Es war einst das Gebäude, von dem die Revolution ausgehen sollte. So zumindest befürchtete es der "Spiegel", als er über den Konzern schrieb, der hier siedelte. Die Eigner des Fabrikgebäudes mit der Adresse Am Treptower Park 28-30 hatten eine Unmenge von Zeitungen und Verlagsbeteiligungen gekauft, und so siedelte hier die Verwaltung des Titanic-Verlages (der auch heute noch hier seinen Sitz hat), der Elefanten Press Verlag produzierte hier Bücher, daneben lagen die Redaktionen der Tageszeitung Junge Welt und der Wochenzeitung Freitag und einiger weiterer Presseerzeugnisse. Hergestellt wurde bei Tribüne Druck, der ehemaligen FDGB-Druckerei, ebenfalls auf dem Gelände gelegen. Wie ein Konzern mutete es schon damals nicht an - 1995, als ich die etwas verschmutzten Treppen im ersten Hinterhaus hinaufstieg. Es war offensichtlich, dass hier nicht, wie mancher in linken Kreisen munkelte, ein neuer Willi Münzenberg am Werk war, sondern ein kleiner Verlagszusammenschluss, der sich mit Mangelwirtschaft einigermaßen gut durchschlug. Ich aber war eingeschüchtert, denn ich war ein Fan.Um die "Junge Welt" zu retten, hatte der Verlag mithilfe von Hermann L. Gremliza das frühere FDJ-Blatt zu einem Blatt für die ganze Linke machen wollen. Es wurde nun im Westen verkauft, hatte sich weitgehend von der Ost-Betulichkeit verabschiedet, machte aber auch Westlinken die Identifikation schwer, weil seine Sympathien für Mao oder Lenin doch sehr begrenzt waren. Die "Junge Welt" war ein heterogenes Blatt - einerseits führte der hochbetagte Jürgen Kuczynski wöchentlich durch die Ökonomie, wurden Streiks unterstützt oder radikale Atomgegner begrüßt, andererseits trommelte eine Poplinke im Feuilleton für den Hedonismus. Bald aber sah der Verlag, angesichts der monatlich fallenden Abokurve, keine Zukunft mehr für das kleine Blatt und beschloss im April 1995 kurzerhand das Ende.Ich, der ich so gern Volontär dort geworden wäre, war entsetzt. Und freute mich umso mehr, dass die Zeitung nur zwei Wochen später wieder erschien, nun von einer Genossenschaft und den Mitarbeitern herausgegeben. Der neugegründete Verlag, symbolträchtig "8. Mai GmbH" genannt, blieb in dem Gebäude nahe dem sowjetischen Ehrenmal, zog nun aber in kleinere Räume, im zweiten Hinterhof, aus dem manchmal die Redakteure hinüber ins nahe Kreuzberg linsten, wo sie mit ihren WGs wohnten.Denn nach der Umstellung drehte der Wind in der "Jungen Welt": Der Geschäftsführer, ein Westdeutscher, verlangte zunehmend Rücksicht auf die Befindlichkeiten der mehrheitlich ostdeutschen Leserschaft, er wollte die Junge Welt mit ihrer Vergangenheit versöhnen, während die meisten Redakteure, vor allem die Kreuzberger, auch die eigene Zielgruppe kritisierten. Dabei kam es zu lustigen Szenen. Einmal mussten alle, derer der Geschäftsführer habhaft werden könnte, mithelfen, die wenigen Räume, in denen die Zeitung jetzt produziert wurde, auf Hochglanz zu bringen - weil er die Gewinner eines Fotowettbewerbs eingeladen hatte. Ich selbst, obwohl nur freier Autor und zu Besuch, hatte plötzlich die Zierleisten zu streichen.Der Geschäftsführer und einige seiner Getreuen ignorierten die inhaltlichen Anliegen der Redaktionsmehrheit, diese wiederum nahm selten auf die Geschäftslage Rücksicht. 1997 eskalierte der Streit, die Redaktionsmehrheit ging, nachdem Chefredakteur Klaus Behnken entlassen werden sollte, in den Ausstand und besetzte die Redaktionsräume, der Rest zog zwei Stockwerke tiefer, um eine neue "Junge Welt" zu produzieren. Das nahm damals die verbliebene Linke in Ost und West in Beschlag; Prominente versuchten zu vermitteln, manche waren in ihren Solidaritätsbekundungen so verwirrt, dass sie sowohl der neuen "Jungen Welt" als auch den redaktionsbesetzenden Ex-Redakteuren Gaben brachten. Schließlich entstand aus der Streikzeitung die Wochenzeitung "Jungle World", dieweil die "Junge Welt" heute als Sammelbecken für Revolutionsromantiker gilt, die im antiimperialistischen Kampf auch gern den Schulterschluss mit Diktatoren suchen.Die "Jungle World" zog sofort nach Kreuzberg, auch die "Junge Welt" wird nicht mehr am Treptower Park produziert. Die Redaktion des "Freitag" ist ebenfalls gegangen. Das Gebäude, auf dessen Mieter sich die Hoffnungen der Linken nach 1990 stützten, steht komisch verwaist da, bietet Künstlern Ateliers und beherbergt kleinere Firmen, auf dem Hof liegt Schrott. Es ist nur noch ein Fabrikgebäude unter anderen.