Herr Willemsen, was hat Sie bewogen, eine Reise nach Afghanistan zu unternehmen?Es ist meine blaue Blume, dieses Afghanistan. Ich habe so lange immer wieder mit umwölkten Augen auf dieses Land geschaut. Ich sah es immer vor mir, in meiner Fantasie bestand es aus Staub und Felsen, aus alttestamentarischen Figuren, langen Bärten und der Farbigkeit der Gewänder. Ich wollte da immer hin! Aber die 25 Jahre Krieg machten es unmöglich. Im November 2005 ist dann Nadja Karim, eine afghanische Freundin, die mir sehr ans Herz gewachsen ist, in ihre Heimat zurückgekehrt, und ich habe sie begleitet, von Kabul bis ins kriegserschütterte Kunduz im Norden des Landes.Afghanistan ist nicht gerade ein Reiseziel, das einem Schöngeist vom Reisebüro empfohlen werden würde. Mit welchen Gefahren mussten Sie auf dieser Reise rechnen?Bei allen Risiken ist diese eine der ereignisdichtesten Reisen gewesen, die ich je gemacht habe. Ich habe den hochverminten Salangpass überquert. Dort empfiehlt es sich nicht, am Straßenrand zu pinkeln, weil man unter Umständen dabei in die Luft fliegt. In der Steppe hinter Kunduz tritt man besser nur dahin, wo Kamelmist liegt, das ist ein sicheres Zeichen, dass dort keine Mine liegt. Ich durfte auch im Vorfeld niemandem sagen, wann ich reise, weil potenzielle Entführungsopfer schon von hier ausgespäht werden. Das heißt, ich wäre in Kabul als "Prominenter" bereits empfangen worden.Haben Sie sich während der Reise mit dem Gedanken getragen, Ihre Eindrücke und Begegnungen in einem Buch festzuhalten?Als der Leiter meines Verlags hörte, dass ich nach Afghanistan will, sagte er: "Das will ich lesen - unabhängig von allen kommerziellen Entscheidungen!" Also habe ich unterwegs dauernd geschrieben. Das Cover ist ganz typisch, da sitze ich irgendwo in der Ecke, mache mir Notizen in mein Büchlein, und mir gucken Kinder dabei zu. Ich musste alles protokollieren. Man wird irgendwie am ganzen Körper durchlässig, das ist wie Osmose, wenn man versucht, alle Eindrücke in sich aufzusaugen.Was haben Sie gehofft zu erfahren und zu erleben?Ich habe sehr gehofft, diese einzigartige Situation zu beobachten, in der man ein Land nach 25 Jahren Krieg zum ersten Mal erlebt: wie sich das Land wieder aufrichtet, wie wieder eine Infrastruktur entsteht, wie die Kinder plötzlich wieder spielen - man sieht Drachen in den Himmel steigen und denkt, Gott sei Dank, dass wieder jemand spielt! Ich wollte die allerersten Krokusspitzen der wieder entstehenden Zivilisation sehen. Gleichzeitig wollte ich in den Schacht der Geschichte hineingucken, die Geschichte der Taliban, der russischen Besetzung, auch der Kolonialzeit, also eigentlich alle verschiedenen tektonischen Schichten in der Vergangenheit Afghanistans. Gefunden habe ich ein Land, das zerrüttet ist und gleichzeitig eine Hoffnung machende Form des Wiederaufbaus begonnen hat.Was prägt das Lebensgefühl der Menschen in Afghanistan am meisten?Angst. Da kommt Ihnen auf einem verschneiten Feldweg ein kleines Kind entgegen, das keine Hose anhat. In seinen Augen sehen Sie vollkommene Verwilderung, und es ist regelrecht gefährlich, sich dem Kind zu nähern, weil es einen Stein in der Hand hat, den es als Waffe nutzen wird. Wenn es irgendwo auf der Straße knallt, werfen sich mehrere Menschen sofort auf die Erde. Oder diese schockierende Geschichte: ein Flüchtling