Der Markt ist überall. Der Markt reguliert unser Denken, unser Sehnen und Handeln. Der Markt dirigiert das Berufsleben, die Freizeit, das Familienleben und die Liebe. Der Markt hat die Bildungsanstalten fest im Griff, die Kultur, die Kinderzimmer und die Medien. Der Markt, das sind wir, indem wir ihm dienen – und opfern. Bereits geopfert haben, sagt der österreichische Jugendforscher Bernd Heinzlmaier. Wir haben ihm unsere Kinder geopfert.

„Performer, Styler, Egoisten. Über eine Jugend, der die Alten die Ideale abgewöhnt haben“ heißt sein Buch, und so schneidend wie der Titel lesen sich auch die ersten Seiten. Wie Pfeile pfeifen dem Leser die Sätze um die Ohren. Das hier ist keine Klage, kein Aufschrei, sondern ein Nachruf. Bildung? Vorbei. Werte? Gab es mal. Handeln für Andere und die Gemeinschaft, Engagement und Fantasie in Zukunftsfragen? Mumpitz. An die Stelle der Bildung trat die Ausbildung, an die der Werte der Geldwert.

Die Gemeinschaft und der Andere dienen als Publikum und Trittleiter für den Aufstieg. Engagement und Fantasie sind für den Konsum da und für das permanente Feilen am Image. Die Folge: An die Stelle einer Jugend, die sich selbst und ihre Lebenswelt entwickeln und verändern will, tritt eine Generation „kalter Technokraten“, „von Ehrgeiz und Allmachtfantasien getriebene Neo-Yuppies“ und „gut ausgebildeter Ungebildeter (...) mit begrenztem Horizont und engem Herz“. Humankapital.

Erziehung heißt "Marketing"

Bis hierhin liest sich das alles nicht neu, aber doch aufrüttelnd in seiner Radikalität. Die Ökonomisierung aller Lebensbereiche ist ein alter Hut, aber einen alten Hut zu beschreiben, muss nicht schlecht sein – wenn daraus etwas folgt. Bei Heinzlmaier folgen nur viele Kapitel. Über Jugend und Medien und die Rolle der Musik. Über die Ghetto-Kids, die Konsumkids und die Web-Kids. Über Occupy, Pisa und Politik. Der Autor vergisst nichts – außer, die vielen Behauptungen, Zitate und Zahlen am Ende zusammen zu führen. Stattdessen beschließt er seine Analyse mit einer Art Handlungskatalog, wie die Jugend doch noch zu erreichen wäre: Mit „Marketing“.

Das richtige Marketing ist ein „juveniles Marketing“, denn die Jugend ist überall: „Juvenile Selbstinszenierung ist universell.“ Deswegen müsse, wer heute Einfluss auf die Gesellschaft nehmen will, heute Authentizität und Tradition vergessen. Gefragt seien, so Heinzlmaier: „Verführung durch Bilder und Events statt durch Argumente (...) Role Models statt Vorbilder (...) Körperbilder als Köder für egozentrische Individualisten“. Wie aus diesen Zutaten, die der Autor zuvor als typisch und unheilbringend für die junge Generation und unsere ganze Gesellschaft ausgemacht hat, eine bessere werden soll, bleibt sein Geheimnis. Warum hingegen Wertevermittlung und Erziehung hier „Marketing“ heißen, nicht. Der Markt ist eben überall.