Bagram - Die Tore des Hochsicherheitsgefängnisses im afghanischen Bagram öffneten sich am 13. Februar. An jenem Dienstag kamen 65 Häftlinge frei – trotz der anhaltenden Proteste aus den USA. Die Amerikaner stufen die Männer als gefährliche Terroristen ein.

Die afghanischen Behörden dagegen sind der Ansicht, dass sie unschuldig sind und zu Unrecht von ausländischen Soldaten eingesperrt wurden. Die Freilassung ist ein weiterer Rückschlag für die ohnehin angespannten Beziehungen zwischen Kabul und Washington. Und die Kabuler Entscheidung macht noch einmal sehr deutlich, wie schwach die Bindung von Präsident Hamid Karsai zu seinen vermeintlichen Verbündeten nach zwölf Jahren noch ist.

Das Gefängnis von Bagram ist ein Ort, an dem „wertvolle Ziele“, die auf dem Schlachtfeld gefangen genommen wurden, festgehalten werden. Manche nennen es auch Afghanistans Guantanamo. Zwar sind 65 Männer nun frei – doch 1300 andere noch in Haft.

Brutstätte für neue Taliban

Die Einrichtung wurde ursprünglich von den Amerikanern auf ihrem Militärstützpunkt gebaut und betrieben, im vergangenen Jahr dann den Afghanen übergeben. Die USA kontrollieren allerdings noch jenen Teil, in dem ausländische Gefangene einsitzen. Die umfassende Überwachungstechnik, zu der auch Fahrzeuge mit Nachtsichtgeräte sowie Suchhunde und Maschinengewehre gehören, steht unter amerikanischer Kontrolle.

Nach zweijährigen Verhandlungen gestatten die Behörden im Februar überraschend einen Besuch in der Anlage – zu einem sehr sensiblen Zeitpunkt. Denn es ist genau der Tag, an dem die Afghanische Aufsichtsbehörde (ARB) die Freilassung der 65 Männer ankündigen. Zur Begründung heißt es von der Behörde, sie könnten wegen Mangels an Beweisen nicht strafrechtlich verfolgt werden. Die von der Nato geführte internationale Truppe verurteilt diese Entscheidung umgehend, da die Gefangenen „Blut an ihren Händen“ hätten.

Der 16-jährige Mohibullah ist Teil der Gruppe, die darauf wartet, in Freiheit zu kommen. Er erzählt, er sei ein einfacher Schafhirte aus der Provinz Helmand. Das US-Militär hingegen hält ihn für einen Taliban, der mehrere Bombenanschläge verübt haben soll. Er sei mit einer schweren Waffe und belastender Propaganda auf seinem Mobiltelefon geschnappt, zudem seien vier verschiedene Sprengstoffarten bei ihm gefunden worden.

Was auch immer die Wahrheit sein mag: nach einem Jahr Haft in Bagram hat Mohibullah sein Urteil über die USA gefällt. „Ich hasse sie, denn ich bin grundlos hier. Ich möchte sie fragen: Welches Verbrechen habe ich begangen? Wenn sie mir klare Beweise vorlegen könnten, würde es mich nicht stören, wenn sie mich zehn Jahre hier festhalten würden. Aber niemand schert sich um uns,“ sagt Mohibullah. „Ich habe ein Jahr weit weg von meinen Eltern verbracht. Warum? Was ist der Grund dafür ?“

Und so geht es weiter in jeder Zelle. Männer beteuern ihre Unschuld und versichern, sie seien Bauern, die von den Amerikanern bei Razzien in ihren Dörfern gefangen gesetzt wurden. In einer Zelle hat sich eine Gruppe von etwa 20 Männern versammelt.