aus einem Lager in Pakistan erlebt, wie in seiner Nähe eine Bombe explodiert. Am Ort des Geschehens liegen etwa dreißig Tote. Und zwischen den leblosen Körpern wieseln Kinder herum und sammeln Leichenteile zusammen. Der Mann fängt an zu weinen. Da kommt ein kleiner Junge zu ihm und fragt: "Warum weinst du, Onkel? Ach, es ist wohl dein erstes Mal!" Die Kinder dort sind sowieso zu meinen Helden geworden. Ich habe sonst einen Widerstand gegen Kinderkitsch, also dagegen, dass man Spendentätigkeit überhaupt nur noch ankurbeln kann, indem man die elendsten Kinderbilder zeigt. Das war mir immer zuwider! Aber diese Kindergreise, die ich erlebt habe, die Gesichtsfalten haben, die unseren 80-Jährigen entsprechen, die mit Staub getuschte Wimpern haben, die haben so viel Haltung. Mich hat ihr Wissen beeindruckt - über Amerika, über ihre eigenen Politiker - ihr Interesse, ihr Witz, ihre Milieuschlauheit. Die führen Geschäfte, elfjährig, weil die ganze Familie tot ist.Wie haben Sie die Situation der Frauen dieses Landes empfunden?Wenn Nadia, diese wunderbare Freundin von mir, unverschleiert durch ein Dorf ging, wurde sie von den Leuten angegafft, nicht ich. Sie sitzt im Ältestenrat und lässt sich sagen, was die Bewohner ihres Dorfes benötigen. Sie dolmetschte für mich die gefährlichsten Interviews, ging nachts mit mir, um einen Taliban zu treffen. Ich ziehe meinen Hut und kann mich nicht tief genug verbeugen vor so viel Mut und Persönlichkeit! Diese Frauen sind es, die letztlich dieses Land mit verändern werden. Eine andere beeindruckende Frau, die ich getroffen habe, war Djamila, eine Menschenrechtlerin. Sie hinkt, wahrscheinlich ist sie ein Gewaltopfer. Sie sagte mir: "Ich habe alles für diese Wahlen getan! Und als sie kamen, habe ich nicht gewählt." Ein wahrhaft trauriger Satz. Diese Frau hat ihre Mitbürger politisiert, sagte ihnen, dass sie Freiheit besitzen und wählen müssen. Aber dann guckt sie sich die Kandidaten an und sagt: "Da sitzen Drogenbarone, Warlords, Söldnerführer - wem soll ich da trauen?" Das ist schon trostlos.Welches sind die Indizien, die beim Beobachter Hoffnung aufkommen lassen?Ich habe einen Fußballtrainer kennen gelernt. Ich traf ihn in einem Stadion, das ich gleich erkannte. Ich hatte es schon mal in einem Dokumentarfilm gesehen, dort hatten Hinrichtungen stattgefunden. Der Trainer erzählte mir: "Da hinten, wo die Hinrichtungen gewesen sind, wächst das Gras nicht mehr." Es ist ein dunkler Fleck, wo wirklich nichts wuchs, fast mythisch. Aber dieser Mann spielt dort Fußball mit seiner Mannschaft. Mit mir hat er über seine Taktik diskutiert. Ich fragte ihn: "Welches System spielen Sie denn?" "Ja, wir spielen 4-4-2, wir sind schlechter in der Abwehr als in der Verteidigung." (lacht) Wissen Sie, dort sind die einfachsten Dinge plötzlich Teufelsaustreibung. Dieser Mann betreibt seinen persönlichen Exorzismus. Er macht das Stadion wieder zum Stadion.Wie ist man Ihnen, dem Fremden, begegnet?Es ist nicht selbstverständlich, dass jeder sagt, hurra, hier kommt ein Fremder - im Gegenteil. Allein in Kabul gibt es über 2 000 Hilfsorganisationen. Die treiben die Mieten hoch, weil sie Büros und Wohnräume anmieten und jeden Preis bezahlen. Da sagen die Einheimischen nur: "Und wir?!" Es sind Militärs da, amerikanische Soldaten, die mit dem Panzer auf die Kreuzung fahren, ihre