Rita Süssmuth und Kurt Biedenkopf haben ihre politischen Memoiren veröffentlicht: Abrechnung mit Helmut Kohl

BERLIN, 9. Oktober. "Wer nicht kämpft, hat schon verloren", hat Rita Süssmuth als Titel gewählt. Ihr Buch hat schon vor Erscheinen Aufsehen erregt. Als Abrechnung mit Helmut Kohl wurde es angekündigt, als schonungslose Auseinandersetzung mit dem Machtgebaren des früheren CDU-Kanzlers.Heiner Geißler, der bei der Präsentation am Montag im Berliner Presseclub in die bei Econ verlegten Memoiren seiner Parteifreundin einführt, weiß also, was die Zuhörer von ihm hören wollen. Kritische Worte gegen den Mann, der 25 Jahre die Geschicke der Union gelenkt hat. "Da muss ich Sie enttäuschen", dämpft er die Erwartungen. Der Konflikt mit Kohl sei nicht der zentrale Punkt.Das hindert den einstigen CDU-Generalsekretär nicht daran, Kohl wegen seines Verhaltens in der Spendenaffäre frontal anzugehen. Die Weigerung, die Namen der anonymen Spender zu nennen, sei "keine Lappalie oder Pipifax". Dieses Verhalten verstoße gegen die Substanz der Demokratie. Einmal in Fahrt, rückt er auch noch Kohls Rolle nach der Wende in der DDR zurecht: " Helmut Kohl hat nicht die deutsche Einheit gerettet, aber die Einheit hat ihn gerettet.""Einen unverzichtbaren Beitrag zur geschichtlichen Wahrheit" nennt Geißler die Erinnerungen der früheren Bundestagspräsidentin. Sie, die innerhalb der eigenen Partei angefeindet worden sei, habe dafür gesorgt, dass die Botschaft der Geistesfreiheit nicht erstickt. Geißler nutzt die Gelegenheit, innerparteiliche Gegner zu attackieren. Leute, die "in ihrer Mittelmäßigkeit" nicht ertragen könnten, dass andere geistreicher, klüger und kunstverständiger seien. Christdemokraten, die in einer "Konformität des Denkens" gefangen seien. Nationalkonservative, die nach dem Verlust ihres kommunistischen Feindbildes Menschen in den eigenen Reihen als links, sozial und feministisch anzuschwärzen versuchten. Leider habe die damalige Parteiführung geglaubt, aus taktischen Gründen auf solche Leute Rücksicht nehmen zu müssen. "Das war", so Geißler, "eine grandiose Fehleinschätzung." "Kein Ehrenwort kann über das Gesetz gestellt werden", hat Süssmuth in ihrem Buch geschrieben. Sie vertieft diesen Punkt ihrer Kritik an Kohl nicht, aber sie warnt nachdrücklich vor den Gefahren, wenn Macht sich abkapsele oder verselbstständige. Man habe ihr vorgehalten, sich zu sehr bei den Randgruppen aufzuhalten. Ausgrenzungen seien jedoch mit dem Anspruch, "mitten im Leben" zu stehen, nicht zu vereinen. Ihre eigene Partei müsse sich vor Populismus und faulen Kompromissen schützen. "Denn die sind Giftspritzen in die Demokratie." Ortswechsel. Im neuen Bundesratsgebäude stellt der Siedler-Verlag Kurt Biedenkopfs "Ein deutsches Tagebuch" vor. Mit niemanden werde im Buch des sächsischen Ministerpräsidenten "planmäßig abgerechnet", sagt Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker bei seiner Würdigung. Wirklich nicht? Niemand kommt im Personenregister häufiger vor als Helmut Kohl. Und einige Sätze haben es in sich. "Kohl hat nur noch ein Ziel: der erste Kanzler des geeinten Deutschland zu werden. Dafür nimmt er so ziemlich alle Stilbrüche und sonstigen Fehler in Kauf", notiert Biedenkopf am 2. März 1990. Und an anderer Stelle hält er Kohl vor, "weder die Größe noch die Weitsicht" gehabt zu haben, die SPD bei der Vereinigung einzubeziehen. Eine Abrechnung habe er nicht versucht, versichert der Autor. Er habe stets zwischen dem Staatsmann Kohl und dem CDU-Vorsitzenden unterschieden. Mit dem einen habe er nie Probleme gehabt, mit dem anderen sehr wohl. Dies, so Biedenkopf, müsse man auseinander halten, "wenn man ihm gerecht werden will."Erinnerungen an den Vorsitzenden // "Kohl hatte weder die Größe noch die Weitsicht, die SPD einzubeziehen. Wäre ich an seiner Stelle gewesen, hätte ich Brandt gelobt, die Ostverträge und Helsinki hervorgehoben, zum Letzteren die Fehleinschätzungen der Union anklingen lassen und dann die Sozialdemokraten voll in die Bewältigung der Folgen der Revolution einge-bunden. " Kurt Biedenkopf "Helmut Kohl mochte meinen Widerspruch nicht, erwartete mehr parteigebundenes Den-ken, weniger Offenheit für Andersdenkende, weniger Konfrontation. Er versuchte, mich zu disziplinieren, mich auf Linie zu bringen. " Rita Süssmuth "Kohl hielt nichts von geteilter Macht, von Ämtertrennung, son-dern setzte, wie sein großes Vorbild Adenauer, auf Machtkonzentration. " Rita Süssmuth "Kohls Fehler war, dass er negative Berichte aus den neuen Bundesländern als Kritik an seiner Vereinigungspolitik auffasste und nicht von sich abstrahierte, um dem Wahrheitsgehalt der Berichte nachzuspüren. Die Einheit, das war sein Werk. Das ließ er sich nicht kaputtmachen. " Rita Süssmuth ARIS Rita Süssmuth präsentiert ihre Memoiren "Wer nicht kämpft, hat schon verloren", in denen sie Kritik an Altkanzler Helmut Kohl übt.