BERLIN, 18. Juli. Erstmals ist ein Mitverantwortlicher an der Verfolgung des DDR-Regimekritikers Robert Havemann verurteilt worden. Das Berliner Landgericht verhängte am Dienstag gegen den früheren Stasi-General Karli Coburger wegen Beihilfe zur Rechtsbeugung und Freiheitsberaubung eine einjährige Haftstrafe, die auf Bewährung ausgesetzt wurde. Die Richter sahen es als erwiesen an, dass Coburger in den 70er-Jahren an den drehbuchartigen Vorgaben des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) für einen Scheinprozess gegen Havemann beteiligt war. Die detaillierten Angaben des MfS hätten dazu gedient, einen politischen Gegner auszuschalten, begründete der Vorsitzende Richter Hans-Jürgen Brüning das Urteil.Havemann war im November 1976 vom Kreisgericht Fürstenwalde zu Hausarrest verurteilt worden, nachdem er in einem "Spiegel"-Interview die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann kritisiert und Reformen angemahnt hatte. Bis 1979 überwachten Stasi-Mitarbeiter die Familie Havemann rund um die Uhr.Klassischer DrehbuchfallHavemann sei ein "unbequemer Dissident" gewesen, den die Staatsführung ausschalten wollte, "wobei sie sich ihrer Organe bediente", begründete Richter Brüning das Urteil. Das Vorgehen gegen Havemann sei ein "klassischer Drehbuchfall". So entspreche das Urteil des Kreisgerichts den Konzeptionen für die Aufenthaltsbeschränkung. Aus den Urkunden ergebe sich zudem, dass auch das weitere Vorgehen der Justiz vom MfS vorgegeben worden sei. "Die Planungen gingen so weit ins Detail, dass Gerichtsbeschlüsse vorformuliert wurden", sagte Brüning. Coburger, damals stellvertretender Leiter der MfS-Hauptabteilung IX, habe das Vorgehen gebilligt. Das Gericht begründete dies mit einer Unterschrift Coburgers unter ein Konzept über die rechtlichen Möglichkeiten sowie dessen Einbindung in die weiteren Maßnahmen gegen Havemann. Dessen Verurteilung sei Rechtsbeugung gewesen, da sie vom DDR-Recht nicht gedeckt gewesen sei.Der 70-jährige Angeklagte hatte eine Mitverantwortung für die Repressalien gegen Havemann zurückgewiesen. DDR-Staatschef Erich Honecker habe die Entscheidungen getroffen. Verteidiger Erich Buchholz plädierte am Dienstag auf Freispruch. Die Unterschrift seines Mandanten unter das Konzept könne nicht als Billigung gewertet werden. Die Anklage hatte eineinhalb Jahre Haft auf Bewährung gefordert. Ein zweiter Fall bezüglich der Verurteilung Havemanns wegen eines Devisenvergehens wurde eingestellt. Bereits vor zwei Wochen war ein mitangeklagter MfS-Untersuchungsführer wegen mangelnder Beweise freigesprochen worden.DDR-JUSTIZ Prozesse // Vor dem Landgericht Neuruppin müssen sich seit Januar zwei DDR-Staatsanwälte in einem Wiederholungsprozess wegen Rechtsbeugung im Fall Havemann verantworten.Die Staatsanwaltschaft hat Bewährungsstrafen beantragt, die Verteidiger forderten Freisprüche. Das Urteil wird am kommenden Montag erwartet.Im ersten Verfahren hatte das Landgericht Frankfurt (Oder) die Juristen freigesprochen. Der Bundesgerichtshof hob diese Urteile auf.