Er sei müde, sagt Stadtkewitz, als er zum Treffpunkt in Mitte kommt. Er fragt den Fotografen, ob man die Müdigkeit später auf den Fotos sehen werde. Er steht frierend auf der Rosa-Luxemburg-Straße, das Posieren ist noch ungewohnt für ihn. Der dunkelblaue Wollmantel hängt um seine Schultern. Der frühere CDU-Abgeordnete René Stadtkewitz ist Bundesvorsitzender der Partei "Die Freiheit". Er ist auch der Hoffnungsträger der neuen Rechten. Sie wollen von der aufgeladenen Stimmung profitieren, die seit dem Erscheinen des Buches von Thilo Sarrazin über die Probleme der Integration herrscht. Seitdem ist es auch in bürgerlichen Kreisen schick geworden, sich abfällig über Muslime zu äußern. 2011 will Stadtkewitz mit seiner Freiheitspartei bei der Abgeordnetenhauswahl antreten und der zu milde gewordenen CDU Stimmen abjagen.Kein VolkstribunDer neue Bundesvorsitzende legt den Mantel ab, nimmt Platz in einer Ecke des Cafés. Er sieht unauffällig aus, glatt rasiert, Bürstenhaarschnitt, weißes Hemd, grauer Anzug. Bei größeren Auftritten, wie Anfang Oktober mit Geert Wilders, wirkte Stadtkewitz neben dem blonden Holländer wie der Praktikant. Er ist kein Typ, der allein einen Saal zum Toben bringt. Im Gespräch redet er mit sanfter Stimme, er will bloß nicht radikal erscheinen. Stadtkewitz ist sogar noch vorsichtiger als sein Idol Wilders, der schon mal pauschal die Zuwanderung aus allen muslimischen Ländern ablehnte. Stadtkewitz sagt: "Wir müssen die Zuwanderung stoppen, bis alle Integrationsprobleme gelöst sind." Sein Lieblingssatz ist der, dass er nichts gegen die Muslime habe, er habe nur ein Problem mit der Ideologie des politischen Islams.24 Prozent würden eine islamfeindliche Partei wählen, ermittelte das Umfrageinstitut Forsa. Das hört Stadtkewitz gern, aber solche Umfragen sind trügerisch, weil nur nach der Wahlabsicht gefragt wird. Ob die Freiheitspartei breitere Bevölkerungsschichten ansprechen kann, ist unklar.Die Chancen würden wohl steigen, wenn es Stadtkewitz gelingen würde, den SPD-Mann Thilo Sarrazin zu gewinnen. Die Sozialdemokraten wollen ihn loswerden, er braucht eine neue politische Heimat. Es wäre ein Coup, das weiß Stadtkewitz auch. Er schätzt Sarrazin, schenkte Geert Wilders ein Exemplar des Buches "Deutschland schafft sich ab". Ob es Gespräche gegeben hat oder geben wird, dazu will er aber nichts sagen.Unter seinen alten CDU-Parteifreunden gibt es einige, die ihm die Gründung einer Partei nicht zugetraut hätten. Stadtkewitz galt als ein stiller, höflicher Politiker, der es zwar nicht bis ganz oben geschafft, sich aber in neun Jahren als Abgeordneter Respekt erarbeitet hatte. Sie können sich seine Wandlung zum Islamkritiker nur so erklären: "Er hat sich verrannt", sagen sie.Es begann mit dem Moscheenstreit in seinem Bezirk Pankow. Als dort 2005 im Ortsteil Heinersdorf eine Moschee gebaut werden sollte, protestieren die Bürger. Sie haben Angst, dass ein islamischer Gottesstaat neben ihre Einfamilienhäuser aufgezogen wird. Es gibt Unterschriftensammlungen, Demonstrationen, Lichterketten. Und Stadtkewitz, damals CDU-Kreischef, stellt sich an die Spitze der Bewegung. Er ruft den Menschen zu, dass der Islam in Deutschland nicht integrierbar sei, redet von Moscheen und Terrorkeimzellen. Die Menschen jubeln ihm zu. Plötzlich war er der Star, der Volksheld. Dann gibt es einen Brandanschlag auf sein Haus, niemand weiß, wer dahinter steckt, es wird auch nie aufgeklärt werden, doch Stadtkewitz stellt einen Zusammenhang zur seinem Engagement gegen die Moschee her. Er wird zum Märtyrer.Er vergräbt sich in das Thema, eignet sich im Selbststudium Wissen über den Islam an. Hinzu kommt, dass sein 15 Jahre alter Neffe in Prenzlauer Berg an einer Straßenbahnhaltestelle ausgeraubt und schwer im Gesicht verletzt wird. Die Täter seien Türken oder Araber gewesen, ist der Neffe überzeugt. Stadtkewitz sucht selbst nach ihnen, er hängt in Dönerbuden Zettel auf.Im vergangenen Jahr will er im Abgeordnetenhaus eine islamkritische Debatte veranstalten, er lädt die inzwischen verstorbene