Rom - Grell geschminkte, üppige Händlerinnen käuflicher Liebe gehörten in Federico Fellinis Film „Roma“ ebenso zur Ewigen Stadt wie Papst und Kardinäle. Auch Pasolini machte in „Mamma Roma“ eine Prostituierte zur Hauptfigur. Die Außenseiterinnen waren im katholischen Italien mit seinem traditionellen Familienverständnis auffallend häufig Stoff für Film und Literatur. Doch von Politik und Gesellschaft wird das Thema Prostitution bis heute recht unentschlossen und halbherzig behandelt. Auch wenn es zwischenzeitlich einen Premier gab, der sich gern mit Damen aus der Branche umgab, und auch wenn das Geschäft mit Sex in Italien überall präsent ist.

Neuland für Italien

Jetzt wagt der Bezirksbürgermeister von EUR, einem Stadtviertel am südlichen Rand Roms, das der faschistische Diktator Benito Mussolini in den 30er-Jahren bauen ließ, einen Vorstoß. Er will einen Rotlichtbezirk einführen – etwas, das es bisher nirgends im Land gibt. Entsprechend kontrovers sind die Reaktionen. Roms sozialdemokratischer Bürgermeister Ignazio Marino unterstützt den Plan, trotz Warnungen vieler Linker vor einem „Rotlicht-Ghetto“. Die rechte Opposition und die Kirche protestieren. Ein schändlicher Plan sei das, erregte sich Avvenire, die Zeitung der italienischen Bischofskonferenz – und das „in der Wiege und im Herzen des christlichen Humanismus“. Es sei eine scheinheilige Entscheidung, mit der man das „Drama der Prostitution“ unter den Teppich kehren wolle.

In Italien sind Prostituierte gezwungen, auf der Straße zu arbeiten. Denn Prostitution ist zwar erlaubt, Bordelle aber sind verboten. Bis in die 50er-Jahre hatte es noch die Case di tolleranza gegeben, vom Gesetzgeber tolerierte Puffs. „Case chiuse“ hießen sie auch, geschlossene Häuser. Denn sie waren verpflichtet, ihre Fensterläden stets geschlossen zu halten, damit das schändliche Treiben von außen nicht sichtbar wurde. Im Jahr 1958 dann verordnete ein von der sozialistischen Abgeordneten Lina Merlin eingebrachtes Gesetz die Schließung der damals 2 500 Bordelle. Man hoffte, die Zuhälterei einzudämmen.

Umsatz von 7,5 Milliarden Euro

Wie erfolglos das blieb, ist in den Randgebieten und an Ausfallstraßen der Städte, in Parks und Gewerbegebieten zu sehen, wo zu jeder Tageszeit ganze Heere halbnackter Frauen aller Hautfarben sowie Transvestiten ihre Dienste anbieten. Auch wenn das offensive Werben um Freier strafbar ist, werden Autofahrern nackte Hinterteile und Busen entgegengereckt, nachts oft im Schein kleiner Feuerstellen. Von diesem Lichtschein inspiriert ist auch der italienische Ausdruck für Prostituierte: „lucciole“ – Glühwürmchen.

Doch niedlich ist das Geschäft nicht. Mafia-Gruppen haben es in der Hand. Zwangsprostituierte aus Osteuropa und Afrika, vor allem Nigeria, sowie eine steigende Zahl Minderjähriger werden ausgebeutet. Die nach Schätzungen bis zu 120000 Prostituierten haben keine Rechte, sind aber auch nicht steuerpflichtig, wie etwa in Deutschland. Der italienische Staat verschließt eher die Augen vor dem Problem, Polizeikontrollen sind nicht allzu häufig.

Italiens Sexindustrie setzt nach Schätzungen zwischen zwei und 7,5 Milliarden Euro jährlich um. Neun Millionen Italiener nehmen demnach sexuelle Dienstleistungen gegen Bezahlung in Anspruch. 77 Prozent der Freier sind verheiratet, mehr als die Hälfte gehört zum Mittelstand. Diese Zahlen hat die Hilfsorganisation Gruppo Abele des katholischen Priesters Don Ciotti veröffentlicht, die sich um die Frauen auf der Straße kümmert.

Anwohner und besorgte Eltern klagen oft über die wilde Prostitution. In EUR etwa werden Frauen auf dem Nachhauseweg von Freiern belästigt. Man könne den Kindern angesichts der teils bizarr gekleideten Sexarbeiterinnen auch nicht ständig erzählen, es sei Karneval, sagt der Bezirksbürgermeister, von dem die Idee des Rotlichtbezirks kommt. Bis April will er drei Straßenzüge dafür bestimmen, möglichst weit entfernt von Wohngebieten. Sozialarbeiter sollen den Prostituierten dort Gesundheitschecks anbieten, Kondome verteilen und Zuhälter fernhalten. Freier, die anderswo anbändeln, zahlen 500 Euro, hat Roms Bürgermeister Marino angekündigt. Man müsse die Familien besser schützen.

Doch möglicherweise würde die Stadt sich selbst mit der Einrichtung der Rotlicht-Zone strafbar machen. Kritiker verweisen nämlich auf das gesetzliche Verbot der Förderung von Prostitution. „Es gibt keinen Zweifel, dass man in diesem Fall eine Art Sex-Markt organisieren würde“, sagt der römische Ex-Bürgermeister und Sozialdemokrat Francesco Rutelli, der selbst in EUR wohnt. Ohne eine Änderung des mehr als 45 Jahre alten Gesetzes Merlin sei das gar nicht möglich, und die müsste erst einmal im Parlament diskutiert werden, sagt auch Roms Präfekt. Viele Italiener glauben, dass es am sinnvollsten wäre, einfach wieder Bordelle zuzulassen. Dann wäre ein großer Teil der Prostituierten weg von der Straße. Im Internet läuft darüber eine breite Diskussion.

Dacia Maraini, die sich als erste Schriftstellerin Italiens mit Themen wie Vergewaltigung, Inzest und Prostitution auseinandersetzte, hat einen anderen Ansatz. Über Sex als Konsumverhalten und über Zwangsprostitution müsse auch in den Schulen geredet werden, fordert sie. Der Staat müsse eine breite Informationskampagne über das Thema starten. „Die Kunden dieser Frauen, all die braven Ehemänner und Familienväter, geben nämlich fast immer an, gar nichts darüber zu wissen.“