Neuilly-sur-Seine. Ein wohlhabender Vorort, westlich von Paris. Der Psychiater David Servan-Schreiber, in weißem Hemd und weißer Jeans, empfängt im Salon seiner Wohnung. Im Nebenraum spielt jemand Klavier, einer seiner Brüder bringt eine schwere silberne Kanne mit grünem Tee. In den Regalen stehen die Bücher von Servan-Schreiber in mehreren Sprachen. Sein neuestes befasst sich mit Krebs: "Das Antikrebsbuch" ist ein leidenschaftliches Plädoyer für eine gesunde Lebensweise und zugleich ein autobiografischer Bericht.Monsieur Servan-Schreiber, was haben Sie heute gegessen?Zu Mittag gab es Tofu in gedünsteten Zwiebeln, mit schwarzem Pfeffer und dem indischen Gewürz Kurkuma. Dazu Bio-Gemüse, Karotten, Brokkoli, die ich im Dampftopf zubereite. Als Vorspeise gab es Kabeljauleber auf einer Scheibe Bio-Mehrkornbrot mit etwas Zwiebeln, Oregano und Sojasauce und zum Dessert rote Früchte mit Ingwersirup auf der Grundlage von Agavensirup.Und zum Frühstück?Eine Mischung aus roten Früchten mit frischem Ingwer und Sojamilch. Und es war noch was drin, Moment, was war das ...Knoblauch?Aber nein, nicht zum Frühstück. Es war Agavensirup. Ja. Und dazu grünen Tee.Und das alles schmeckt Ihnen?Ich mag es sehr, und mehr noch: Wenn ich nicht auf diese Weise esse, bin ich unglücklich. Abgesehen davon, dass es gut schmeckt, spürt man, dass man seinem Körper etwas Gutes getan hat.Ich habe heute früh einen Apfel gegessen und ein Croissant ...Croissants sind minderwertige Nahrung - nur Zucker und gehärtete Fettsäuren.Und mittags in Paris in einem Bistro Kaninchen Jägerart und Reis. Habe ich mich vergiftet?Kaninchen ist nicht das schlimmste Fleisch, es ist nicht fett. Wenn es ein Stallkaninchen war, haben Sie vielleicht eine Menge Hormone mitgegessen. Aber wenigstens war es kein rotes Fleisch, das sollte man wirklich vermeiden.Muss ich mich jetzt kasteien in den nächsten Tagen?Nein. Ich sage ja nicht, dass man nie mehr ein Croissant, nie mehr Kaninchen Jägerart und nie mehr Steak Chateaubriand essen soll, das wäre ja sehr traurig, wenn man das sehr gern mag. Mir schmeckt das alles nicht mehr. Das ist wie beim Rauchen, wenn man raucht, kann man sich nicht vorstellen, dass man eines Tages keine Lust mehr auf eine Zigarette haben wird. Es gibt zwar Leute, bei denen das anders ist, aber bei den meisten hört der Appetit irgendwann auf. Ich habe Zigarren geraucht, und ich habe das sehr genossen, heute rauche ich nicht mehr. Es fehlt mir nicht.Manchen fällt es nicht so leicht, auf alles zu verzichten.Aber man muss doch nicht auf alles verzichten. Allerdings: Auf Pommes Frites sollte man komplett verzichten. Die sind wirklich sehr schlecht. Wenn man damit aufgehört hat und sie später wieder einmal isst, spürt man, wie einem schlecht wird. Man muss wirklich daran gewöhnt sein, sonst verträgt man sie nicht, das ist wie bei Drogen. In den westlichen Gesellschaften gibt es Leute, die drei Mal am Tag Dinge essen, die Krebs erzeugen oder sein Wachstum beschleunigen. Oft ist das Frühstück die schlechteste Mahlzeit. Vor allem in Deutschland, ich war vor ein paar Monaten dort, das Hotelfrühstück ist wirklich nicht empfehlenswert.Das klassische deutsche Frühstück mit Wurst, Käse und Eiern halten Sie für gesundheitsschädlich?Wurstwaren sind mit das Schlimmste. Das ist erwiesen. Sie können das nachlesen