Geschützrohre einmal kreisen lassen und die Leute bedrohen. Deshalb darf man nicht glauben, dass man ausschließlich willkommen sei. Aber dann wird man so herzlich empfangen. Der Schutz meiner Person war dem Mann, der für mich verantwortlich war, wichtiger als der Schutz seines eigenen Lebens. Das war wirklich so. Oder die Gastfreundschaft: Sie setzen sich irgendwo ans Ufer des Flusses. Plötzlich kommt aus den Bergen eine Eimerkette mit Pistazien, Rosinen und Nüssen zu ihnen. Dabei haben die Menschen selbst kaum etwas.Kam nie die Frage: "Was wollen Sie hier?"Ein Kleiner fragte mich mal: "Hey Mister, what's your matter? What are you doing here?" Ich antwortete: "No matter! Just visiting." Da drehte der Junge sich um und sagt zu seinem Freund: "Look! First tourist!" (lacht). - Er hatte so Recht! Mein Blick war der des Menschen, der sagt: "Wie lebt ihr? Was wollt ihr? Worüber amüsiert ihr euch?" Das ist ein ganz anderer Blick, als der, der sagt: "Muss ich euch verteidigen? Soll ich hier eine Straße bauen? Kann ich hier ein Geschäft eröffnen?" Mein Da-Sein hatte keinen Sinn, keinen Zweck - nur Interesse. Das war alles, was ich anbieten konnte.Das Verhältnis zwischen islamischer und westlicher Welt ist derzeit von heftigem Misstrauen geprägt, das geradezu herangezüchtet wird. Was kann man dagegen tun?Es stimmt, es gibt ein herangezüchtetes Misstrauen gegen das, was uns fremd ist. Und wir reproduzieren unablässig Bilder der Fremde. Bei fast allen Afghanistanbüchern ist zum Beispiel eine Burka auf dem Cover zu sehen - bei mir nicht. Darauf habe ich bestanden. Ich würde gern das Vertraute am Fremden zugänglich machen. Von diesem Buch soll der Leser sagen können: "Ach, das hätte ich auch gerne erlebt." Diese allererste Wohltätigkeit, nämlich zu sagen: "Ich interessiere mich für euch", würde der muslimischen Welt enorm helfen. Wir haben Offenheit und Interesse gegenüber anderen Kulturen so sehr gelernt, gegenüber der buddhistischen, der jüdischen - warum machen wir uns so wenig Mühe, den Islam kennen zu lernen?Was für ein Verhältnis haben Sie gegenüber dem Islam?Mein Respekt wird immer größer. Ich habe großen Respekt vor der ungemeinen Selbstbeherrschung, die die Muslime in Deutschland in den letzten Monaten gezeigt haben. Wir dürfen wirklich nicht vergessen, dass es ein breites Spektrum sehr liberal denkender und gebildeter Muslime in Deutschland gibt, die nichts mit dem ganzen Extremismus zu tun haben.Glauben Sie, dass der "Clash of cultures", der Konflikt zwischen islamischer und westlicher Welt, sich weiterhin zuspitzt?Ich fürchte, ja. Ich wünschte, ich könnte eine optimistischere Antwort geben. Das ist letztlich der Stoff, aus dem Weltkriege sind. Ein sinnloser Prinzipienstreit, bei dem beide Seiten auf ihren Werten beharren. Nicht mal Journalisten fragen sich: "Was ist relevant?" Wenn ein Chefredakteur sagt, wie Journalisten über Merkels Wahlkampf zu schreiben haben oder über den Zweiten Golfkrieg, da habe ich noch nie einen Journalisten gehört, der gesagt hat: "Meine Pressefreiheit ist eingeschränkt." Aber wenn es um eine blöde Provokation durch eine dänische Zeitung geht, dann schreien alle auf. Es fehlt mir, dass man sich mal fragt: "Was ist wirklich relevant?" Und der Karikaturenstreit ist einfach nicht relevant gewesen.Sie haben die Öffentlichkeit mit "Hier spricht