne verbrannten; heute wird ein Schweizer in der halben Welt berühmt, der die Mütter verehrt und bei seinen Auftritten die nationale Flagge schwenkt. DJ BoBo ist der kleinste gemeinsame Nenner der populären Musik für Kinder und Eltern. Harmlos wie eine KaugummiZigarette und garantiert jugendfrei.Ihm werfen die Mädchen während des Konzertes keine Slips um die Ohren wie den sexprotzenden Boygroups. BoBo bekommt Kuscheltiere, die er am Ende der Saison einem Kinderheim schenkt. Er polarisiert das Publikum nicht wie die Kelly-Familie, die ihre fanatischen Feinde hat. Entweder mag man BoBo, oder man kennt ihn nicht. 2,5 Millionen Alben und 5 Millionen Singles hat er verkauft. Trotzdem sind Kurt Felix und Paola die berühmteren Schweizer.Versehentlich wird DJ BoBo manchmal mit Techno in Zusammenhang gebracht. Das "DJ" im Namen täuscht. Ein Diskjockey ist BoBo schon lange nicht mehr, und sein Sound hat mit Techno höchstens das ständige "Uffta-uffta-uffta-uffta" gemeinsam. BoBo trägt elektronische Schlager in englischer Sprache vor und tanzt dazu. Seine regelmäßig erscheinenden Alben werden von Kritikern regelmäßig nicht zur Kenntnis genommen. Das wurmt den Künstler. Dafür werden sie von den Massen gekauft. Das freut den Geschäftsmann.Mit Tänzern garniert Das Marktsegment, das der Schweizer bedient, heißt Eurodance. Eine Sorte Musik, die in England und den USA unbekannt ist. Eurodance ist Fast food für die kontinentalen Pop-Stationen in Funk und Fernsehen. Das musikalische Material dieser Dutzendware wird mit Computern programmiert und mit attraktiven Tänzerinnen und Tänzern garniert. Hauptabnehmer für die musikalische Software sind neben der Bundesrepublik die osteuropäischen Länder."In dieser Region liegt der Markt der Zukunft", sagt René Baumann. Der Bedarf an westlicher Disko-Musik ist dort riesig. Im Moment könne die Nachfrage nur auf dem schwarzen Markt befriedigt werden. Die illegal kopierten und verkauften Kassetten bringen dem Urheber keinen Pfennig. Um die nationalen Plattenfirmen als zahlende Geschäftspartner zu gewinnen, muß ein Künstler auf den Zielmärkten präsent sein. Also touren die Popstars heute durch Rumänien, Rußland und China, obwohl dort noch nicht die großen Umsätze zu machen sind. Der moderne Star denkt strategisch. Morgen wird BoBo in Litauen spielen, danach folgen Konzerte in Kiew, St. Petersburg, Asien und Südamerika. "World in Motion" heißt die Show, mit der DJ BoBo die Welt bewegen will.Für die Schweiz ist er ein nationales Ereignis. Wenn er auftritt, schaltet sich das Fernsehen live dazu. Kinder schwänzen die Schule, um sich schon am Morgen die besten Plätze zu reservieren. Wie schmeckt Gummibärchen-Torte? Nicole und Petra wissen es nicht. Die beiden 14jährigen Mädchen aus Chur im Kanton Graubünden haben das Rezept aus dem Kochkurs der Schule und einen Kuchen für DJ BoBo gebacken, den sie toll finden, "weil er ein Schwyzer isch und so symphathisch".Jetzt warten sie mit dem knallbunten Ungetüm von der Größe einer Radkappe vor dem Eingang zum heimatlichen Eishockeystadion. Es ist Mittagszeit, und die Gummibärchen sehen in der Hitze schon ganz traurig aus. Mindestens so traurig wie Nicole und Petra. Sie wollen ihr süßes Präsent DJ BoBo