im berühmten Bericht des Fond Mondial de la Recherche contre le Cancer, der im Herbst 2007 erschienen ist, 550 Seiten. Eines der schlimmsten Dinge ist rotes Fleisch aus Massentierhaltung und darunter besonders die Wurst. Nicht nur weil sie voll schlechter Omega-6-Fette ist, sondern weil sie auch noch Nitrosamine enthält, das sind Konservierungsstoffe, die krebserregend sind. So etwas zum Frühstück zu essen, ist wirklich verrückt. Man sollte ohnehin nicht mehr als 200 Gramm rotes Fleisch pro Woche essen, viele verzehren diese Menge schon pro Tag. Man gräbt sich sein Grab mit den eigenen Zähnen - so könnte man das nennen. Besonders besorgniserregend ist die Ernährung der Kinder. Es beginnt schon mit dem Cornflakes-Frühstück. Oder die Kindermenüs in den Restaurants. Pommes Frites und Schnitzel, Eis, Cola, Limonaden.Sie haben selbst einen 13-jährigen Sohn. Wie haben Sie es geschafft, ihn gesund zu ernähren? Die meisten Kinder sind wild auf Süßigkeiten und Pizza.Wir haben von klein auf damit angefangen, das hilft. Außerdem hatten wir keinen Fernseher, er war nicht der Werbung ausgesetzt. Werbung beeinflusst Kinder enorm. Man muss sie sehr früh ermutigen, so wenig Süßigkeiten und gezuckerte Getränke wie möglich zu konsumieren. Und wenn sie es schon tun, dann ist es wichtig, dass sie Sport machen. Bewegung kann das bis zu einem gewissen Maß wieder ins Gleichgewicht bringen.In Ihrem Buch stellen Sie den Zusammenhang zwischen Krebs und Lebensstil heraus. Das heißt letztendlich - man ist selbst schuld, wenn man Krebs bekommt. Ist das nicht eine zusätzliche Belastung für den kranken Menschen?Die Idee, den Patienten verantwortlich zu machen für seine Krankheit, macht natürlich Angst, aber ich sage ja nicht: "Sehen Sie, jetzt haben Sie Krebs. Das ist Ihre Schuld. Hätten Sie mehr Brokkoli gegessen und sich mehr bewegt ..." Ich habe mehrere Antworten auf solche Vorwürfe. Die erste: Ich habe mich nie auch nur eine Sekunde schuldig gefühlt, als ich selbst Krebs hatte. Im Gegenteil, ich wäre ungeheuer wütend gewesen, wenn man mir nicht alle Informationen zur Verfügung gestellt hätte, um sich selbst zu schützen. Die andere Befürchtung ist, den Patienten falsche Hoffnungen zu machen. Das ist richtig - falsche Hoffnungen sollten nicht geweckt werden. Aber wenn man den Leuten nicht sagt, an welchen Punkten sie sich vor Krebs schützen oder den Heilungsprozess unterstützen können - Brokkoli heilt keinen Krebs, kann aber bei der Heilung helfen - wenn man all das dem Patienten vorenthält - wie kann er sich dann selbst helfen?Sie sind mit 32 Jahren das erste Mal an einem Hirntumor erkrankt. Später hatten Sie einen Rückfall. Jetzt leben Sie seit sieben Jahren symptomfrei. Haben Sie nach den Ursachen Ihrer eigenen Erkrankung geforscht?Ich habe in meinem Buch fünf Hauptursachen für die Krebsepidemie der westlichen Industrienationen genannt. Der rapide Anstieg von Krebserkrankungen begann etwa 1940, also mit Beginn der industriellen Ernährung und Landwirtschaft. Ursache Nummer eins: industriell verarbeiteter Zucker. Ursache Nummer zwei: gehärtete Fettsäuren (Transfettsäuren), wie sie in Pizza, Margarine, den meisten industriell hergestellten Fertignahrungsmitteln enthalten sind. In New York sind die Transfette inzwischen in Restaurants verboten, in Dänemark sind sie generell