Guantanamo" überrascht, einem Buch, in dem Sie Ex-Häftlinge zu Wort kommen lassen. Was wollten Sie damit bezwecken?Die Häftlinge haben zunächst einmal deshalb mit mir geredet, weil ich eigentlich kein Journalist war. In Amerika wurden die Interviews zum Teil zu Berichten verfälscht, es handele sich um ein Fitness-Camp. Selbst in der FAZ stand mal, es sei erwiesen, dass nur die Gefährlichsten in Guantanamo säßen - daran erinnern die sich heute nicht mehr gerne ... Man sollte erst einmal dem Rechtsgrundsatz folgen, dass auch die andere Seite gehört werden muss. Ganz simpel. Die Gefangenen sitzen da und warten auf den Prozess. Die kriegen aber keinen Prozess. Sie halten durch, weil sie sich sagen: Am Ende kann ich meine Version sagen. Aber sie werden entlassen, und ihre Version wird nie gehört. Uns allen fehlt ein Einblick aus erster Hand von dem, was in dem Lager wirklich passiert. Dieses Wissen zu liefern und damit den Widerstand gegen dieses Lager zu stärken, das ist der Sinn dieses Buches."Willemsens Welt ist gewachsen", wurde neulich über Sie befunden. Ihre Medienkarriere begann 1991 mit der TV-Sendung "0137". Hatten Sie sich bis dato vorstellen können, Moderator zu werden?Nie! Nie! Nie! Ich bin ohne Fernsehen groß geworden. Ich habe den ersten Fernseher gekauft, als ich selber drin war, um zu sehen, wie das aussieht. Francoise Sagan hat mal gesagt: "Das Fernsehen hat aus dem Kreis der Familie einen Halbkreis gemacht." Die Sozialisation durch das Fernsehen spielt in meinem Leben nur eine marginale Rolle. Und deshalb konnte ich von diesem Himmel nicht träumen. Nein.Sie haben über 1500 Interviews geführt..über 2000 inzwischen.Was ist von den ganzen Begegnungen geblieben? Sind Freundschaften entstanden? Oder Feindschaften?Es gibt ein paar innige Freundschaften, die seitdem existieren. Und auch Komplizenschaften. Ich mag Marie Bäumer, Sophie von Kessel, Barbara Auer, ich bin nach wie vor sehr gut mit Dennenesch Zoudé verbunden. Ich habe Kontakt zu Barry Humphries, der "Dame Edna" ist, zu Charlotte Roche, sporadisch zu Grönemeyer. Das sind Individuen! Und dann gibt es auch Leute wie Herbie Hancock, die sich ab und an bei mir melden, wo man denkt, huch, wie kommt der dazu, mich nicht zu vergessen?Und Michel Petrucciani?Michel hat mich sehr bereichert. Ihm fühle ich mich nach wie vor verbunden, ob er am Leben ist oder nicht. Er ist weiterhin mein Wegbegleiter. Seine Musik ist ein ganz eigenes Kapitel in meinem Leben.Es heißt immer, Sie hätten 2002 Ihre Fernsehkarriere beendet - was gar nicht stimmt: Sie moderieren noch im Schweizer Fernsehen eine Literatursendung.Das ist ganz komisch, das mit dem "Ausstieg" hat sich irgendwie durchgesetzt. Nur, weil ich die ZDF-Verträge gelöst habe. Ich habe damals dem ZDF wirklich 1,5 Millionen Mark zurückgegeben und gesagt, ich werde diese Summe nicht mehr benutzen, weil ich nicht mehr produzieren werde. Das ging ganz ohne Eklat. Ich habe dem Intendanten Markus Schächter, mit dem ich mich immer sehr gut verstanden habe, einfach gesagt: "Wissen Sie, andere können die Programme jetzt besser." Viktor Worms wollte, dass ich Dinge moderiere, die ich nicht machen wollte.Also war nur die Diskrepanz zwischen dem, was Sie machen sollten und dem, was Sie machen wollten, zu groß?Exakt. Ich sehe so viele Kollegen, die ihre Würde verlieren, weil sie noch in