HAMBURG - Die versteckte Stahltür an der Tordurchfahrt ist fest verrammelt. Wer nicht angemeldet ist beim Radiosender „Freier Sender Kombinat“ (FSK), der kommt auch nicht rein. So ist das im Schanzenviertel rund um die Rote Flora, dem Epizentrum der Hamburger Subkultur- und Anarchoszene. Man kennt sich, oder man muss jemanden kennen, der einem die Tür öffnet. „Es gibt genug, die uns nicht mögen“, verteidigt Werner Pomrehn vom FSK die Vorsichtsmaßnahme, und er zählt auf: „Nazis, rechte Politiker, der Verfassungsschutz, die Polizei …“

Und doch hatten sie so jemanden in ihrer Mitte, wie jetzt herausgekommen ist. Eine Polizistin, die sich als verdeckte Ermittlerin eingeschlichen und mindestens sechs Jahre lang, zwischen 2001 und 2006, die Hamburger Flora-Szene ausspioniert hatte. Sie tauchte in dieser Zeit auch in den Studios vom FSK auf, moderierte dort Sendungen. Daneben war sie in der Roten Flora aktiv, diskutierte in nichtöffentlichen Debattierrunden mit, schrieb Beiträge für das autonome Blatt „Bewegungsmelder“. Und sie ging in diesen Jahren Liebesbeziehungen zu anderen Frauen ein – während sie hauptberuflich für Polizei und Bundesanwaltschaft Informationen über verdächtige Linksradikale beschaffte.

Eine neue Identität

Unter dem Namen „Iris Schneider“ war die Beamtin unterwegs, Iris P. heißt sie tatsächlich. Sie ist in Hamburg inzwischen stadtbekannt, seit der Jahre zurückliegende Einsatz der verdeckten Ermittlerin vor zwei Monaten bekannt geworden ist. Gut möglich, dass die Polizei sie deshalb aus der Stadt geschafft und ihr eine neue Identität verpasst hat. Das Reihenhaus in einer dieser gesichtslosen Stadtrandsiedlungen, wo die Beamtin nach ihrem Rückzug aus der Flora zuletzt wohnte, hat schon einen neuen Mieter.

Im FSK-Radio tauchte „Iris Schneider“ das erste Mal 2003 auf, da war sie schon seit zwei Jahren im Undercover-Einsatz. „Wir hatten damals eine neue Sendung entwickelt, das ‚Nachmittagsmagazin für subversive Unternehmungen‘“, erzählt Werner Pomrehn. „Zwei Freundinnen, die in der Redaktion der Sendung mitarbeiteten, hatten sie mitgebracht. „Iris Schneider“ war ziemlich bekannt in der Roten Flora, betrieb das Café Niemandsland mit, saß im Flora-Plenum, das sich wöchentlich traf. Viele von uns kannten sie daher.“

Pomrehn ist im FSK das, was man ein Urgestein nennt. Und er sieht auch ein bisschen so aus: ein verstrubbelter grauer Haarschopf, Ringe unter den müden Augen, ein etwas schlurfender Gang. Seit dem Jahr 2000 betreibt der 59-Jährige den unabhängigen Sender mit, der als das Radio der Hamburger linksautonomen Szene gilt. Seine Erinnerungen an „Iris Schneider“ sind aber nur noch vage. „Sie hat sich damals, in der Redaktion des Nachmittagsmagazins, wenig eingebracht. Ich hatte da immer das Gefühl, dass sie noch kein eigenes Thema hat.“ Später habe sich das geändert, sagt er, als sie in die Redaktion des queer-feministischen Magazins „Revolte“ wechselte.

Ihren Freundinnen hatte sie erzählt, dass sie mit ihren Eltern gebrochen habe, weil diese ihre Homosexualität nicht akzeptierten. Ob das stimmt? Pomrehn zuckt mit den Achseln. „Was soll man da heute noch glauben? Vielleicht gehörte das nur zu ihrer Legende, um Fragen zu ihrer Vergangenheit abzublocken.“ Selbst ihr Alter habe ja nicht gestimmt. „Uns erzählte sie damals, sie sei 1979 geboren worden – dabei war sie sieben Jahre älter“, berichtet Pomrehn.

Im Internet kursiert eine Art Passfoto der Beamtin aus ihrer Einsatzzeit in der Flora. Es zeigt ein ernstes, ein wenig rundes Gesicht. Die Lippen sind zusammengepresst, die Augen schauen wachsam, distanziert. In einem Ohr trägt sie ein Piercing. „Es gab einige Leute, die hatten sie mal in ihrer Wohnung besucht“, erzählt Pomrehn. Unpersönlich sei diese Wohnung demnach gewesen, als würde darin niemand wirklich leben. Einer Besucherin sei aufgefallen, dass auf dem Zimmertisch als einzige Zeitschrift das Frauen-Magazin Brigitte gelegen habe. „Das ist ja nicht unbedingt die Lektüre einer queeren Flora-Frau, da wäre einiges mehr an Zeitschriften und Blättern zu sehen gewesen“, sagt Pomrehn.

Aufgeflogen ist die Polizistin schon im Oktober 2013. In einer Hamburger Schule gibt es damals eine Aufklärungsveranstaltung der Polizei über islamistische Gewalttäter. Ein zufälliger Besucher, der auch regelmäßig in der Roten Flora verkehrt, traut seinen Augen nicht, als eine Frau ans Rednerpult tritt: Die Referentin, die als LKA-Beamtin Iris P. aus der Abteilung Prävention islamischer Extremismus vorgestellt, wird, ist die „Iris Schneider“, die er aus der Flora kennt.

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