verboten. Zum Zusammenhang zwischen Ernährung und Krebs gibt es inzwischen genügend Untersuchungen der WHO. Im ländlichen China fanden die Forscher keinen einzigen Fall von Brustkrebs, aber wenn chinesische Frauen nach Europa oder in die USA kommen, sind sie genauso von Krebs betroffen. Es gibt eine neue Untersuchung unter französischen Frauen: Diejenigen, die häufig gehärtete Fettsäuren aufnehmen, haben ein doppelt so hohes Risiko, an Brustkrebs zu erkranken. Ursache Nummer drei ist die fortschreitende Umweltverschmutzung. Insektizide, Pestizide, Weichmacher in Kunststoffen, krebserregende Substanzen in Kosmetika und Reinigungsmitteln. All das gibt es erst seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in diesem Ausmaß. Ursache Nummer vier: Bewegungsmangel. Ihre Großeltern und Eltern sind vermutlich noch zu Fuß zur Schule gegangen. Und Sie? Vermutlich nicht. Ich kenne heute niemanden mehr, dessen Kinder mehr als fünf Minuten täglich zu Fuß zur Schule unterwegs sind. Die meisten werden von ihren Eltern gefahren. Man kann sich heute nicht mehr vorstellen, mehr als 40 Minuten irgendwohin zu Fuß zu gehen, unser natürliches Verhältnis zur Bewegung im Alltag ist aus dem Lot. Und die fünfte und letzte Ursache: Das soziale Netz, das sich völlig verändert hat und das der Hauptfaktor ist beim Schutz vor Stress. Die Qualität unserer emotionalen Beziehungen, die uns umgeben. In den USA ziehen die Leute etwa alle fünf Jahre um, alle fünf Jahre verliert man Freunde, Nachbarn, Familie. Man ist mehr und mehr allein. Auch das ist anders als vor dem Zweiten Weltkrieg. Nicht, dass ich das alles verteufle, aber es sind eben Faktoren, die zur Krebsepidemie führen.Trafen alle fünf Ursachen für Krebs auf Sie selbst zu?Ja, wie für die meisten Menschen. Ich denke, vor allem in Pittsburgh, Pennsylvania, wo ich lange gelebt habe, war ich starker Umweltverschmutzung ausgesetzt. Die Böden sind dort kontaminiert. Krebs ist die Folge eines Ungleichgewichts der Kräfte. Es gibt selten eine Ursache allein. Auf der anderen Seite gibt es das Immunsystem, die Kontrollfunktion über die Entzündungen im Körper. Gute Nahrung enthält Stoffe, die Entzündungsprozesse verlangsamen.Genetische Ursachen haben Sie nicht genannt.Es gibt sie, aber nur etwa zu 15 Prozent, und das ist abhängig von der Krebsart. Ich gebe in meinem Buch keine Wunderrezepte, wie es Scharlatane tun, die versprechen: Ich kann Sie zu 100 Prozent schützen. Aber man kann auf sehr vernünftige Weise versuchen, das Gleichgewicht herzustellen, indem man die krebshemmenden Einflüsse stärkt. Damit verbessert man seine Chancen, niemals an Krebs zu erkranken oder ihn besser unter Kontrolle zu halten, wenn er bereits da ist. Eine der wichtigsten Lektionen, die einen der Krebs lehrt ist: Man muss das Leben nähren. Dadurch lebt man ein intensiveres, vibrierenderes Leben.Was heißt das - das Leben nähren? Das klingt nach New Age Medizin.Das hat damit gar nichts zu tun. Es geht um die Pflege der Beziehungen zu den anderen, um die Lebensfreude, das Vergnügen, den Sinn, den man seinem Leben verleiht. Man kann sein Leben bereichern, es mit Freude und Energie leben, damit bereitet man den Nährboden vor, der einen vor Krebs schützt.Der Krebs als letzte Chance, auf den richtigen Weg zu gelangen? Das macht aus allen, die an Krebs erkranken, armselige