jedem untersten Format auftreten, weil sie nicht sagen können, meine Zeit ist vorbei. Ich kann hier ruhig sitzen und sagen: "Meine Zeit im Massenmedium ist vorbei." Die Angst vor dem Aufmerksamkeitstod, die habe ich nicht.Was ist an dem Gerücht dran, dass eine Beschwerde von Helmut Kohl Ihren Abschied vom Fernsehen in Gang gebracht habe?Die Beschwerde gab es. Joschka Fischer hat mal in einem FAZ-Fragebogen auf die Frage: "Wer oder was hätten Sie sein mögen?" geantwortet: "Helmut Kohl bei der Abfassung seiner Doktorarbeit." Aus dieser Frechheit habe ich die neuerliche Frechheit abgeleitet: "Sie sagen das deshalb, weil Helmut Kohls Doktorarbeit heute als Leistungsverweigerung eingestuft würde." Und Joschka Fischer wäre nicht Joschka Fischer, wenn er nicht sofort zurückgerudert wäre und gesagt hätte: "Nein, so habe ich das nicht gemeint." - Ich hatte das aber so gemeint! Und Kohl sah diese Sendung, hat beim ZDF-Intendanten Stolte angerufen und gesagt: "Willemsen muss weg!" Man einigte sich dann in bilateralen Verhandlungen darauf, dass ich nur noch Politikergattinnen interviewen sollte.Im Ernst?!Im Ernst. Das habe ich schriftlich. Die Kohl-Geschichte habe ich übrigens Gerhard Schröder, Heide Simonis und Rudolf Scharping erzählt. Keiner von denen hat sich aufgeregt. Die fanden es völlig gängig, dass sich Politiker in die Besetzung von Talkshows einmischen.Sie sind bekannt dafür, von echtem Interesse getrieben zu sein. Glauben Sie, dass Neugierde auch versiegen kann?Sie kann. Und davor hätte ich große Angst. Denn das beträfe alles, das Lesen, das Fernsehgucken - das wäre eigentlich ein depressiver Zustand. Und Depressionen gehören zum Allerschlimmsten im Leben.Sie waren fünfzehn, als Ihr Vater starb. Wie haben Sie so jung seinen Tod verkraftet?Der Tod meines Vaters ist der größte Ernstfall in meinem Leben. Er starb an Krebs, und sein Sterben vollzog sich über zwei Jahre. Ich habe einen sehr starken, kolossalen, erstaunlichen Mann schmelzen sehen, bis zu einem Zustand, wo er mich nicht mehr erkannte und am Bett fragte: "Wer ist das?" Wenn man 15-jährig so etwas erlebt, prägt es einen tief. Das ist heute in mir noch so ein blinder Fleck, zu dem ich keinen Weg finde.Was für ein Mensch war Ihr Vater?Ein erstaunlicher Mann. Mein Vater war Kunsthistoriker und Restaurator. Er konnte auf Grund eines winzigen Farbpartikels sagen, aus welchem Jahrzehnt welchen Jahrhunderts diese Farbe stammt. Er korrespondierte mit Paul Klee. Als er während des Krieges in Norwegen saß, hat er so gut Norwegisch gelernt, dass man ihn dort als Funker zurückgelassen hat. Dort hat er gemalt und Knut Hamsun übersetzt. Seine Schüler reden heute noch alle mit umflorten Augen von ihm. Und dann verliert man ihn in dem Augenblick, wo man ihn am meisten brauchen würde, weil das die Zeit ist, in der man gerade wach wird und auch erfahren will: "Wer ist das?"Haben Sie die Liebe zur Literatur von ihm geerbt?Ja, wir hatten zu Hause eine große Bibliothek und ich habe schon als Kind exzessiv gelesen. Später war ich über zwei Jahre Nachtwächter, da habe ich pro Nacht 300 Seiten gelesen, das war der Sinn!Sie haben als Student auch als Museumswärter und Reiseleiter gearbeitet. Diese Jobs klingen alle abenteuerlich, romantisch .. und sind ein bisschen literarische Berufe. Als Nachtwächter war ich zuständig für die Baustelle der