Ein Mann erklärt, er werde seit viereinhalb Jahren festgehalten, ohne ein Gerichtsverfahren. Welche Beweise gegen ihn vorliegen, sagt er nicht. Nach seiner Gefangennahme, so erzählt er, sei er von den Amerikanern gefoltert worden, an einem Ort, der „Schwarzes Gefängnis“ genannt wird. „Sie tauchten mich mehrmals unter Wasser. Außerdem gab es eine Kammer, in die ich gesperrt wurde, in der man ständig mit Stimmen beschallt und vom Schlafen abgehalten wurde. Sie behandelten mich mit Elektroschocks. Und ich wurde auch vergewaltigt. Es fällt uns schwer, das zuzugeben, weil wir uns schämen.“

Das US-Militär bestreitet, dass es einen Ort namens „Schwarzes Gefängnis“ gibt und erklärt, es sei möglich, dass der Mann zu diesen Aussagen angestiftet wurde. Auf Nachfragen, von wem, heißt es, das könne man nicht sagen.

Während unserer Recherche kommen Familien, um ihre Angehörigen zu besuchen. Viele haben die weite Reise aus dem Süden des Landes angetreten , sie waren tagelang mit Bussen unterwegs. Sie dürfen 30 Minuten mit ihren Verwandten sprechen, oft nur durch eine dicke Glasscheibe hindurch. Jedes Familienmitglied muss ein Schild mit einer Nummer um den Hals tragen.

Die Mutter eines Gefangenen ist sehr aufgebracht. Sie sagt, es gehe ihr schlecht wegen der ständigen Sorge um ihren Sohn. Alle litten unter schweren psychologischen Problemen. „Ist das noch ein Leben?“, fragt sie. Auch der Vater, die Brüder und Schwestern würden das Gefängnis nach jedem Besuch weinend verlassen. „Es ist sehr schwer für uns, unseren Sohn in diesem Zustand zu sehen. Und es gibt so viele andere hier, denen es genauso geht. In Gottes Namen, sie sollten darüber nachdenken!“ Innerhalb von eineinhalb Jahren, sagt sie, habe es nur eine einzige Anhörung vor einem Gericht gegeben.

Ob diese Männer unschuldig sind oder nicht, ist sehr schwer zu sagen. Die Amerikaner haben den afghanischen Behörden vorgeworfen, sie hätten wichtige forensische Beweise ignoriert. Der konservative Senator John McCain erklärt uns gegenüber: „Viele der Männer wurden unter sehr belastenden Umständen geschnappt, sie hatten Spuren von Sprengstoff an den Händen. Das steht völlig außer Frage. Sie sind der harte Kern von mehr als 1000 Männern, die wir bereits entlassen haben.“ In einem Briefing präsentiert die US-Armee detaillierte Unterlagen von einigen der Männer, die entlassen werden sollen. Viele von ihnen, so heißt es, seien aufständische Taliban, die darin verwickelt waren, Brandsätze mit Sprengstoff herzustellen oder diese zu zünden. In einem Fall etwa wurde auf einem Klebeband, mit dem Drähte eines Brandsatzes umwickelt waren, DNA gefunden.

Keine ausreichenden Beweise

Nach Ansicht von Lindsey Graham, ebenfalls republikanischer Senator, handelt es sich bei derartigen Anschlägen aus amerikanischer Perspektive um Anschläge gegen das afghanische Volk, gegen das afghanische Rechtssystem und gegen die politische Allianz.

Die afghanische Seite weist diese Vorwürfe strikt zurück. Sie erhebt ihrerseits den Vorwurf, dass ihnen die Amerikaner keine ausreichenden Beweise vorgelegt hätten. Zudem seien viele Namen von Quellen zensiert worden. Es ist ein Beleg, dass zwischen den Verbündeten enormes Misstrauen herrscht.

Präsident Hamid Karsai ist überzeugt, dass Bagram eine Taliban-Schmiede sei, wo Unschuldige mit Extremisten zusammenträfen und von ihnen indoktriniert würden. „Menschen, die aus dem Gefängnis kamen, sagten mir: Das ist ein Ort, wo unschuldige Afghanen hingebracht werden, die sich dann gegen ihr Land und ihre Regierung stellen“, sagte er in Kabul. Inzwischen sind einige der Gefangenen frei und in Gegenden gegangen, die unter Kontrolle der Taliban stehen.

Übersetzt aus dem Englischen von Kordula Doerfler. Yalda Hakim ist Moderatorin und Reporterin der BBC. Ihre Reportage wird auf BBC World News ausgestrahlt an diesem Sonnabend um 12.30 Uhr und am Sonntag, 2. März um 18.30 und 23.30 Uhr