Eine Novelle ist nach der schönen klassisch-deutschen Definition eine "unerhörte Begebenheit". Wie sagt man das auf englisch? Interessiert im Sessel vorgebeugt, sieht Richard Ford den Interviewer radebrechen. Sein Baseball-Käppi inspiriert die zündende Idee: "Big sensation!" Nein, das sei nun seine Novelle "Eifersüchtig" gar nicht, und überhaupt die Frage nach der Gattung: "Very german, very intellectual."Eine Junge, der mit seinem Vater in der Einöde von Montana lebt, will seine Mutter in Seattle besuchen. Eine Tante, ziemlich exaltiert im rosa Cadillac, holt ihn ab, um ihn zum Bahnhof zu bringen. In einer Kneipe geraten die beiden in eine Schießerei, es gibt einen Toten, Ende der Erzählung. So was passiere in Amerika jeden Tag, erklärt der Autor, "die Leute laufen mit Knarren durch die Gegend und benutzen sie auch". Er selbst habe das schon erlebt, das sei nichts Besonderes.Wie auch die Tatsache, daß seine Geschichten so oft in Montana spielen, überhaupt keine tiefere Bedeutung habe. Er lebe da eben mal die Hälfte des Jahres: "Wenn ich in Kansas wohnen würde, wäre es halt Kansas. Amerika ist überall gleich, you know?" Tja, die Klischees der Rezensenten. Innerlich geloben wir, daß wir die Landschaft Montanas, "dessen dramatische Natur den Hintergrund" von Fords Werk abgebe, wie die Klappentexte auch ganz dramatisch verraten, zukünftig mit keinem Wort mehr erwähnen werden.Mit "Eifersüchtig" habe er einfach das psychologische Spektrum dieses menschlichen Zustands ausleuchten wollen: Eifersucht zwischen Ehemann und -frau, Sohn und Vater und umgekehrt, die Tante noch dazu - überall schillert das Gefühl. Und selbst beim gewalttätigen Zwist in der Bar spielt das Moment der Eifersucht hinein, das - mit Geltungsbedürfnis und Eitelkeit vermischt - zur Gewalt führen kann. Fords Novelle ist ein Meisterstück seiner Prosa, die, so nebenbei wie er im Gespräch davon redet, ganz lapidar daherkommt und doch machtvoll wirkt. Seine Charaktere sind stets einfache Leute, mit einfachen Biographien, kaum in der Lage, ihre eigene Situation zu reflektieren, was sich um so drastischer auswirkt, weil das Schicksal, das sie erleiden, dies dann selbst erledigt. Die Katastrophen in Fords Geschichten sind wirklich welche, aber sie sehen aus, als seien sie das selbstverständliche Resultat von verkorkstem Leben, das dafür nichts kann. Es freut den Autor, wenn man seinen Stil mit dem Wort "existentialistisch" umschreibt, denn Camus und Sartre hat er verschlungen: "I read them all!" Die europäischen Schriftsteller seien ihm genauso nah wie etwa William Faulkner oder Eudora Welty, die er als seine besonderen amerikanischen Lieblinge nennt.Richard Ford ist Jahrgang '44. Studiert hat er zunächst Jura, dann, 1968, begann er Geschichten zu schreiben. Dank einer tüchtigen Ehefrau, die eine Karriere "in politics" vorantreibt, konnte er sich ganz der Literatur widmen. Seit Beginn der 80er Jahre komme er finanziell über die Runden, aber mit seinen Büchern sei in Amerika sowieso nicht das große Geld zu verdienen. Aber wer tut das schon noch? Vielleicht sein Freund und Superstar John "Garp" Irving.Ansonsten befinde sich Literatur in Amerika auf dem absteigenden Ast - "it's all TV and movies". Deswegen komme er auch so gern nach Deutschland. Da würden sich die Leute noch richtig für Literatur interessieren. Hoppla. Da könnten wir nun was zu sagen. Aber lassen wir ihn in seinem Glauben. Seufz. Richard Ford: Eifersüchtig. Eine Novelle. Aus dem Amerikanischen von Frederike Arnim. Berlin Verlag, Berlin 1995. 96 Seiten, 29,80 Mark.