Jugendrichterin Kirsten Heisig ein. Als ihn dann die frühere Ausländerbeauftragte Barbara John, eine Parteifreundin, scharf kritisiert, tritt er spontan aus der Partei aus. Er fühlt sich von Parteichef Frank Henkel nicht ausreichend unterstützt. Und er findet schon länger, dass sich die CDU in die falsche Richtung entwickelt, gehört zu den Erstunterzeichnern des erzkonservativen Aufrufes "Den Linkstrend stoppen". Er beginnt, sich neue Freunde zu suchen. Gemeinsam mit Stefan Herre, dem Betreiber der populären Website Politically Incorrect, auf der Hunderte meist anonym gegen den Islam polemisieren, besucht Stadtkewitz im Sommer Wilders in den Niederlanden. Er lädt ihn nach Berlin ein - darauf hin schließt ihn die CDU-Fraktion aus.Andere hätten aufgegeben, doch Stadtkewitz macht weiter. Vielleicht kann er auch nicht mehr zurück. Im September kommt das Sarrazin-Buch heraus. Stadtkewitz ist kein Außenseiter mehr.Flucht über UngarnEr ist in der DDR aufgewachsen. Wenn man ihn heute danach fragt, erzählt er die Geschichte vom Grenzdienst, den er verweigert, weil er nicht auf Menschen schießen will. Danach wird er von der Stasi drangsaliert. "Mit 21 war ich fertig mit der DDR", sagt er und löffelt seine Soljanka. Er bleibt drei Jahre im ungeliebten Land, baut Industrieroboter. Im September 1989 flieht er mit seiner Frau und dem zwei Jahre alten Sohn über Ungarn in den Westen. Nach Wende kommt er zurück. Er fängt in einer Tempelhofer Sicherheitsfirma an. Als der Chef stirbt, übernimmt er den Betrieb.2008 wird die Ahmadiyya-Moschee, gegen die Stadtkewitz so gekämpft hat, eröffnet. Distanziert, aber freundlich sei der Umgang mit den Nachbarn, sagt der Imam. Stadtkewitz kämpft trotzdem weiter. "In der Ahmadiyya-Moschee wurde früher behauptet, sie brauchen Platz für bis zu 800 Gläubige, wer sich heute umschaut, wird feststellen, dass selbst freitags gerade einmal elf, zwölf Leute da sind", sagt er. Eigentlich müsste ihn das freuen, doch er fühlt sich betrogen.Er redet davon, wie gut es mit der neuen Partei laufe, 50 Gründungsmitglieder gebe es, darunter der ehemalige CDU-Funktionär Marc Doll aus dem Kreisverband Mitte, zwei frühere Sozialdemokraten. 5 000 Interessenten hätten den Newsletter abonniert. Spender hätten sich gemeldet.Doch einen Eklat gab es auch schon. Aaron König, einer der Mit-Gründer, der auch schon bei der Piratenpartei mitmischte, beschwerte sich im Blog, dass seine Ideen ins Programm nicht eingeflossen seien. Überhaupt das Programm. Das Vorwort liest sich, als sei ausgerechnet die Partei mit dem Titel "Die Freiheit" ein Klub, der alles Fremde, also Frauen, Nicht-Christen, Ausländer, Schwule, ablehne. Es las sich völkisch-national. Stadtkewitz lässt durchblicken, dass er mit den Formulierungen nicht glücklich sei, der Text werde überarbeitet.Und der strittige Autor hat offenbar schon die Seiten gewechselt. Er wird demnächst bei Pro Deutschland auftreten - das ist die andere Partei, die auch um den rechten Rand wirbt. Anders als Pro Deutschland betont Stadtkewitz' Gruppierung demonstrativ die Nähe zu Israel.Im Programm findet man ein Sammelsurium von Ideen, vom Zuwanderungsstopp über die Einführung von Volksentscheiden auf Bundesebene bis hin zur Forderung nach einem kinderabhängigen Zuschlag zur Rente.Von rechts gegen Zuwanderer polemisieren, von links den Wohlfahrtsstaat beschwören - mit dieser Strategie ist Geert Wilder weit gekommen. In Holland stützt er die Regierung. Doch Stadtkewitz hat bis dahin noch einen weiten Weg vor sich. Erstmal muss er seine Partei zusammenkriegen.Er hat die Suppe inzwischen aufgegessen, muss nachher zum Krisengespräch mit einem der Mitstreiter. Er muss jetzt viele solcher Gespräche führen. Stadtkewitz hat sich das mit der Parteiengründung selbst etwas leichter vorgestellt. Er kann eigentlich nur noch auf Sarrazin hoffen.------------------------------Foto: In die CDU trat der gebürtige Ost-Berliner René Stadtkewitz wegen Helmut Kohl 1995 ein. 2009 trat er wieder aus. Kürzlich gründete der 45-Jährige seine eigene Partei.