MADRID. "Nein, nein", sagte der alte Mann und schüttelte immer wieder den Kopf, "das ist für mich kein Doping!" Richard Pound erinnert sich dieser Tage oft an sein Gespräch mit dem alten Mann im Sommer 1998 in Lausanne, am Chateau de Vidy. Damals war der Kanadier Richard Pound noch Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), und mit dem alten Mann, dem damaligen IOC-Präsidenten Juan Antonio Samaranch, diskutierte er die kriminellen Entwicklungen bei der Tour de France."Das ist für mich kein Doping!" Derartige Sätze hat Samaranch in jenem heißen Sommer auch öffentlich wiederholt und damit weltweit Unverständnis geerntet. "Stellen Sie sich vor", erinnert sich Richard Pound: "Der größte Sportführer aller Zeiten sitzt vor ihnen und sagt so etwas. Unglaublich." Doch Pound rang "diesem kompletten Chaos" etwas Positives ab.Es bedurfte eines beträchtlichen öffentlichen Drucks, um das IOC in jenen vom Bestechungsskandal um Salt Lake City geprägten Monaten zur Ausrichtung einer Weltantidopingkonferenz zu bewegen, die im Februar 1999 schließlich zur Gründung der Weltantidopingagentur (Wada) führte. Doch dieser Druck wäre damals womöglich weitgehend verpufft, wenn Pound ihn nicht kanalisiert hätte. Aus dem Chaos erwuchs etwas Neues in der Wunderwelt des Sports - die Wada, ein wunderbares Modell für Chaostheoretiker. Im Vergleich zur Situation in der Samaranch-Ära ist die Wada ein revolutionäres Gebilde.Sicher, täglich tauchen neue Probleme auf, gegen die organisierte Kriminalität der Dopingdealer und ihrer Hintermänner in Wirtschaft und Politik kann die Wada mit ihren 23 Millionen Dollar Jahresetat nie obsiegen. Aber das wäre auch die falsche Erwartungshaltung, man muss realistisch bleiben. Im Jahr 1999 gab es keine konsequente Dopingbekämpfung: Damals wurden vom IOC noch Fachdoper wie der Italiener Francesco Conconi finanziell unterstützt. Im Jahr 2007 dagegen existiert wenigstens ein Fünkchen Hoffnung. Man hat inzwischen Schwierigkeiten, die Zahl der vermeintlichen Olympiasieger, die als Doper enttarnt wurden, zu überblicken. Das ist zu großen Teilen ein Verdienst von Richard Pound.Pound ist der härteste Sportfunktionär der Welt, der sich gleichzeitig demokratischen Prinzipien verpflichtet fühlt. Er ist rigoros, er lässt sich nicht einschüchtern, ist unabhängig, er hat Ideen. "Und vergessen Sie nicht", fügt der Wada-Generaldirektor Richard Howman an: "Pound hat in acht Jahren nicht einen Dollar für dieses Amt bekommen. Vergleichen Sie das mit der Tendenz zu hochbezahlten Präsidenten in dieser Branche. Das ist geradezu sensationell."Es gehört zur Tragik des 65 Jahre alten Richard Pound, dass man ihn wegen seiner Direktheit und Zielstrebigkeit rühmt, ihm gerade deshalb aber die höchsten Ehren im Sport verwehrt geblieben sind: Seine Chance auf Olympiagold im Schwimmen gab er vor den Sommerspielen 1964 zugunsten seines Jurastudiums auf. Seine Chance auf die IOC-Präsidentschaft büßte er wegen seiner Wada-Aktivitäten und seiner Rolle als IOC-Chefdetektiv im olympischen Bestechungsskandal ein.Er hätte damals noch viel mehr Mitglieder aus dem IOC entfernt als jene Handvoll, die tatsächlich verbannt wurden. Die Kameraden rächten sich an Pound, der dem IOC als knallharter Verhandlungsführer überdies Milliardeneinnahmen aus Fernsehsendern und Sponsoren beschert hatte, mit einer Demontage: Bei den IOC-Präsidentenwahlen im Juli 2001 in Moskau, die der Belgier Jacques Rogge gewann, erhielt Pound noch weniger Stimmen als sein Intimfeind, der hochkorrupte Koreaner Kim Un Yong. Pound hat diese Niederlage nie überwunden. Er wäre der beste Mann für die IOC-Präsidentschaft gewesen. Das weiß er, das wissen alle, die einen Kopf zum Denken haben. Doch ihm blieb fortan nur die Außenseiterrolle, die er großartig interpretiert.Als Wada-Boss muss Richard Pound nach acht Jahren im Amt nun