IQALUIT/PANGNIRTUNG. Ihren Beruf gibt Meeka Mike mit "Outfitter" an. Die 40-jährige Inuk-Frau lebt in Iqaluit in Kanadas Arktis-Territorium Nunavut. Sie führt Touristen, die in die Polarregion kommen, um Landschaft und Tiere zu erleben oder zu jagen, mit Hundegespann, Motorschlitten oder Boot in die eisige Weite. Wenn sie Zeit hat, geht sie selbst jagen. Das Fleisch der Robben und Karibus braucht sie, um ihre Hunde zu füttern. Die meisten der 200 bis 300 Robbenfelle, die sie jährlich nach Hause bringt, verkauft sie. Jetzt verfolgt Meeka mit Sorge die Nachrichten über die Europäische Union. Sollte diese ein Importverbot für alle Robbenprodukte beschließen, befürchtet sie negative Folgen für die Inuit-Gemeinden der Arktis.Furcht vor sinkenden PreisenDie Menschen in der Arktis hören von der Absicht in Europa, die Einfuhr von Robbenfellen zu stoppen. Sie hören von den Europäern, die Kampagne richte sich gegen Kanadas kommerzielle Jagd im St. Lorenz-Golf und vor Neufundland, nicht aber gegen die traditionelle Jagd der Inuit, wie die Eskimos sich selbst nennen. Aber viele glauben den Europäern nicht. Sie fürchten, dass der Markt zusammenbrechen könnte und die bescheidenen Einnahmen, die sie aus der Jagd erzielen, verloren gehen. "Ich verstehe nicht, warum andere Leute Gesetze erlassen, die uns schaden", klagt Meeka Mike.Wie sie denken viele in den Küstengemeinden Nunavuts. Jooeelee Papatsie und Limee Nakasuk aus Pangnirtung, das fast auf dem Polarkreis liegt, sind mit ihren Motorschlitten auf dem Eis des Pangnirtung-Fjords nach draußen gefahren, um Robben zu erlegen. Mitte Mai trägt das Eis immer noch, aber es ist nicht mehr so stark, wie die Jäger es von früher gewöhnt sind. Das liegt am Klimawandel, der hier deutlich spürbar ist. Mehrmals halten sie an und stoßen Eisenstangen in die Eisdecke, um ihre Dicke zu testen. Nebel liegt über dem Fjord, der Wind treibt Schneeflocken durch die eisige Luft. Trotzdem können sich die Inuit in der gleichförmig weißen Landschaft orientieren. Jooeelee hofft, dass er bis Ende Mai das Eis als Straße nutzen kann. An diesem Tag aber haben er und Limee kein Glück. Die beiden Jäger können nicht einmal bis zum offenen Wasser gehen, um nach Robben Ausschau zu halten. Das Eis wird am Ende des Fjordes zu brüchig. Ohne Beute kehren sie zurück."Robben sind das Wichtigste in unserem Leben", sagt Jooeelee. "Ein Einfuhrverbot würde uns stark treffen", sagt er. Er erinnert sich noch gut an das erste Importverbot der Europäer in den 80er-Jahren, das sich gegen die Tötung der "Whitecoats", der weißen, neugeborenen Robben bei Neufundland und im St.Lorenz-Golf richtete. Obwohl die Inuit keine Robbenbabys jagten, sahen sie sich als Opfer des Banns. Nunavuts Premier Paul Okalik, der im Alter von acht Jahren seine erste Robbe erlegte, spricht das deutlich aus: "Die Europäer zielten auf den Handel mit Whitecoats, aber sie zerstören die ganze Robbenfell-Industrie." Er widersetze sich nun jedem Importverbot "mit ganzer Kraft".Immer wieder ist in den Arktisgemeinden zu hören, wie damals in den 80er-Jahren der Weltmarkt für Robbenfelle zusammenbrach, der Preis von mehr als 20 Dollar auf fünf Dollar sank, und wie darunter ganze Gemeinden, in denen es kaum Arbeit gab, litten. Das Einfuhrverbot habe "die arktische Wirtschaft" zerstört, schreibt das Magazin Up here (Hier oben). Allein in dem 1 200 Einwohner zählenden Ort Pangnirtung seien die Einnahmen aus der Robbenjagd von 200 000 Dollar auf 42 000 Dollar gefallen. Zugleich stiegen die Sozialhilfeausgaben der Regierung drastisch an. Ob und wie weit das auch die damals steigende Selbstmord- und Kriminalitätsrate in den Arktis-Territorien verursachte, wird kontrovers diskutiert.Die Robbenjagd der Inuit in der Arktis ist anders als die kommerzielle Jagd vor Neufundland und im St. Lorenz-Golf. Die