Wesen, die ihr Leben auf kleiner Flamme gelebt haben. Die Philosophin Gillian Rose, vor dreizehn Jahren an Krebs gestorben, hat diese Sichtweise als "gnadenlos" bezeichnet.Sie simplifizieren die Dinge. Ich glaube, dass man das Leben sehr wohl nähren kann, ohne krank zu sein. Aber die meisten Menschen, ich eingeschlossen, sind sich darüber nicht bewusst, bis sie sich eines Tages mit der Krankheit konfrontiert sehen. Vorher hält man das Leben für ein Geschenk, das einem gehört. Man betrachtet es als Selbstverständlichkeit und nicht als seinen Garten. In dem Moment, in dem man es als Garten betrachtet, weiß man, dass man es pflegen und kultivieren muss.In Deutschland machen die meisten Krebspatienten nach einer konventionellen Behandlung eine Kur, dort werden Ernährungspläne aufgestellt, psychologische Gespräche geführt, die Broschüren, die dort verteilt werden, decken sich mit dem, was in Ihrem Buch steht. Ihre Mission scheint schon angekommen zu sein.Ich habe es anders erlebt. Im Angesicht der Krankheit wird vielen Patienten eine falsche Hoffnungslosigkeit eingeflößt. Man behandelt sie konventionell - dazu gibt es auch keine Alternative - und lässt sie nach Operation und Chemotherapie allein. Niemand stellt die Frage nach der Schuldzuweisung an den Patienten bei den Herzkrankheiten. Jeder weiß, dass es bei diesen Krankheiten besser ist, nicht zu rauchen, auf Bewegung und Ernährung zu achten. Und dabei sagt niemand, dass man den Herzpatienten Schuld zuweist, das gilt nur für die Krebserkrankungen.Hat die Frage nach der Schuld vielleicht damit zu tun, dass schon im Mittelalter ein Zusammenhang zwischen Krebs und Charakter hergestellt wurde? Krebs galt als Manifestation der Melancholie. Sie selbst stellen in Ihrem Buch die Existenz einer Krebspersönlichkeit nicht in Frage. Susan Sonntag hat sich dagegen verwehrt - und sie selbst war ja in ihrer Vitalität und Produktivität alles andere als diese passive, unterdrückte Persönlichkeit, die Krebs geradezu anzieht, wenn man dieser Theorie glaubt.Damit bin ich völlig einverstanden. Dennoch - es gibt den Persönlichkeitstyp C, ich habe ihn nicht erfunden. Die psychische Disposition ist ein Faktor, kein großer, aber ich glaube, dass sie eine Rolle spielt.Dazu schreiben Sie: "Bei den Typ-C-Persönlichkeiten handelt es sich oft um Menschen, die sich zu Recht oder Unrecht als Kinder nicht ganz willkommen gefühlt haben. Ihre Eltern waren vielleicht gewalttätig oder jähzornig oder einfach kalt, distanzlos und fordernd... Diese Kinder werden selten wütend (manche nie!) und sind "richtig nette" Erwachsene, "immer hilfsbereit"... sie gehen Konflikten aus dem Weg, und sperren ihre Wünsche und Bedürfnisse tief in sich ein, manchmal für den Rest des Lebens ...". Schadet die Psychologisierung in diesem Fall nicht mehr, als sie hilft?Es gibt inzwischen genug wissenschaftliche Beweise dafür, dass Menschen, die lange in einem Zustand der Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit leben, eher in Gefahr sind, Krebs zu entwickeln. Ich glaube nicht, dass das die Ursache für Krebs ist, nicht in dem Maße wie das Rauchen, aber es ist einer der Faktoren.Kann man seiner Persönlichkeit entkommen?Es handelt sich nicht um die Persönlichkeit, sondern um das Gefühl der Ohnmacht. Als Psychiater weiß ich, dass man aus diesem