Am Freitag erscheint das zwölfte Rosenstolz-Album mit dem philosophischen Titel „Wir sind am Leben“ (Universal). Wir trafen AnNa R. und Peter Plate zum Fachgespräch bei Filterkaffee und Schnittchenplatte im Büro ihres Managements in Kreuzberg.

Überall liest man gerade was von „Rosenstolz, zurück aus der Krise“, weil Sie, Herr Plate, am Burn-out-Syndrom litten. Aus Ihrem neuen Album hört man aber nicht wirklich eine Krise heraus.

Peter Plate: Für uns war es in jedem Fall wichtig, ein positives Album zu machen. Eben kein Krisenalbum. Es ging schon auch darum, etwas aufzuarbeiten, aber mit dem neuen Album wollten wir vor allem wieder nach vorne schauen. Lebensbejahend! Weil das tatsächlich auch unserem Gefühl entsprach.

Das Leben zu bejahen?!

P: Ach, Mensch Anna, jetzt mach du mal weiter! Sag du doch auch mal was ...AnNa R.: grinst und kaut genüsslich an ihrem KäsebrotP: Na, wir wollten halt nicht so ein Jammerlappenalbum machen. Kein total depressives Ding. Traurig war ich ja genug. Auch um uns selber Mut zu machen.A: Na, Peter. Da haste doch die Kurve noch mal gekriegt ...P: Ich wollte zurück zu meinen Wurzeln. Als ich noch dreizehn oder vierzehn Jahre alt war, habe ich immer meine Lieder geschrieben, sie auf 4-Spur-Tapes aufgenommen, diese kopiert und einfach an meine Freunde verschenkt. Ich habe nie groß darüber nachgedacht, was ich da mache. Ich hatte also nicht wirklich mit dem, was ich da tat, ein Ziel vor Augen. Klar gab es den Traum, von meinen Liedern leben zu können, also nicht wirklich arbeiten zu müssen. Aber Jahre später stellt man dann fest: Oh Mann, das ist echt ein richtiger Scheißjob!

Ich nehme an, Sie reden nicht vom Songschreiben, sondern vom Drumherum des Popstardaseins.

P: Das Songschreiben an sich ist schon schön, aber selbst da gab es bei mir Phasen vor vier oder fünf Jahren, die waren alle so schrecklich durchgeplant: Montags, dienstags und mittwochs Lieder komponieren – Donnerstag und Freitag dann Interviews und so weiter. Auf Dauer geht das bei mir so nicht. Ich will Songs schreiben wenn ich Lust dazu habe.A: Macht ja auch mehr Sinn.

Wir befinden uns aber mit diesem Interview doch schon wieder voll drin im besagten Popstaralltag, oder sehe ich das falsch?

P: Wir haben diesmal wenigstens erst das Album fertig gemacht und dann über einen möglichen Veröffentlichungstermin gesprochen. Wir haben das zum Teil wegen meines Burn-outs so gemacht, aber wir müssen uns den ganzen Stress ja auch nicht mehr antun. Nach diesem Interviewtag heute haben wir erstmal gar keine Pläne.

Keine Tourpläne?

A: Im Moment noch nicht.

Das Unkonventionelle scheint Ihnen gerade zu liegen. Ihre neue Single „Wir sind am Leben“ bringt es auf gewagte fünf Minuten Spielzeit.

P: Ich möchte zum Nachdenken anregen, um es freundlich auszudrücken. Popmusikmäßig fand ich die Siebziger- und Achtzigerjahre einfach spannender. Es gab Singles von etwa ABBA, die liefen über fünf Minuten. Und wurden rauf und runter gedudelt. Wo steht denn bitteschön geschrieben, dass ein Song kein Intro oder kein Solo mehr beinhalten darf?

Es war zu hören, dass Sie die Songs für dieses Album eigentlich für ein Musical komponiert haben.

