Nigel Kennedy entlässt sein Publikum nicht einfach so. Es bekommt noch einen Bratschisten-Witz mit auf den Weg. Denn Bratschisten sind so etwas wie die Ostfriesen unter den Musikern. Oder es gibt eine Empfehlung. Manchmal auch beides. Der Bratschisten-Witz, den Nigel Kennedy am Dienstagmorgen den Menschen im Jazz-Club Quasimodo erzählt, geht so: "Was sind 200 Bratschisten am Boden des Meeres? - A fucking good job, eine verdammt gute Sache". Und die Empfehlung lautet: "And now everybody should go and roll a spliff." Jetzt sollte sich jeder erst mal einen Joint drehen. Dann breitet Nigel Kennedy die Arme aus, schaut auf die Menschen vor ihm, lächelt und sagt: "Fucking cool."Es ist halb fünf Uhr früh, und die Zuhörer sehen aus, als wüssten sie nicht genau, ob sie enttäuscht oder erleichtert sein sollen, dass die Musiker auf der Bühne doch noch aufgehört haben zu spielen. Wer jetzt noch da ist, ist bereit, bis zum Ende zu bleiben, wann immer das kommt. Denn wer jetzt noch da ist, kann erzählen, einen Auftritt miterlebt zu haben, wie es ihn nicht oft gibt: Vier Stunden lang hat der britische Geiger Nigel Kennedy, dessen rockige Version von Vivaldis "Vier Jahreszeiten" die bestverkaufte Klassik-Aufnahme der Plattengeschichte ist, in dem Jazz-Club unter dem Delphi-Kino an der Kantstraße gespielt. Hat abwechselnd seine Geige und seine elektronische Violine zum Jaulen, Kratzen, Säuseln und Jubeln gebracht. Seine Art, Rock, Jazz, Blues und Klassik zu verschmelzen, hat ihm den Titel eines Bürgerschrecks der Klassik-Szene eingebracht. Dazu hat natürlich auch seine Frisur beigetragen, eine Art Hahnenkamm, der aus dem sonst stoppelig rasierten Kopf wächst, und die speckigen Armeehosen, weiten T-Shirts und Westen, die er nicht nur im Quasimodo, sondern auch bei Auftritten in Konzerthäusern auf der ganzen Welt trägt.Es war für den 44-Jährigen der zweite Auftritt des Abends: Bis elf Uhr hatte er in der Philharmonie Bach-Konzerte gespielt. Kennedy habe darauf bestanden, im Quasimodo noch ein Konzert zu geben, sagt ein Mitarbeiter seiner Konzert-Agentur. Im Januar vergangenen Jahres ist er hier schon einmal als Überraschungsgast aufgetreten.Was um halb eins im überfüllten Quasimodo als Konzert begann, endete ein paar Stunden später als intime Jamsession. Die Musiker, neben Kennedy sind es Schlagzeuger Thomas Alkier, Yaron Stavi am Bass, Wolfgang Köhler am Klavier, später dann noch Adam Taubitz an der zweiten Geige und der Bläser Stefan Jezierski, wenden sich immer mehr einander zu. Sie lauschen einander, mit den Füßen wippend, fallen ein, brechen ab, lassen ihre Instrumente immer wieder zu einem fulminanten Finale zusammenklingen, aus dem dann wieder ein erster Ton wächst, der Auftakt zur nächsten Improvisationsrunde. Nach der Pause, die Kennedy um kurz vor zwei Uhr mit einer Cover-Version von Jimi Hendrix "Hey Joe" einleitet, leert sich der Raum, in den 400 Menschen passen. Es gehen die, die am nächsten Morgen doch lieber einigermaßen ausgeschlafen zur Arbeit gehen wollen. Auch Kennedys Mutter, die ihn nach Deutschland begleitet hat, geht ins Hotel. Es bleibt ein auffallend buntes Publikum zwischen 18 und 60 Jahren.Als dann tatsächlich die Lichter auf der Bühne ausgehen, scheint keiner der etwa 40 Fans, die bis zum Schluss geblieben sind, die fast verschwörerische Stimmung der letzten Stunden verlassen zu wollen. Einige schlüpfen darum durch die offen stehende Backstage-Tür, hinter der Nigel Kennedy freundlich grinsend Autogramme verteilt. Die Schwielen links an seinem Hals, die nie richtig heilen, sind dunkelrot. Dort drückt er beim Spielen die Geige gegen seinen Hals.Als jemand vom Quasimodo sagt, dass jetzt der Club leider schließe, ist die Nacht nicht zu Ende. Schließlich ist der ehemalige Schüler Yehudi Menuhins im Herzen ein Rock- n -Roller. Und der feiert nun mal nach einem Konzert in seinem Hotelzimmer, bestellt ein paar Flaschen Wodka, raucht einen Joint und macht laute Musik, bis das Management kommt. Also verlegt Kennedy die Party in seine 120-Quadratmeter-Suite im Hotel Kempinski, die Musiker und ein paar Freunde sind dabei. Er bestellt Wodka, Wein und eine Kiste Bier beim Zimmerservice, ein Joint geht herum. Kennedy dreht die Musik bis zum Anschlag auf. Die anderen tanzen, einer rollt sich auf dem Boden zusammen und schläft ein. Als das Management kommt, läuft gerade der Techno-Sound von "Underworld". "I fucking love this" sagt Kennedy und tanzt mit hängendem Kopf. Dann hört er sich von dem strengen Hotelangestellten an, dass es Beschwerden gegeben habe, und dass er um sechs Uhr morgens nicht so laut Musik hören dürfe. Nigel Kennedy macht die Musik aus, setzt sich an den Flügel im holzgetäfelten Wohnzimmer der Suite und improvisiert. Dann geht er zu dem Schachspiel in der Ecke, sagt, dass er seit vielen Jahren nicht gespielt habe und bringt seinen Gegner nach wenigen Zügen zum Aufgeben. Danach geht er zur Stereoanlage und dreht die Musik wieder bis zum Anschlag auf.Die zerkratzte Geige, die Nigel Kennedy für seine wilderen Auftritte wie im Jazzkeller Quasimodo benutzt, liegt im offenen Kasten auf einem Tisch. "This is mine" hat er in Großbuchstaben mit dickem, schwarzem Filzstift auf ihre Rückseite geschrieben. Darunter, etwas kleiner: "Why drink and drive when you can smoke and fly." Warum trinken und fahren, wenn man rauchen und fliegen kann?"Ich gehe heute gar nicht mehr ins Bett, sondern gleich zur Arbeit. Aber das macht gar nichts." Ein Zuhörer BERLINER ZEITUNG/KAY HERSCHELMANN (2) Ein Bier für den Geiger: Nigel Kennedy gab im Jazzkeller Quasimodo ein Konzert nach seinem Konzert in der Philharmonie. / Blues, Jazz oder Klassik: Nigel Kennedy spielt alles und er kann einfach nicht mehr aufhören.