Bonner U-Bahn. Nachts kamen immer die Penner, ich gab ihnen einen Stollen, da tranken sie, und morgens um fünf weckte ich sie, damit sie wieder weg waren, wenn die Ablösung kam. Ich war im Schlachthof, in der Bundesbaudirektion und lag in der Rhododendron-Hecke des Amerikanischen Konsulats und bewachte den Botschafter.Ein wenig Häme muss sein: Das Abitur hat der Vorzeige-Intellektuelle erst mit 21 geschafft. Warum?Ja, ich bin zwei Mal in der Schule hängen geblieben, bin stockdoof gewesen. Ich habe mich für alles interessiert außer für Schule - war Schülersprecher, habe die Schülerzeitung gemacht, alles - aber das ist keine Entschuldigung. Wir drei Kinder sind alle hängen geblieben in dem Jahr, als mein Vater starb - ist aber auch keine Entschuldigung. Fast hätte ich es geschafft, die Prophezeiung unseres Vaters zu erfüllen: "Ihr landet alle drei an der Tankstelle!" Ohne Stipendium wäre es auch ökonomisch schwer gewesen zu studieren. Aber ich bekam dann ein Begabtenstipendium vom Evangelischen Studienwerk für das, was ich wirklich konnte, also die musischen Fächer wie Deutsch, Englisch, Philosophie, Literatur und Geschichte. Da ich das studierte, ging es dann sehr gut. Aber Mathematik und die Naturwissenschaften - ohweia!In welchen Bereichen sind Sie denn außerdem hoffnungslos unterbegabt?In Stabhochsprung, Tanzen, Rhönrad, wohl den meisten sportlichen Disziplinen bis auf Schwimmen und 1 000-Meter-Lauf, darin war ich zumindest mal gut.Können Sie kochen?Ich bin ein unpassionierter Koch. Zu Hause koche ich nur Gemüsematsch, Kartoffeln und Pasta.Autofahren?Kann ich auch nicht! Nie gemacht, nie Interesse daran gehabt. Ich wäre ein miserabler Autofahrer, ich tue der Menschheit wirklich einen Gefallen, indem ich das sein lasse.Sie kommen nicht nur ohne Führerschein, sondern auch ohne Handy aus. Wie das?Wunderbar! Ich habe ein Büro, das alle meine Termine organisiert. Ich brauche dieses elektronische Halsband nicht zu tragen. Außerdem mag ich das Telefonieren nicht besonders, ich schreibe lieber und maile sehr viel. Das ist die Form, die mir eher liegt.Sie sind gerade mit Ihrem Soloprogramm "Und Du so?" auf Tour. Darin bekommt man den Eindruck, Sie bestehen aus lauter Unzulänglichkeiten. Die Geschichte Ihrer erotischen Debakel scheint endlos. Kokettieren Sie gern öffentlich mit dem Scheitern?Scheitern finde ich insgesamt weit interessanter und humaner. Ich mag Menschen mit Niederlagen sehr viel mehr als die unabweislich Starken und Geschlossenen. Meine eigenen inneren Befindlichkeiten nach außen zu bringen und darüber zu lachen ist leichter als zu sagen, ich beuge mich über meine Kränkung und vergieße Tränen.Und wie viele Ihrer Anekdoten sind doch erfunden?Sagen wir mal, der Charakter der Übertreibung gehört zu bestimmten Geschichten dazu. Aber: Ich verbürge mich dafür, dass alles faktisch exakt so passiert ist, wie ich es erzähle. Ja, mein Bruder behauptet wirklich, er sei ein Einzelkind. Der Hintergrund: Er ist Lehrer und will nicht mit jeder meiner öffentlich geäußerten Gesinnungen in der Schule konfrontiert werden. Kann ich verstehen. Aber man kann zum Beispiel nicht erfinden, dass man beim ersten körperlichen Annäherungsversuch vergisst, wo die Scham der Frau ist! Man kann sich aber vorstellen, was für ein Debakel das ist, wenn man das erlebt. Auch für die Frau.Die Auftritte