A: Ja, und nun sind sie doch auf einem Rosenstolz-Album gelandet. Wir haben aber eine Art Mini-Musical gemacht. Auf der Deluxe-Version ist das als Film auf der Bonus-DVD drauf ... Oh, Mann. Das hört sich aber auch scheiße an. „Deluxe-Version“. Na ja, egal ...

P: Es ist schon noch mein Traum, eines Tages ein richtiges Musical zu machen. Ich habe aber auch das Gefühl, dass wir uns da noch mehr Vertrauen erarbeiten müssen.

Für alles braucht man offenbar eine Story. Ihre Geschichte ist also gerade die Auferstehung aus der Depression. Nervt das nicht irgendwie? Ich mein, ich fang jetzt auch schon wieder damit an, darüber zu reden.

P: Das Erstaunliche an Rosenstolz ist eigentlich, dass wir über all die Jahre nie eine besondere Story hatten. Wir waren nie Gegenstand der Boulevard-Presse. Die einzige Ausnahme war damals meine Hochzeit. Das hatte aber politische Hintergründe. Es fühlt sich für uns gerade eher seltsam an, dass wir jetzt so eine blöde Story haben ...

Denken Sie schon mal darüber nach, einfach für andere Songs zu schreiben und damit selbst raus aus dem Rampenlicht zu kommen?

P: Ich habe ja im Laufe der Jahre mal für andere geschrieben. Für Patricia Kaas etwa oder 2Raumwohnung, oder jetzt für Mel-C, die einen Rosenstolz-Song in Englisch aufgenommen hat. Aber letztlich bin ich kein Hitschreiber.

Ich bitte Sie! Ihre Lieder laufen im Radio rauf und runter, Ihre Platten verkaufen sich wie geschnitten Brot.

A: Es könnte auch mit meiner Stimme zusammenhängen, dass unsere Musik erfolgreich ist.

Ah, verstehe. Sie meinen die Songs sind scheiße, aber Ihre Interpretationen machen sie zu Gold.

A: Das wollte ich damit nicht sagen.

Wir reden hier die ganze Zeit über ein Album. Ist es das noch für Sie? Das Album-Format? Ihm wird ja gern der baldige Tod prophezeit.

A: Wir sind ja nun in einem bestimmten Alter, und unsere Fans zum größten Teil auch. Und die kaufen schon noch gerne Alben.

P: Wir veröffentlichen sie ja sogar noch als Vinylausgaben.

Wirklich? Wie viele Rosenstolz-Fans kaufen denn noch eine Schallplatte?

P: Ich glaube, von unserem letzten Album haben wir 2 000 Vinyl-ausgaben verkauft.

Und über eine Million CDs! Treffen Sie oft auf Rosenstolz-Epigonen?

A: Ich war neulich auf einem Grillfest, da spielte ein Mädchenduo, die hatten schon erkennbar viel Rosenstolz gehört!

P: Warum auch nicht? Wir haben uns ja auch von Ideal oder Nina Hagen beeinflussen lassen.

Wo wir schon über Nina Hagen und Ideal sprechen, müssen wir auch über Berlin sprechen. Waren Sie wählen letzten Sonntag?

A: Klar.

Und zufrieden mit dem Ergebnis?

A: Alles super.

Wowereit, die Lady Gaga der Berliner SPD, scheint unschlagbar.

P: Als ich ihn mit dem Teddybären im Fernsehen gesehen habe nach der Wahl – der hat sich so gefreut. Das kann ich mir von Frau Merkel nicht so vorstellen.A: Wir alle wissen wie es aussieht, wenn Frau Merkel sich freut ...

Möchten Sie abschließend noch irgendwas loswerden?

P: Lustig, das wurde man früher immer gefragt, ob man noch was loswerden möchte. Aber nee, keine Ahnung!

Hätte ja sein können. Wen grüßen vielleicht?

A: Na den Wowi!!!

Das Gespräch führte Maurice Summen.