PRAG, 2. Juli. Für Hermann Maier war das Rennen schnell beendet. Schon kurz vor 17 Uhr musste Österreichs Ski-Heros am Mittwoch in Prag eine bittere Niederlage kommentieren. Mit nur 16 Stimmen war Salzburg im Wettbewerb um die Olympischen Winterspiele 2010 gescheitert - in Runde eins. Die Rivalen Pyeongchang (Korea/51) und Vancouver (Kanada/40) zogen ins Finale ein, und ein Radioreporter bat Maier um einen Kommentar: "Hermann, du hast so super geredet. Du hast die volle Begeisterung hervorgerufen. Wie schaut s jetzt in dir drin aus?" Der Herminator, ganz Athlet, hatte Begeisterung und Schmerz schnell überwunden: "Ich bin gar nicht so enttäuscht", erwiderte er, "man muss das abhaken."An einer Erklärung versuchte er sich dann aber doch noch, und die war gar nicht mal so schlecht. "Es war vielleicht der falsche Zeitpunkt. Für Europa", sagte Maier. Es war noch komplizierter: Europa (beziehungsweise die europäischen unter den 116 votierenden IOC-Mitgliedern) hatte wohl weniger die Winterspiele 2010 als vielmehr die Sommerspiele 2012 im Sinn. Die Kalkulation ist klar auszumachen: Bis 2006 gastiert der olympische Zirkus zweimal auf dem alten Kontinent (Sommer 2004 Athen, Winter 2006 Turin). Im Jahr 2008 richtet Peking die Sommerspiele aus. Wären die Winterspiele 2010 erneut nach Europa gegangen, hätte es für 2012 kaum eine andere Wahl gegeben, als wieder den amerikanischen Kontinent zu beschenken. Nun aber triumphierte Vancouver im Finale mit 56:53 Stimmen gegen Pyeongchang - und plötzlich stehen die potenziellen europäischen Bewerber (Moskau, Paris, Madrid, London, Leipzig) ungleich besser da gegenüber New York und Toronto, vielleicht auch gegenüber Sao Paulo oder Rio. "Ich hoffe aber, dass 2012 hier in Prag keine Rolle gespielt hat", sagte Leipzigs Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee. "Denn ich würde es auch nicht schön finden, wenn 2005 in Singapur manche schon die Spiele 2014 im Hinterkopf hätten."Der Sieg Vancouvers war am Ende keine Überraschung. Nach dem Bericht der IOC-Prüfungskommission galt die Metropole an der kanadischen Pazifikküste als klarer Favorit. Bisher hatte Kanada je einmal Sommer- und Winterspiele ausgetragen: 1976 in Montreal und 1988 in Calgary. Verblüffend war nur, dass Pyeongchang den Favoriten beinahe abgefangen hatte. Und dies mit der Taktik des in Korea überaus populären Short-Track-Eislaufens: Erst mal hinten rennen und warten, was passiert. Come from behind, heißt diese Taktik. Nicht selten stürzen beim Short-Track sämtliche Kontrahenten, die sich beharken, oder werden disqualifiziert; ein eigentlich weit zurückliegender Athlet schlittert dann unbedrängt zum Sieg, wie zuletzt bei den Winterspielen 2002 in Salt Lake City zu bestaunen war. Für Pyeongchang hat es indes nicht ganz gereicht. Denn Vancouvers Bewerber strauchelten nicht. Sie machten auf der Zielgeraden keine Fehler mehr.Unangemessen unterwürfigDie Kanadier hatten sich in Prag dezent zurückgehalten und waren kaum an die Öffentlichkeit gegangen, während Korea aggressiv warb, wie sich an der flächendeckenden Beflaggung der Stadt mit Fahnen und Plakaten des IOC-Sponsors Samsung leicht ablesen ließ. Samsung-Boss Kun Hee Lee durfte zwar wie alle direkt beteiligten Mitglieder nicht mit abstimmen, hatte jedoch vorher alles in seiner Macht Stehende getan. Die Koreaner boten eine grelle Mischung aus olympischem Pathos und knallharter Geschäftspolitik, die sich auf die munter sprudelnden Finanzquellen von Industriekonglomeraten wie Samsung und der Zentralregierung stützten.Überdies demonstrierten die Koreaner eine gewisse Unterwürfigkeit, die im IOC seit der Amtsübergabe von Samaranch an Jacques Rogge nun wirklich nicht mehr zum Pflichtprogramm gehört. Als Beispiel soll die Antwort ihres Generalsekretärs reichen, den in der Szene alle nur Rocky nennen. Nachdem Prinz Albert von Monaco sich bei den Bewerbern eher gelangweilt nach Verkehr und Umweltschutz erkundigt hatte, begann Rocky seine Replik mit diesen Worten: "Ich bedanke mich für die Ehre, auf diese wirklich ausgezeichnete Frage seiner Hoheit Prinz Albert eine Antwort zu geben." Was dann noch kam, kann man sich sparen. Es war ein Ausflug in die gute alte Zeit. In der 45-minütigen Präsentation erwähnten die Koreaner gleich mehrfach Juan Antonio Samaranch. Dessen langjähriger Weggefährte Un Yong Kim versprach, wie weiland Samaranch, "Frieden und Harmonie" sowie natürlich "die besten, größten und erfolgreichsten Olympischen Winterspiele aller Zeiten". Daran darf sich nun Vancouver versuchen.Zuletzt hatte es im Ringen um die Sommerspiele 2000 ein ähnlich knappes Resultat gegeben: Damals siegt Sydney 45:43 gegen Peking; diesmal Vancouver 56:53 gegen Pyeongchang. Merkwürdig dabei, dass im ersten Durchgang von 111 Wahlberechtigten vier auf ein Votum verzichteten. Im Finale gaben von 112 Funktionären drei keine Stimme ab. Während die Hundertschaft Koreaner im Hilton folgsam jede Aussage ihrer Delegation bejubelte, ja sogar nach der Niederlage tapfer weiter skandierte, nahmen die Kanadier ihren Sieg routiniert entgegen. "Gewonnen ist gewonnen", sagte Premierminister Chretien. Eben.AFP/MICHAL RUZICKA Die Hände zum Himmel: Kanadas Delegation jubelt nach dem Ja-Wort - mittendrin Premier Jean Chretien.DPA/MICHAL DOLEZAL Die Blicke zu Boden: Südkoreas Delegation trauert im Tagungshotel.

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