in Kleinstädten, vor dreihundert Leuten - das hat ja auch den Geschmack vom Tingeln. Was treibt Sie auf die Bühne? Reizt Sie nach Jahren des Mittelbaren, wo Sie mit dem Publikum via Fernsehen oder Bücher agiert haben, nun das Unmittelbare?Ja genau! Ich improvisiere gern und mag es, wenn im Saal etwas Unvorhergesehenes passiert und man darauf reagieren muss. Ich liebe das.Neunzig Prozent Ihres Publikums besteht aus Frauen. Die sich zum Teil mit roten Rosen bewaffnen. Wann ist aus dem erotischen Unglücksfall ein begehrter Mann geworden?Das Begehren der Frauen spüre ich sehr selten. Auch deshalb, weil ich es einfach meist nicht merke. Selbst wenn andere die Hinweise der Frauen schon als Verkehrsschilder empfinden - ich kriege es nicht mit. Dann kommen zu allen literarischen Veranstaltungen eh mehr Frauen als Männer, weil Frauen einfach die besseren Menschen sind. So ist es nun mal.Die Konsequenz?Ich habe im privaten Umfeld fast nur weibliche Freunde. Ich fühle mich in der Gesellschaft von Frauen schlicht wohler.Aber Sie sind auch noch mit 50 Jahren nicht verheiratet.Bin ich nicht. Aber das ist auch wahrscheinlich der Grund dafür, warum ich nicht verheiratet bin - weil ich mich in der Gesellschaft von Frauen, Plural, wohler fühle. (lacht)Glückliche Kommunikation ist überhaupt das Beste, was es gibt, haben Sie vor einigen Jahren behauptet. Hat sich diese Glücksvorstellung im Laufe der Zeit verändert?Sie hat natürlich mehr Patina bekommen! Aber es ist nach wie vor so: ein Kuss kann mich erschüttern, wenn er eine Mitteilung ist, wenn er voller Bedeutung ist. Ein Musikstück, das mich erreicht, ist wunderbare Kommunikation. Ein gutes Hin und Her, etwas, das mehr ist als Ja-Nein-Impulse, wo Zwischentöne, Hintergründiges, und Assoziatives mitschwingt, das habe ich schon sehr gerne. Gespräche müssen wie Gefühle sein: gemischt. Zweideutig. Wie eine Mischung aus Dingen, die gar nicht zusammen passen. Wir stellen uns Gefühle immer vor wie Britney Spears in C-Dur - dabei sind sie so anders: da ist Appetit in etwas, das wir Liebe nennen. Wohlwollen in etwas, das wir hassen. Heimweh in etwas, das wir Angst nennen. Und das interessiert mich sehr viel mehr. Das in Sprache zu bringen, in Kommunikation, das macht mich glücklich.------------------------------Zur PersonRoger Willemsen wurde 1955 in Bonn geboren. Er studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie und promovierte über Robert Musil.Von 1994 bis 1998 war Willemsen Gastgeber der ZDF-Gesprächssendung "Willemsens Woche". Die Bandbreite seiner Gäste reichte von Arafat, Madonna, König Hussein von Jordanien über den Dalai Lama und Michail Gorbatschow zu Jacqueline Bisset oder Yoko Ono.Seit 2002 verfolgt Willemsen vor allem seine literarischen Arbeiten; gerade erschien von ihm im S. Fischer Verlag "Afghanische Reise".Seit langem arbeitet Willemsen als amnesty-Botschafter sowie für "terres de femmes" und sitzt im Kuratorium von CARE International.------------------------------Kohl sah die Sendung, hat beim ZDF-Intendanten angerufen und gesagt: "Willemsen muss weg!" Man einigte sich dann darauf, dass ich nur noch Politikergattinnen interviewen sollte.------------------------------Das Begehren der Frauen spüre ich sehr selten. Selbst wenn andere die Hinweise der Frauen schon als Verkehrsschilder empfinden - ich kriege es nicht mit.