Berlin - Die Zeitarbeit boomt, die Beschäftigung steigt rasant. Trotzdem sind die Arbeitsplätze extrem instabil. „In keiner anderen Branche ist das Risiko des Job-Verlustes so hoch wie in der Leiharbeit“, schreibt DGB-Arbeitsmarktexperte Wilhelm Adamy in einer Analyse, die dieser Zeitung vorliegt. „Daran hat auch die wieder anziehende Konjunktur nichts ändern können.“

Seit Mitte 2009 zieht die Beschäftigung in der Zeitarbeit wieder an, in jüngster Zeit ist sie sogar zweistellig gewachsen. So gab es laut DGB im Mai rund 800 000 Leiharbeiter-Jobs, rund 20 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Die Arbeitgeber jubeln über den Aufwärtstrend: Die Branche erweise sich einmal mehr als „Instrument der ersten Wahl gegen die Arbeitslosigkeit“, so der Interessenverband deutscher Zeitarbeitsunternehmen. Denn Hunderttausende Leiharbeiter seien zuvor arbeitslos gewesen.

Keine Brücke zum festen Job

Doch das ist nur eine Seite der Medaille. Denn viele Beschäftigte sind ihren Job auch schnell wieder los. So haben sich im vergangenen Jahr laut Bundesagentur für Arbeit rund 347 000 Leihkräfte arbeitslos gemeldet. Das Risiko der Arbeitslosigkeit war damit für Zeitarbeiter „mehr als fünfmal so hoch wie für die Beschäftigen über alle Branchen hinweg“, so DGB-Experte Adamy. In den ersten sieben Monaten dieses Jahres sind bereits 215 000 Leihkräfte wieder arbeitslos geworden. Ein Großteil von ihnen ist nach dem Arbeitsplatzverlust sofort auf Hartz IV angewiesen. Dies gilt laut BA für mehr als 94 000 Menschen – fast 40 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.

Als Gründe nennt der DGB kurze Beschäftigungszeiten und niedrige Löhne. Für das hohe Arbeitsplatz-Risiko macht Adamy die Unternehmen verantwortlich: „Heuern und Feuern ist bei vielen Verleihern immer noch an der Tagesordnung“, schimpft er. „Läuft ein Auftrag aus, werden die Risiken schnell auf Betroffene und die sozialen Sicherungssysteme abgeladen.“

Die Arbeitgeber haben eine andere Erklärung dafür, dass trotz der wirtschaftlichen Erholung viele Leiharbeiter rasch wieder ins Jobcenter müssen. „Wir rekrutieren am Bodensatz des Arbeitsmarkts“, sagt Thomas Bäumer, Vize-Präsident des Bundesarbeitgeberverbands der Personaldienstleister. Die Branche stelle viele Menschen ein, die vorher arbeitslos waren und nur über die Zeitarbeit eine Job-Chance hätten. Wenn eine Beschäftigung ende, liege dies oft an den Arbeitnehmern: Manche kämen nicht pünktlich zur Arbeit, andere könnten die nötige Leistung nicht bringen, wieder andere „schmeißen hin“, weil sie verschuldet sind und ihr Gehalt gepfändet wird. Manchmal scheitere eine längere Beschäftigung auch schlicht daran, dass der Betroffene kein Auto hat und der Weg zur Arbeit ein Problem ist. Welche Gründe auch immer dahinter stecken: Für viele Menschen scheint Zeitarbeit auch im Boom keine Brücke in eine sichere Beschäftigung zu sein.

Weniger als drei Monate

Auch in der Vergangenheit waren Leiharbeits-Jobs ausgesprochen instabil, wie neue Analysen zeigen. So hat sich das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) Vollzeitstellen in der Zeitarbeitsbranche über mehrere Jahre angeschaut. Das Ergebnis: Rund 50 Prozent der Beschäftigungsverhältnisse sind kürzer als drei Monate, fast 70 Prozent sind kürzer als sechs Monate.

Das IAB wollte auch wissen, ob Leihkräfte nur kurze Arbeitslosen-Phasen haben und langfristig doch den Wechsel in eine reguläre Festanstellung schaffen. Die Forscher haben sich deshalb Beschäftigte angeschaut, die 2006 Leiharbeiter waren und nachverfolgt, was diese Menschen in den folgenden zwei Jahren gemacht haben. Das Ergebnis: Nur 25 Prozent waren in den beiden Folgejahren überwiegend außerhalb der Leiharbeit beschäftigt. 31 Prozent blieben in der Zeitarbeit kleben und 17 Prozent waren überwiegend arbeitslos.





Berliner Zeitung, 11.08.2011