Zustand herauskommen kann. Jeder kann das, da gibt es keine Ausnahme.Die Psychoanalyse empfehlen Sie in Ihrem Buch nicht als geeignete Methode.Nicht dann, wenn jemand schwere psychische Traumata erlitten hat. Die Tatsache, dass jemand seine Geschichte erzählt, lässt ihn vielleicht rational etwas lernen, aber im Ganzen betrachtet, heilt es ihn nicht. Das weiß man inzwischen auch. Heilung geschieht eher über den Körper, es gibt bessere Methoden, das Gleichgewicht zwischen Körper und Seele herzustellen, als die Rede-Kur der Psychoanalyse. Als Psychiater beschäftige ich mich viel mit posttraumatischen Störungen. Im Moment arbeiten wir an der Universität von Pittsburgh an einer Studie zur Behandlung von Kriegsveteranen, die aus dem Irak zurückkommen.Als junger Arzt waren Sie für "Médecins sans frontières", Ärzte ohne Grenzen, in Kriegsgebieten. Hatten Sie selbst als Arzt Ohnmachtsgefühle angesichts dessen, was Sie gesehen haben?Ja. Natürlich. Ja. Am schlimmsten war das im Irak, 1991. Da ist mir ein Baby, ein kleines Mädchen, unter den Händen gestorben. Das war in einem kurdischen Dorf, unmittelbar nach dem ersten Irak-Krieg. Nach den Terrorangriffen von Saddam Hussein gegen die kurdische Bevölkerung sind etwa eine Million Kurden in die Berge geflüchtet, es schneite ununterbrochen, es war unerträglich kalt, die Menschen starben wie die Fliegen. Nach meiner Rückkehr habe ich zusammen mit sieben Kollegen in den USA "Médecins sans Frontières Amerique" gegründet.Hatte Ihr Engagement dafür etwas mit Ihrer Krebserkrankung zu tun?Nein. Ich hatte schon vorher für "Médecins sans frontières" gearbeitet, 1994 war ich in Sarajevo, später in Indien, dann im Kosovo. Ich habe durch "Ärzte ohne Grenzen" andere Behandlungsmethoden kennen gelernt. In Indien, in Dharmshala, dem Exil der Tibeter, habe ich deren Behandlungsmethoden betrachtet. Sie unterscheiden sich fundamental von unseren. Meditation, Ernährungslehre, Pflanzenheilkunde, Yoga - und all das machte mir einen sehr hilfreichen Eindruck. Während meines Medizinstudiums spielten alternative Behandlungsmethoden überhaupt keine Rolle. Ich habe dann einiges davon in meine Praxis als Psychiater übernommen und später das Zentrum für alternative Medizin an der Universität Pittsburgh gegründet. Wir haben dort nicht nur psychiatrische Probleme behandelt, es gab auch einige Krebs-Patienten. Zwei Jahre später hatte ich meinen Rückfall. Damals war ich dann schon in der Lage, mir mit den alternativen Methoden auch selbst zu helfen. Dennoch - ich wurde zwei Mal operiert und habe insgesamt 13 Monate Chemotherapie hinter mir. Ich gehöre nicht zu den Gurus, die konventionelle Methoden in Frage stellen.Hat der Rollenwechsel vom Arzt zum Patienten Ihr Selbstverständnis als Arzt verändert?Für einen Arzt ist es nicht leicht, sich auf der anderen Seite wiederzufinden und seinen Status zu verlieren. Ich habe mich anfangs etwas peinlicher Mittel bedient, um gegen diesen Verlust anzukämpfen. Bei Arztterminen trug ich selbst meinen Arztkittel, mit Namen und Titel, aber ich habe sehr schnell begriffen, dass das wenig half. Und letztendlich hat es mir sogar geholfen, wieder Geschmack an meinem Beruf zu finden, weil ich gemerkt habe, dass man ihn auch menschlicher ausüben kann. Als junger Arzt hatte ich eine gewisse Arroganz und wenig Interesse