turnusgemäß weichen. Am Sonnabend, zum Abschluss der dritten Weltantidopingkonferenz in Madrid, wird der Australier John Fahey diesen Posten übernehmen. Das ist kein gutes Zeichen, denn niemand weiß so recht, was Fahey für diese Stellung befähigt. Tiefgründige Kenntnis der Materie kann es jedenfalls nicht sein. "Keiner kennt ihn", sagt Pound.Kämpfer gegen KorruptionEs besteht natürlich die Gefahr, dass ein Dilettant wie Fahey das Werk von Pound und anderen zerstört. Andererseits ist die Wada, ist die Dopingbekämpfung generell inzwischen eine Art öffentliches Gut, das man nicht mehr so einfach wegwischen kann. Und schließlich bleibt Pound ja gut im Geschäft. Als Präsident des Weltsportgerichtshofs hätte er Einflussmöglichkeiten. Er wird weiter für Schlagzeilen sorgen. Gerade erst hat er auf der Konferenz Play the Game verkündet, dass der Sport nach den insgesamt doch positiven Erfahrungen mit der Wada eine zweite Institution braucht: eine Antikorruptionsagentur. Die Gauner sollten sich nicht zu früh freuen. Pound bleibt kampfeslustig.------------------------------Reformenwerk in MadridWada: Die World Anti-Doping Agency (Wada) wurde 1999 gegründet. Sie koordiniert im olympischen Weltsport alle Maßnahmen im Kampf gegen Doping. Sitz der Wada ist Montreal; Regionalbüros gibt es in Lausanne, Kapstadt, Tokio und Montevideo. Der Neuseeländer David Howman fungiert als Generaldirektor der Wada. Dem Wada-Vorstand gehören 38 Mitglieder an, die je zur Hälfte von Sportorganisationen und Regierungen gestellt werden.Richard Pound: Der kanadische Wirtschaftsanwalt ist seit 1999 Wada-Präsident und gibt sein Amt in dieser Woche satzungsgemäß ab. Pound ist eine der prägenden Personen in der Geschichte des IOC: Er war lange IOC-Vizepräsident, handelte Milliardenverträge mit TV-Stationen und Sponsoren aus und leitete die Untersuchungskommission zum IOC-Bestechungsskandal 1998/99. Richard Pound würde nun gern den Chefposten am Weltsportgerichtshof Cas in Lausanne übernehmen.John Fahey: Der australische Politiker, ehemals Finanzminister, ist einziger Kandidat auf die Pound-Nachfolge. Fahey, dessen Kompetenz für dieses Amt äußerst fraglich ist, wurde erst im Herbst ins Spiel gebracht, als sich die Politik eigentlich bereits auf den früheren französischen Sportminister und Fecht-Olympiasieger Jean-François Lamour verständigt hatte. Doch Lamour zog seine Kandidatur überraschend zurück.Konferenz: In Madrid findet vom 15. bis 17. November die dritte Weltantidopingkonferenz statt. Auf der ersten Konferenz im Februar 1999, durchgeführt als Folge des Dopingskandals der Tour de France, wurde die Wada-Gründung beschlossen. Auf der zweiten Konferenz 2003 in Kopenhagen wurde der weltweit gültige Antidopingcode verabschiedet. Die zweite, überarbeitete Variante dieses Codes wird in Madrid abgesegnet.Code: Dieser Weltantidopingkodex harmonisiert die Regeln der Dopingbekämpfung und wurde von mehr als 570 internationalen Sportorganisationen akzeptiert. 191 Regierungen haben die Deklaration von Kopenhagen unterzeichnet. 70 Länder unterschrieben bisher die Doping-Konvention der Unesco, in der sie sich u. a. zur Unterstützung nationaler Antidopingagenturen verpflichten. Zu den Neuerungen im Code zählen flexiblere Sanktionen (bis zu vier Jahren Erststrafe bei schweren Vergehen) und eine erweiterte Kronzeugenregelung.Dopingbekämpfung im InternetDie Webseite der Wada: www.wada-ama.orgWeltdopingkonferenz in Madrid mit Livestreams: www.wadamadrid2007.comNationale Antidopingagentur (Nada): www.nada-bonn.de------------------------------"Pound hat in acht Jahren nicht einen Dollar für dieses Amt bekommen." Wada-Generaldirektor David Howman------------------------------Foto: Der härteste Sportfunktionär der Welt, der sich gleichzeitig demokratischen Prinzipien verpflichtet fühlt: Richard Pound (65), Wada-Präsident.