schenken, und von dem ist ein paar Stunden vor seinem Konzert nichts zu sehen.Für solche Fälle hat DJ BoBo seinen Tour-Manager Ditti Brook. "Gebt·s die Torte schon mal her, wir legen sie hinter der Bühne in den Kühlschrank, und nach dem Konzschert könnt ihr sie dem Bobbo überreische." Mit kariertem Hemd, Jeans, Turnschuhen und Hornbrille sieht der 29jährige Lockenkopf Brook eher aus wie ein mittelloser Student als ein Pop-Manager. Nichts deutet darauf hin, daß er damit beschäftigt ist, für seinen Chef DJ BoBo Millionen Schweizer Franken umzusetzen.Die beiden kennen sich, seit sie mit 15 zusammen über die Dörfer gezogen sind. Als Teenager waren sie vom Film "Beatstreet" sehr begeistert und ahmten beim Tanzen ihre Vorbilder nach. Breakdancen und Sprayen waren ihre Welt. René Baumann zeichnete seine Graffiti mit dem Kürzel "BoBo", das er seinem Lieblings-Comic "BoBo ­ König der Ausbrecher" abgeguckt hatte.Bevor René zielstrebig den Beruf eines Popstars ergriff ­ erst mal wurde er "Vize-Schweizermeister" im Plattenauflegen ­ lernte er Konditor, was seine Mutter Ruth, Floristin aus dem Argauer Dorf Kölliken, beruhigen sollte. Wenn Fans am Haus der Mutter vorbeikommen, kann es passieren, daß sie freundlich zu Kaffee und Kuchen gebeten werden. Seinen Vater, einen italienischen Gastarbeiter, hat René nie kennengelernt.Fünfjahresplan René Baumanns Kompagnons aus den Disko-Zeiten und ein paar Freunde bilden das Stammpersonal der BoBo-Firmengruppe. Baumann produziert seine Platten für Yes-Music, Souvenir-Artikel werden über Yes-Productions vermarktet, und die DJ-BoBo-Factory kümmert sich um alles, was mit Tanz zu tun hat. Wer die DJ-BoBo-Schritte lernen will, kann das anhand von Videos und in speziellen Kursen tun.Gemeinsam mit Ditti Brook und seinem Buchhalter Heinz Bieri hat René Baumann einen Fünfjahresplan aufgestellt. Bis 2002 ist die Perspektive der Firma klar. Solange die Leute ihn haben wollen, wird DJ BoBo singen und tanzen und eigene Alben produzieren. Weil er weiß, wie vergänglich das Pop-Geschäft ist, sorgt er beizeiten für Nachfolger auf dem kleinen süddeutschen Label EAMS, das seine Platten vertreibt. Die beiden Tänzerinnen der BoBo-Show firmieren nebenbei als eigenständiges Duo. Outsorcing nennt man so was in der Betriebswirtschaft.Für die fernere Zukunft sieht sich René Baumann eher als Produzent eines Unterhaltungsunternehmens. Seine gute Bekanntschaft mit dem niederländischen TV-Produzenten John de Mol dürfte ihm dabei hilfreich sein. Als er die Schwangerschaftsvertretung für Linda de Mols "Soundmix-Show" übernahm, hatte der knuffige Schweizer DJ eine Million Zuschauer mehr als die kühle Holländerin. Danach klingelten die Privatsender bei ihm Sturm.Nach exakt 1 Stunde und 30 Minuten ist ein Konzert mit DJ BoBo vorbei. Dann ist auch das Band zu Ende, von dem die Musik für die Playback-Show eingespielt wird. Die "World in Motion" kommt nach etlichen Kostümwechseln und einigen finalen Flickflacks auf der Bühne zum Stillstand. Kinderaugen glänzen, Ärmchen wiegen sich synchron im Hallenrund. "Vielen Dank, Schwyz, ihr ward süper", verabschiedet DJ BoBo sein Publikum in Chur. Morgen wird es in Vilnus super sein. Übermorgen in Kiew und nächstes Jahr in Peking.