am Patienten. Ich sah mich als Wissenschaftler, als Forscher. Der Patient lieferte eher das Material. Er ist eine Liste von Symptomen, und es ist für ihn sehr schwierig, seine Integrität als vollständiges menschliches Wesen zu behalten. Als Patient habe ich zum Beispiel gelernt, dass es sehr unangenehm ist, wenn der Arzt während des Gesprächs im Krankenzimmer steht - um zu zeigen, dass er wenig Zeit hat. Ich mache das nicht mehr. Ich setze mich hin, das entspannt den Patienten, und tatsächlich kommt man dadurch besser ins Gespräch.Wie sehen Sie die Zukunft der medizinischen Versorgung?Vor ein paar Wochen habe ich in den USA etwas Schreckliches gehört: Krankenversicherungen haben angekündigt, von ihren Patienten 30 Prozent der Medikamentenkosten zurückzuholen. Es gibt Krebsmedikamente, die pro Jahr 100 000 Dollar kosten. Das heißt, Patienten müssten etwa 33 000 Dollar zurückzahlen.Das heißt, dass sich nur noch Reiche eine Behandlung leisten können.Ich beobachte schon lange, dass unser System direkt gegen die Wand fährt, wenn Krebs sich in unserer westlichen Gesellschaft weiter so entwickelt. Wenn man die Onkologen fragt, was sie brauchen, rufen sie nach mehr Geld für die Forschung. Nach besseren Medikamenten, besseren Untersuchungs- und Operationsmethoden. Nur drei Prozent gehen in die Präventionsforschung.Weil niemand davon profitiert?Genau deshalb. Ich bin kein Weltwirtschaftsökonom, ich kann nur vom medizinischen System sprechen. Es ist unbedingt notwendig, dass jeder seine Gesundheit in die eigenen Hände nimmt und seinen Nährboden pflegt. In einem System, in dem viel Geld damit verdient wird, Nahrungsmittel mit Transfetten zu verkaufen und Sie dann irgendwann Hunderttausende von Dollar bezahlen müssen, um gegen Krebs behandelt zu werden, müssen Sie sich so gut wie möglich selbst vor der Krankheit schützen. Niemand tut das sonst für Sie.------------------------------David Servan-SchreiberFoto: David Servan-Schreiber wurde 1961 in Neuilly-sur-Seine geboren. Er entstammt einer alten Gelehrten- und Journalistenfamilie. Sein Vater gründete die Wochenzeitschrift "L'Express".Nach dem Studium der Medizin und Psychiatrie hat Servan-Schreiber mehr als zehn Jahre lang in den USA Grund-lagenforschung in neurokognitiven Wissenschaften betrieben, bevor er wieder als Psychiater arbeitete. An der Universität von Pittsburgh, wo er bei dem Nobelpreisträger Herbert Simon promovierte, begründete er das "Center for Complementary Medicine".Vor fünfzehn Jahren wurde bei ihm selbst durch Zufall ein Hirntumor diagnostiziert. Zuerst schöpfte er alle Möglichkeiten der Schulmedizin aus. Erst nach einem Rückfall begann er, sich mit den Möglichkeiten eines veränderten Lebensstils zu beschäftigen. Seine Erkenntnisse, die besonders auf eine Umstellung der Ernährung zielen, beschreibt Servan-Schreiber in seinem gerade auf Deutsch erschienenen Buch: "Das Antikrebsbuch. Was uns schützt: Vorbeugen und Nachsorgen mit natürlichen Mitteln". Es erschien im Verlag Antje Kunstmann. Sein vorheriges Buch "Die neue Medizin der Emotionen" stand jahrelang weltweit auf den Bestseller-Listen.Servan-Schreiber gründete die US-amerikanische Sektion von "Ärzte ohne Grenzen" und arbeitete inKriegsgebieten wie dem Kosovo und im Irak. Er lehrt heute als Professor der Psychiatrie in Pittsburgh und Lyon.