DRESDEN, 31. August. Dr. Frankenstein kommt aus Ohio. Er ist 75 Jahre alt, sehr schmal, immer in Bewegung und lacht gerne. Zu Hause hat er einen querschnittsgelähmten Patienten, dem er einen neuen Körper unter den Kopf operieren möchte. Jetzt ist der Doktor im Dresdener Hygienemuseum, hält einen kleinen Vortrag und anschließend soll er mit Professor Bernhard Linke darüber diskutieren, ob sich sein Vorhaben ethisch-medizinisch rechtfertigen lässt oder ob der praktizierende Katholik Robert J. White - so Dr. Frankensteins bürgerlicher Name - verdammt gehört.Bevor Dr. White auf dem Podium Platz nimmt, geht er erst einmal durch die Reihen der Besucher, nickt ihnen freundlich zu und sagt: "Ich freue mich, Sie hier zu sehen." Der zierliche alte Herr in dem cremefarbenen Leinenjackett wirkt wie der in die Jahre gekommene und vom Fleisch gefallene Grüßaugust eines einst renommierten Etablissements.Schmecken, riechen, sehen, hörenDie meisten der fast zweihundert Zuhörer sind unter dreißig. Sie lachen, als er seinen Vortrag um 19.30 mit einem "Guten Morgen everyone" beginnt. Danach kommen die Dias und einige knappe Kommentare dazu. Man sieht einen in einen Folterstuhl gezwängten Rhesusaffen, dessen Kopf einen Meter entfernt auf einer anderen Installation angebracht ist, dazwischen jede Menge Schnüre und Geräte. Es sei ihm gelungen, erklärt Dr. White, die entleibten Affen bis zu acht Tage am Leben zu halten. Die Köpfe hätten schmecken, riechen, sehen und hören können. Und beißen, sagt Dr. White und lacht. Leider nicht kräftig genug, dürfte mancher Betrachter denken, als Dr. White ein Dia zeigt mit einem in einer Garotte eingezwängten Rhesusaffen. Das Tier schreit. Dr. White sagt: "Er reißt das Maul auf, weil seine Atmung nicht funktioniert. Wir haben ihn dann von außen beatmet." Dr. White wird nicht müde, auf die technischen Schwierigkeiten hinzuweisen. Zunächst, so erläutert er, habe er es nicht geschafft, Venen und Arterien direkt zu verbinden. Er brauchte lange Kanülen, um Kopf und Körper in einem Blutkreislauf zusammenzuschließen. Dann aber, einige Versuche später, habe er auch dieses Problem bewältigt. Die nächsten Dias zeigen Zeichnungen, die klar machen sollen, wie die Operation funktioniert. Dann ist der kleine Kühlschrank zu sehen, der das Blut auf 10 Grad herunterbringt. Das klare Design des Kühlschranks erinnert an die Revolution, die Braun-Küchengeräte in den sechziger Jahren bewirkten.Dieser Kühlschrank verrät nichts über die finsteren Pläne seines heiteren Benutzers. Im Gegenteil. Er verrät, dass Dr. Frankenstein ein Simulant ist. Ein harmloser Irrer, der sich selbst für Dr. Frankenstein hält oder den das Hygienemuseum als solchen verkaufen möchte. Am Kühlschrank kann es jedem auffallen: Dr. White arbeitet nicht. Jedenfalls nicht auf seinen Dias. Keines der Fotos ist jünger als fünfundzwanzig Jahre alt. Die Rhesusaffen-Experimente, die ihn berühmt machten, fanden in den siebziger Jahren statt. Danach war nichts mehr von Dr. White zu hören. Jedenfalls nicht in der Fachpresse.Sein Vortrag im Hygienemuseum spart die Jahre zwischen den Rhesusaffen und seinen aktuellen Medienauftritten aus. Seinen weißen Kittel zieht er schon seit Jahren nur noch an, um Reportern zu imponieren. Mit denen geht er in den Keller des MetroHealth Medical Center in Cleveland und lässt sich dort in der eingestaubten Kulisse seiner inzwischen ein viertel Jahrhundert