Die ARD spitzt den Titel von Jamie Dorans Reportage noch zu. Das Original heißt "Massaker in Afghanistan - Der Konvoi des Todes". Bei der Ausstrahlung morgen Abend bekommt der Film den neuen Untertitel "Haben die Amerikaner zugesehen?" Das dürfte besondere Aufmerksamkeit sichern. Die brisanten Aufnahmen des irischen Filmemachers sorgen schon seit Monaten für politische Diskussionen. Im Juni hatte Jamie Doran in Berlin der PDS-Bundestagsfraktion erste Aufnahmen gezeigt, die Linken im Europaparlament forderten daraufhin einen Untersuchungsausschuss über das Massaker. Inzwischen hat auch die Uno zugesagt, sich der Sache anzunehmen. Dorans Film handelt von Ereignissen im November letzten Jahres. Die Amerikaner und ihre Verbündeten der Nordallianz hatten in Afghanistan mehr als 8 000 Taliban gefangen genommen. Aufnahmen belegen, wie der berüchtigte Warlord Dostum den Gefangenen zusichert, sie würden nicht verletzt. Tatsächlich wurden kurze Zeit später mehr als 3 000 Taliban vermisst. Jamie Doran präsentiert eine Reihe von Augenzeugen, die erklären, dass die Gefangenen unter unmenschlichen Bedingungen in Containern zusammengepfercht wurden, so dass viele schon beim Transport erstickten. Ein Kämpfer berichtet, er habe "Luftlöcher" in die Container schießen müssen, wodurch weitere Gefangene getötet worden wären. Offenbar hatten Dostums Truppen gar nicht vor, ihre Feinde am Leben zu lassen. Denn das Gefängnis, in das sie die Taliban bringen wollten, war längst überbelegt. Die Container wurden in die Wüste gekarrt - und wer den Torturen noch nicht erlegen war, wurde hier erschossen. Der Film zeigt den mutmaßlichen Ort des Massakers: Aus dem Wüstensand ragen noch Knochen und Kleidung hervor, Patronenhülsen belegen, dass hier geschossen wurde. Alle Augenzeugen bestätigen, dass die Amerikaner den Truppen Dostums an jedem Ort des Todeskonvois zur Seite standen - selbst in der Wüste. Das Pentagon bestritt gegenüber dem Filmemacher jede Beteiligung, ließ aber keinen Vertreter vor die Kamera. Jamie Doran ist stolz darauf, dass sich inzwischen fast zwei Dutzend Fernsehsender für seinen Film interessieren. Er lief bereits in mehreren Ländern, vor mehreren europäischen Parlamenten und sogar in Nordafghanistan, wo der mächtige Dostum sehr ungehalten reagiert haben soll. Zugleich hat der Filmemacher Angst um seine Zeugen. Obwohl alle anonymisiert vor die Kamera traten, wurden in den letzten Wochen zwei von ihnen ermordet. Drei besonders wichtige Zeugen hat Doran bereits nach England gebracht, darunter einen Mann, der im Film erzählt, wie er ein Videoband mit hochbrisanten Aufnahmen kopieren wollte, dabei aber zusammengeschlagen wurde. Wo das Band eigentlich herstammt und ob es je wieder auftaucht, sagt Jamie nicht. Auf entsprechende Fragen antwortet er nur geheimnisvoll: "Meine Antwort ist ein Lächeln." Das Massaker in Afghanistan - Haben die Amerikaner zugesehen?, Mittwoch, 21.55 Uhr, ARD.