kommerzielle Jagd darf nur innerhalb weniger Wochen im Frühjahr stattfinden und zielt in diesem Jahr auf den Fang von 270 000 Sattelrobben. Im weiter nördlich gelegenen Territorium Nunavut, das überwiegend von Inuit bewohnt ist, wird dagegen rund ums Jahr Jagd gemacht, weil die Robben eine wichtige Nahrungsquelle sind. Außerdem jagen die Inuit eine andere Robbenart: die Ringelrobbe. Die Herde der Ringelrobben in Nunavut wird auf 1,5 bis drei Millionen geschätzt. Rund 30 000 bis 35 000 Tiere werden jährlich getötet. Mit dem romantischen Bild der traditionellen Jagd im Kajak und mit Harpune haben die modernen Inuit wenig gemein. Sie erlegen die Robben mit Gewehren, von PS-starken Motorbooten oder -schlitten aus. Aber die von Tierschützern heftig kritisierte Praxis, Robben zu erschlagen, wenden die Inuit nicht an.Die Robben liefern ihnen nahrhaftes Fleisch, aus den Fellen stellen sie Kleidung und Stiefel her. Was sie nicht brauchen, bieten sie auf Auktionen an. Nach offiziellen Angaben wurden in den vergangenen Jahren je 7 000 bis 10 000 Felle verkauft, die pro Stück 70 bis 100 Dollar brachten. Der Gesamterlös ist verglichen mit anderen Wirtschaftszweigen gering. Für die bis zu 150 Berufsjäger und eine größere Zahl von Teilzeit- und Hobbyjägern sind aber einige tausend Dollar durchaus wichtig: Sie können Benzin für Motorschlitten und Boote und Munition für ihre Gewehre kaufen - und wieder jagen gehen und ihre Familien ernähren. "Das ist unser Leben", sagt Meeka.Die Organisationen, die für den Robben-Importbann eintreten, betonen ebenso wie das europäische und das deutsche Parlament, die das Verbot fordern, dass sie nicht die Inuit treffen wollen. Der Bundestag spricht von der "traditionellen und deshalb ausdrücklich gestatteten" Jagd durch Inuit. Das Europaparlament erklärt, der Bann solle "keine Auswirkungen auf die traditionelle Inuit-Robbenjagd" haben. Auch David Lavigne, wissenschaftlicher Berater des Internationalen Tierschutzfonds IFAW spricht von der "langjährigen Politik, dass wir nicht gegen die Inuit-Robbenjagd sind". Ziel der Kampagne, in der der IFAW eine wichtige Rolle spielt, sei die kommerzielle Jagd in Kanada. Das Einfuhrverbot könnte Produkte aus der Jagd der Ureinwohner ausschließen - was deren Wert sogar steigern würde, wenn sie als solche deklariert würden, argumentiert Lavigne.Viele in Nunavut schenken den Bekundungen der Tierschützer und der Europäer aber keinen Glauben. Die Erfahrung der 80er- Jahre sitzt tief. "Die Preise gingen nach unten. Wir haben das durchgemacht, und das wird wieder passieren", sagt Premier Okalik, der den Tierrechts-Aktivisten vorwirft, sie würden mit der Kampagne gegen die Robbenjagd Geld auf Kosten der Inuit machen. "Ihr bringt uns in eine schwierige Position", sagt er, an die Adresse der Europäer gerichtet.Aaju Peters, eine Freundin von Meeka Mike, kann auch der Sympathie Europas für die "traditionelle" Jagd nichts Positives abgewinnen. Sie scheint darin gar eine kolonialistische Haltung zu erkennen. Bitternis klingt aus ihren Worten: "Was verstehen die Europäer unter traditionell? Sie wollen uns 500 Jahre zurückversetzen und sagen uns: Kleine Eskimos, wir kümmern uns um euch."------------------------------Ein Mensch pro hundert QuadratkilometerKarte: "Unser Land" bedeutet Nunavut in der Sprache der Inuit. Auf einer Fläche von der Größe Westeuropas leben knapp 30 000 Menschen, davon 25 000 Inuit (Eskimos). Mit einer Bevölkerungsdichte von einem Menschen pro 100 Quadratkilometer ist es eines der am dünnsten besiedelten Gebiete der Erde.Obwohl zu Kanada gehörend, hat Nunavut eine eigene Territorialregierung und einen Premierminister.------------------------------Foto: Ein Inuit-Jäger späht mit dem Fernglas nach Beute.------------------------------Foto: Nahrungsquelle und Felllieferant in der Arktis: die Robbe.