alten Heldentaten fotografieren. Dort findet sich auch immer noch neben höchst dekorativen Schädelbohrern und Elektroden wie aus einer Frankensteinverfilmung ein wundervoll schaurig aussehendes Gehirn in Formaldehyd. Was immer die Wissenschaft in den nächsten Jahren leisten mag, Dr. White wird nicht daran beteiligt sein. Er mag in der bioethischen Kommission des Vatikan herumspuken, wie er behauptet, aber ganz sicher wird er nie einen Menschen köpfen. Dr. White ist ein Papiertiger, gut für Podiumsdiskussionen und für die Erzeugung jener wohlig-schaurigen Gänsehaut, auf die in Medizindebatten offenbar Wert gelegt wird, aber gänzlich ungeeignet in der Rolle eines Dr. Frankenstein.Mary Wollstonecraft war zwanzig Jahre alt, als sie einer fröhlichen Intellektuellenrunde eines Nachts im Jahre 1817 in Byrons Villa am Genfersee die Gruselgeschichte von Victor Frankenstein vorlas. Der 75-jährige Dr. White ist im Jahr 2000 noch nicht sehr viel weiter. Auch bei ihm ist das meiste Fantasie. Gut fürs FeuilletonDr. White taucht in keinem medizinischen Who s who auf, seine Klinik in keiner Liste wissenschaftlicher Forschungsinstitute. Dr. White hat sich von der Medizin verabschiedet. Er existiert nur noch in den Medien. Dort aber ist er um so präsenter. Interviews erschienen im Magazin der "Süddeutschen Zeitung", in der "Welt" - und er wird seinen Spaß an ihnen haben. Auch wenn er kein Wort Deutsch versteht und auch keine Ahnung hat von den neuen Entwicklungen in der Medizin. Vielleicht niemals hatte. Dr. White ist gut fürs Feuilleton. Auf den Wissenschaftsseiten hat er nichts verloren. Sollte er aber wahr machen, was er androht, dann kommt er auf die politischen Seiten, denn dann winkt ihm eine Gefängnisstrafe. Er möchte darum, so erklärt er, seinen Patienten nach Kiew verfrachten, dort auf einen geeigneten Körper warten und dann den querschnittsgelähmten Craig Vetovitz mit ihm ausstatten.Nicht, dass Vetovitz nach dem Eingriff sich erheben und dankbar auf seinen Arzt zugehen könnte. Nein, das wird niemals geschehen. Denn Dr. White kann nähen, heilen kann er nicht. Vetovitz wird weiter vom Halse ab nichts mehr mit seinem Körper anfangen können. Dr. White versteht es nämlich nicht, zum Beispiel die Speiseröhren zusammenzupassen. Natürlich scheitert seine schneidernde Kompetenz an der wohl noch auf lange Sicht unlösbaren Aufgabe, die Zehntausende Nervenstränge im Rückenmark richtig zusammenzubringen. Wozu also die Operation?Craig Vetovitz Körper ist krank, so krank, dass sein Herz bald nicht mehr für die Blutversorgung des Gehirns sorgen kann, er müsste also sterben. Davor kann ihn Dr. White bewahren. Behauptet er. Wer einmal "Münchhausen" mit Hans Albers gesehen hat, wird sich an die entzückenden Frauenköpfe im Teich erinnern. Sie schwammen auf großen Blättern, palaverten mit dem Lügenbaron und schienen keine Trauer über ihre verschwundenen Leiber zu kennen. Dr. White hat "Münchhausen" nicht gesehen. Sonst würde er erzählen, dass er dabei sei, Nährlösungen für abgeschlagene Köpfe zu entwickeln. Er würde Dias zeigen, auf denen Köpfe zu sehen wären, die sprechen und singen. Vor allem aber würden sie wohl schreien und beißen, nach denen, die sie an langen Schläuchen am Leben hielten.Seit fünf, sechs Jahren zeigt sich Dr. White gerne mit Craig Vetovitz. Er scheint keine anderen Patienten zu haben. Aber auch Vetovitz ist nicht ganz der, für den er