Das Filmteam arbeitet im Verborgenen. "Ersatzteillager H4" steht an der Werkhalle. Drinnen verbirgt sich ein Ersatzteillager der besonderen Art. Im Requisiten-Regal stehen Gläser, Teller und Tassen im DDR-Design neben Stieleisbereitern aus Plaste und einem Tonband Tesla B 56. In der Halle hat RTL eine DDR-Plattenbauwohnung aus Sperrholz aufbauen lassen, mit verschiebbaren Wänden und abnehmbaren Decken. Im Wohnzimmer hängen Blechteller und ein Wandbehang aus Bulgarien, im Kinderzimmer das Poster von Dynamo Dresden neben der bundesdeutschen Nationalmannschaft. Die zweite Schlafstatt ist mit Postern von David Bowie, electra und Stern Meißen geschmückt. Nur das Bild der 90er-Jahre-Band Faith No More passt nicht in die Zeit - denn die Serie spielt in einem Plattenbau im Friedrichshain des Jahres 1983. Das Plakat ist nicht das einzige Detail, das nicht recht passt. Gedreht wird auf dem Werksgelände der Aufzugsfirma Schindler in Tempelhof. Das ist nun partout nicht Original-Ost, liegt aber praktischerweise in der Nähe der Produktionsfirma Phoenix, die an der Oberlandstraße sitzt. Die Produktion heißt "Meine schönsten Jahre", ist eine Ost-Sitcom und soll aus heutiger Sicht auf die Welt eines 13-jährigen Jungen in der DDR zurückblicken. Natürlich will RTL noch mal Profit schlagen aus dem Erfolg von "Good Bye, Lenin!". Doch Regisseur Edzard Onneken, der mit seinem gestreiften Anzug und der breiten Brille wie der ältere Bruder von Wigald Boning aussieht, will sich nicht zu sehr auf das Thema DDR beschränken: "Die Erlebnisse eines 13-Jährigen sind doch universal: erster Kuss, erste Liebe." Der "DDR-Ernst", wie Onneken den historischen Hintergrund nennt, soll aber schon eine Rolle spielen: So malt der Held Karl einem Honecker-Bild einen Bart an - schon müssen seine Eltern zum Rapport in die Schule. Die DDR-Sitcom soll seine Helden nicht vorführen: "Wir zeigen einfach, wie eine normale Familie mit Witz und Charme ihren Alltag meistert." Wie das aussehen soll, verraten die Arbeiten an einer Szene. Papa Treschanke, gespielt von Guntbert Warns, will seiner Frau (Ulrike Mai) zum Frauentag eine Moulinette aus dem Westen besorgen. Doch als er seinem Westbekannten (Bernd Stegemann) 50 D-Mark geben will, stellt er fest, dass im Geldversteck, einem Fernsehturm aus Plastik, nur ein 50er mit dem Bild von Friedrich Engels steckt. Sohnemann Karl hatte mit dem West-Geld für seinen Schwarm Anna im Intershop Chanel Nr. 5 gekauft - das will Papa nun gegen die Moulinette zurücktauschen. Doch seine Gattin hält das Parfüm für ihr Frauentagsgeschenk und gibt es nicht mehr her. Schauspieler und Regisseur arbeiten hartnäckig am Timing: Wann genau merkt wer was? Ulrike Mai ist die Einzige am Set, die die 80er-Jahre in der DDR erlebt hat - die Darsteller der drei Kinder waren 1983 noch gar nicht geboren, Onneken und Warns kommen aus dem Westen. Manchmal muss sie zwar einen Dialog korrigieren, wenn ihr eine Äußerung eher nach Osnabrück als nach Ost-Berlin klingt. Doch von der originalen Ausstattung fühlt sich auch Ulrike Mai in die DDR-Zeit zurückgebeamt: "Das ist fast wie ein Déjà-vu!" Ihre Filmkinder kennen die DDR-Zeit nur aus den Erzählungen der Eltern. Michael Wiesner, der den ältesten Sohn spielt und ein lappiges Jeans-Imitat tragen muss, mit dem sich 1983 auch im Osten niemand auf die Straße getraut hätte, kennt immerhin Karat und City. Madeleine Telge, in der Rolle der Tochter Janina, findet ihre Klamotten wie den aparten Lederrock fast schon wieder cool. Hauptdarsteller Christoph Oehme, der den Karl spielt, kommt erst am Nachmittag in die Halle. Der 13-Jährige geht schließlich in die Schule. Für den selbstbewussten Filmprofi, der seit sechs Jahren regelmäßig vor der Kamera steht, ist die Serie nichts Besonderes. Über die DDR weiß er Bescheid - sein Großvater, der Regisseur Roland Oehme, der für die Defa viele Komödien drehte, hat ihm manches erzählt. Nun versucht sich ausgerechnet der Kölner Sender RTL in der Tradition des DDR-Lustspiels.------------------------------Erfahrenes Team // Die Firma: Die Berliner Phoenix Film dreht TV-Serien wie "Edel & Starck" (SAT.1), "Unser Charly" und "Hallo Robbie!" (ZDF).Die Macher: Regie führen Ulli Baumann und Edzard Onneken. Die Drehbücher stammen vom Team der "Screenwriters Berlin". Die Schauspieler: Ulrike Mai spielte am Landestheater Halle, am Theater am Kurfürstendamm, in mehreren "Polizeirufen" und TV-Serien wie "Für alle Fälle Stefanie", "In aller Freundschaft" und "SOKO Leipzig". Guntbert Warns war engagiert am Schiller-Theater, Mitglied der Berliner Comedytruppe "Bastarde", spielte sechs Jahre lang einen Kommissar in der Pro-Sieben-Serie "Die Straßen von Berlin" und inszeniert derzeit das Solostück "Süchtig" mit Stefan Jürgens in der Arena.Der Termin: RTL will die zehn Folgen von "Meine schönsten Jahre" im Herbst zeigen.------------------------------Foto: Wo ist nur das Geld geblieben? Familienvater (Ost) Guntbert Warns (r.) und Freund (West) Bernd Stegemann bei der Arbeit an "Meine schönsten Jahre".