Paula, 13 3/4 Jahre (Cathrin Zellmer) hält ein lautes Zwiegespräch mit ihrem Allerwertesten. Sie findet ihren Popo zu dick. Am liebsten würde Paula mit dem Rücken an der Wand durch die Welt gehen, damit ja keiner auf die allerneuesten Polster guckt. Die beschuldigte Rückseite wirft seiner Trägerin mangelnde Liebe vor. "Findest du nicht, mauzt der Hintern, wir haben ein beschissenes Verhältnis!" Auch der Zustand von Paul, 15 Jahre (Jan Kittmann), gibt keinen Anlass zur Freude. Seinem Gesicht fehlen Bart und Strenge, dafür sieht es im Kopf umso finsterer aus. Jede Menge "Weiber" spuken ihm durch das heiße Hirn. Die Mutter klebt abends Papiertaschentücher an das Bett. Verzweifelt philosophiert Paul: "Ich bin ein ganz besonderes Schwein."Pubertät, wie bist du qualvoll. Die Hormone übernehmen das Steuer und verwandeln den Körper in eine Baustelle. Zutritt auf eigene Gefahr. Aufbruch und Unsicherheit, wohin man sieht: die erste Liebe, der erste Kuss, die erste Ohrfeige (nicht von den Eltern) und schließlich das erste Mal. Um Jugendlichen die Hemmungen und Eltern die Sprachlosigkeit zu nehmen, schrieben Helmar Fehrmann, Jürgen Flügge und Holger Franke vor mehr als 25 Jahren das Aufklärungsstück "Was heißt hier Liebe?". Die Theatergruppe Rote Grütze spielte seitdem die Liebesgeschichte vom fantasierenden Paul und der verzickten, aber süßen Paula mit großem Erfolg vor Schülern. Nun hat das Theater "Was heißt hier Liebe?" in einer Neuinszenierung auf die Bühne gebracht. Am Freitag war Premiere in der Arena in Treptow.Den Reaktionen des überwiegend jungen Publikums nach zu urteilen, sah an diesem Abend niemand etwas zum ersten Mal. In der Pause erzählte ein Dreizehnjähriger mit ungebrochener Stimme und Kindergesicht, dass er für seine Klasse hier sei. Als Klassensprecher wolle er mal gucken, "ob das was für die Mitschüler ist". Eine Gruppe vierzehnjähriger Mädchen beurteilte das Stück ohne Gekicher. Ihnen gefalle die Aufführung, aber neu sei hier nichts. Die jugendliche Aufgeklärtheit gab sich schon fast abgeklärt, und so scheint dem einst umstrittenen Theaterstück seine Grundlage, die Unaufgeklärtheit, wie entzogen. Wer allerdings auf die Körpersprache achtete, hektisches Füße-schurren oder nervöse Lacher registrierte, der erspähte hinter der Coolness die alte Unsicherheit doch noch. In klaren und humorvollen Worten sprachen die Akteure aus, was Bilder aus dem Privatfernsehen trotz aller Nacktheit ausblenden: die Probleme mit der eigenen Sexualität. Wie nötig gute Aufklärung ist, zeigte eine erst kürzlich im "Spiegel" veröffentlichte Reportage. Darin warnen Sexualforscher vor einer verhängnisvollen Selbstüberschätzung der Jugendlichen. "Das Wissen über Sex ist extrem gering, die Illusion etwas zu wissen, dagegen groß", lautete die Quintessenz. Angesichts erneut zunehmender Aids-Infizierungen und steigender Abtreibungsquoten bei Minderjährigen möchte man mit strenger Miene ausrufen: Ab ins Theater! "Was heißt hier Liebe", Inszenierung des Theaters Rote Grütze, bis 24. Januar in der Arena, nächste Vorstellungen: Dienstag bis Donnerstag, um 11 Uhr, Tel.: 533 20 30.