Als Romy Schneider am 10. Mai 1982 ein Testament verfasste, hinterließ sie ihr Erbe ihrem Lebensgefährten Laurent Pétin und ihrer Tochter Sarah Biasini. "All mein Besitz gehört, ist bestimmt für Mr. Laurent Pétin und Sarah! Dies ist mein Wille und bleibt meine Entscheidung." Sie schrieb in ihrer großen gewundenen Handschrift, unterstrich die Namen und Wörter, die ihr wichtig erschienen. Testament, Wille, bleibt. Alice Schwarzer zitiert dieses Testament in ihrer Romy-Schneider-Biografie. Sie zeichnet Romy Schneiders Leben zwar in weiten Strecken als Opfergang mit einer "Überdosis Weiblichkeit" nach, würdigt aber auch das Werk dieser Schauspielerin, das vor den Katastrophen ihres Lebens immer wieder in den Hintergrund trat.Was an Materiellem übrig blieb nach Romy Schneiders Tod ist ungewiss, bis heute. "Es gab keinen Nachlass", sagt Rainer Rother, künstlerischer Direktor der Deutschen Kinemathek. Romy Schneiders Spuren, ihre Briefe, Verträge, Fotos, ihre Kleider und ihr Schmuck verstreuten sich in alle Himmelsrichtungen. Die Quellenlage, wie es nüchtern heißt, spiegelt die Zerrissenheit dieses Lebens, Flüchtigkeit und Abbrüche, vielleicht auch ihre Achtlosigkeit gegenüber sich selbst. Romy Schneider war eine Frau, die schrieb, die den Austausch suchte und pflegte, mit ihren Liebsten ebenso wie mit ihren Regisseuren. Auch an Heinrich Böll schrieb sie, während der Dreharbeiten für "Gruppenbild mit Dame", nach dem Roman von Böll. Der Brief befand sich im Heinrich-Böll-Archiv des Kölner Stadtarchivs und ging mit dessen Einsturz 2009 verloren.Der Ausstellung der Deutschen Kinemathek ging also eine komplizierte Recherche voraus: Mehr als 30 Leihgeber verzeichnet der Katalog, darunter große Institute wie die Cinémathèque francaise in Paris und das Deutsche Filmmuseum in Frankfurt am Main, aber auch Privatpersonen, mal mehr mal weniger überraschende. Der Fotograf Robert Lebeck, bis zum Schluss einer der einfühlsamsten Chronisten, die sie in ihre Nähe ließ oder ihre Tochter, Sarah Biasini, die zwei der wichtigsten Trophäen beisteuerte: Ihre beiden Césars, die höchste Auszeichnung des französischen Kinos, die sie beide für Filme unter der Regie von Claude Sautet bekam, dem wohl wichtigsten Regisseur in ihrer Karriere. Auch wer fehlt, ist interessant: Alain Delon beantwortete die Anfragen aus Berlin mit dem schlichten Satz, er habe nichts.Dem Team um Kuratorin Daniela Sannwald gelang dennoch eine überraschende und komplexe Ausstellung. Sannwald hat sich eindeutig an Romy Schneider als Schauspielerin orientiert - und ging nicht in die Falle, Leben und Werk zu einem Konglomerat zu verbacken. Gerade, weil es sich bei Romy Schneider so aufdrängt, Parallelen herzustellen zwischen Schein und Sein. Sie nahm Tabletten, trank - und spielte Trinkerinnen. Sie befreite sich aus dem biederen Adenauer-Deutschland - und spielte Kaiserinnen, die von Freiheit träumen.Romy Schneider hat einmal gesagt, auf der Leinwand könne sie alles, im Leben nichts. Ihre tiefe Selbstunsicherheit offenbart sich auch in den ausgesuchten Fernsehdokumentationen: Romy Schneider in einer Talkshow mit Dietmar Schönherr; oder dem ersten Ehemann Harry Meyen; oder in einem Interview mit Stefan Georg Troller, der sie fragt, was sie sich denn noch für Rollen für vorstellen könne. Da war sie schon ein Weltstar. Immer antwortet sie verunsichert, ehrlich. Die heute üblichen Erklärungsfloskeln und Begeisterungsversatzstücke sind ihr fremd. Ihr Ehemann bezeichnet seine Frau als ein rein emotionales Wesen - sie widerspricht sanft: "Unverschämtheit".Die Unverschämtheit, die dieser Schauspielerin fehlte, berührt genauso wie ihr unermüdlicher Perfektionismus. Sie wollte immer alles geben. An Sautet schreibt sie: "... auch ich werde mein ganzes Herz, meine Seele, meine Eingeweide, was auch ... für Marie geben, die du mir mit Jean-Loup geschrieben hast. Ich werde versuchen, die stärkste und schönste Marie zu sein, die du jemals getroffen hast... Okay , okay, umarmen wir uns und los geht's !!! Deine Ro-Marie (Rose-Marie Albach)." Danach folgt noch ein Postscriptum: "Gelegentlich mag ich es, hier die einsamen alten Leute anzuschauen ... am Ende ihres Lebens, mit dieser Ruhe, die nicht, eine Leere' ist (nicht immer). Eine Ruhe, die ich nie erwarten kann, vielleicht - weil ich niemals - vielleicht - wirklich alt sein werde?" Dieser im März 1978 geschriebene Brief, auf dem Papier einer Kurklinik, gehört zu den wertvollsten Zeugnissen. Leihgeber war Yves Sautet, der Sohn des Regisseurs.Romy Schneider, die dem weit weniger intellektuellen Luigi Waldleitner einmal wütend entgegen schleuderte, "Ihr entziffert mich nicht", ist in dieser feinen Darstellung der Deutschen Kinemathek vielleicht erstmals erkennbar: Als professionelle Schauspielerin, die über ihre Arbeit zu begreifen ist.------------------------------Wien - Berlin - ParisSonderausstellung der Deutschen Kinemathek - Museum für Film und Fernsehen, Berlin, bis 30. Mai 2010,Öffnungszeiten: Di-So 10-18, Do 10-20 Uhr, Potsdamer Str. 2, Tel.: 030-300 90 30.Der Katalog zur Ausstellung erscheint im Henschel Verlag.Eine ausstellungs- begleitende Filmreihe ist für das Frühjahr 2010 geplant.------------------------------Foto: Bei den Dreharbeiten zu "Schornstein Nr. 4" (1966)