ausgegeben wird. Angeblich kann er sogar manchmal aufstehen. Freilich nur mit fremder Hilfe. Eine wirkliche Querschnittslähmung scheint nicht vorzuliegen. Jedenfalls kann man das im Internet unter www.clevescene.com in einem Eintrag vom 12.09.1999 nachlesen. Aber was stimmt bei Dr. White? Was stimmt nicht? In Dresden sagt er, er habe Erfahrung mit Kliniken in der ehemaligen Sowjetunion. Die letzten fünfunddreißig Jahre sei er immer wieder in Russland und in der Ukraine gewesen und habe dort gearbeitet. Darum wisse er, was dort möglich und was dort nicht möglich sei. Er sehe gute Chancen für seine Pläne in Kiew, vorausgesetzt, er bringe die erforderlichen acht bis zwölf Millionen Mark zusammen. Hat er wirklich die ganze Ära Breschnew hindurch in Russland operiert? Und warum? Und mit wessen Genehmigung und wie bekam er sie? Gab es mitten im Kalten Krieg nicht nur eine friedliche Koexistenz, sondern sogar eine Kooperation westlicher und östlicher Frankensteine?An diesem Abend ist das Rätsel nicht mehr zu lösen. Es ist auch nicht nötig, denn Dr. White wird uns noch eine Weile verfolgen. Er hat schon im Sommer 1976 erklärt, er werde bald den Kopf eines Menschen verpflanzen. Zur Untermauerung seiner Behauptung verschickte er Dias und Filme, die seine Erfolge bei Affen belegen sollten. Als ein deutsches Fernsehteam ihn besuchte, klappte bei den Affen nichts: "Beim ersten Experiment versagte der Kreislauf des Körperspenders, beim zweiten Versuch erhielt das Gehirn des Kopfaffen für kurze Zeit zu wenig Sauerstoff: es lebte zwar, wie sich dem EEG entnehmen ließ, anschließend noch weiter, war aber offenbar schon so weit geschädigt, dass ein ,normales Wiedererwachen nicht mehr zu Stande kam." So ist es in der Fachzeitschrift "Ärztliche Praxis" vom 2. Oktober 1976 nachzulesen.Die Diskussion mit Dr. LinkeDie Sendung - eine Produktion des Bayerischen Rundfunks - wurde damals ausgestrahlt. Das Deutsche Rote Kreuz war nicht die einzige Institution, die dagegen protestierte. Aber der Bayerische Rundfunk lehnte eine Absetzung des Films ab. Mit der Sendung solle vielmehr auf die Problematik solcher Operationen hingewiesen werden, hieß es. In einer anschließenden Diskussion wurden die verschiedenen Standpunkte erläutert. Die "Welt" befragte damals auch den Verhaltensforscher Konrad Lorenz. Der erklärte dem Blatt, er sei grundsätzlich gegen solche Experimente, "selbst unter Wissenschaftlern werden sie erheblich angezweifelt. Ich bin dagegen, sie einem sensationslüsternen Publikum zu zeigen."Zwischen 1977 und 1997 hat man in Deutschland nichts mehr von Dr. Whites Verpflanzungserfolgen gehört. Es wird wohl nicht am mangelnden Interesse der Medien gelegen haben. Es liegt an Dr. White. Es gibt Menschen, die rühren monatelang keinen Alkohol an, bis sie sich eines Tages wieder sinnlos betrinken. Quartalssäufer nennt man sie. Dr. White ist der seltene Fall eines Quartals-Frankenstein. Die Diskussion mit Bernhard Linke? Sie findet an diesem Abend in Dresden nicht statt. Zwar hat der deutsche Professor sehr viel zu sagen. Er begibt sich dazu sogar in die schönsten Geschichten der griechischen Mythologie über Götter, Faune und Zentauren. Dr. White sieht ihn fasziniert an und sagt: "Wonderful."BERLINER ZEITUNG/MAX LAUTENSCHLÄGER Robert White im Hygiene-Museum in Dresden. Seine ersten Experimente mit Affen liegen 25 Jahre zurück. Heute ist er noch nicht sehr viel weiter.