BERLIN, 7. November. Könnte Rudolf Augstein die Nachrufe über sich lesen, würde er wohl gerne widersprechen und den Autoren nachrufen, dass sie ihn in vielem falsch gezeichnet hätten. Nicht einmal den Ruhm oder Nachruhm hätte er sich ohne Widerspruch nachsagen lassen. Hätte er hinterlassen wollen, wie er wirklich gesehen werden will, hätte er rechtzeitig seine Memoiren geschrieben. Den Versuch hat er noch unternommen, aber nicht vollenden können. An Stoff dafür fehlte es nicht.Im deutschen Journalismus war Augstein eine Jahrhundertfigur, die viele Jahrzehnte alle anderen überragt hat. Das hätte er auch nicht bestritten, aber er konnte über sich nur schwer schreiben oder reden. Trotz aller Wortmächtigkeit war er kein Erzähler, der aus sich heraus lebte. Er wollte nie Romane schreiben. Seine Fantasie, sein Intellekt, seine Ausdruckskraft brauchten ein konkretes Ziel, einen mächtigen Menschen, einen Gegner, an dem sie sich entfalten konnten. Es musste auch um eine Sache gehen, für die er streiten konnte. Nachdem er 1945 als junger Artillerie-Leutnant aus dem Russland-Krieg heimgekehrt war, konnte er nicht für Ideen und Utopien kämpfen - der Glaube daran war ihm wie den meisten seiner Generation gründlich ausgetrieben worden.Es ging ihm fast immer um aktuelle politische Entscheidungen. So war er in einer wichtigen Nebenrolle auch Politiker. Ein Einzelkämpfer zwar, aber einer, der mit dem Spiegel über ein Machtinstrument verfügte. Trotz aller Skepsis und aller Sachbezogenheit suchte er zeitlebens nach dem Sinn menschlicher Existenz. Da er den katholischen Kinderglauben längst verloren hatte, suchte er mit autodidaktischem Eifer in der Geschichte und in der Philosophie, konnte aber die befriedigende Antwort nie finden. Auch im persönlichen Leben nicht, das unter einer selbst eingestandenen Bindungsschwäche litt. Noch auf dem Höhepunkt seiner Macht liebäugelte Augstein mit dem Gedanken, den Journalismus für eine Professur an den Nagel zu hängen. Wirklich erfolgreich blieb er aber nur in seiner Hauptrolle als Autor, Herausgeber und Verleger des Nachrichtenmagazins Der Spiegel.Die Frage "Wer war Rudolf Augstein?" ist damit nur zum Teil beantwortet. Er entzog sich allen Versuchen, ihn zu befragen. Je nach Frage mit spielerischer Koketterie, herbem Zynismus oder brüsker Ablehnung. "Er ist der Geist, der meist verneint", schrieb sein damaliger Chefredakteur Claus Jacobi später über ihn. Sein Freund, der Schriftsteller Martin Walser, nannte ihn einmal ein "Verehrungsverweigerungstalent". Augstein schien das gefallen zu haben. "Wer mich Zyniker nennt, der ehrt mich, ich bin gern Zyniker", hatte er schon früh über sich gesagt. Aber auch das war zum Teil Verstellung.Der Leidenschaft für die Wahrheit verdankt der 1923 geborene Journalist seine ersten großen Erfolge. Kaum hatte er das unbekannte Magazin Spiegel 1947 von den Engländern in Hannover übernommen, sah er es als "Sturmgeschütz der Demokratie" und verlangte von seinen Redakteuren den "Spürsinn eines Morddezernats". Augstein war eher beiläufig zum Journalismus gekommen. Als "blutjung-blutiger Zeuge der Vernichtung", wie er schrieb, gehörte er zur "Nie wieder"-Generation. Er fühlte in sich den Zwang, "die grausame Wahrheit der menschlichen Blindheit aufzudecken". Nirgends konnte er dies schneller und wirksamer tun als im Journalismus. Bereitwillig nahm er ein Angebot des Hannoverschen Nachrichtenblattes an. Drei britische Presseoffiziere, die zur Erziehung der Deutschen eine Zeitschrift, Die Woche, gegründet hatten, wurden bald auf das junge Talent aufmerksam und machten Augstein zu ihrem Deutschland-Ressortchef. Couragiert attackierte er auch die Besatzungsmächte, nicht nur Sowjets und Franzosen, sondern auch die Briten, bis es der britischen Kontrollbehörde in Berlin zu bunt wurde. Ende 1946 entschied sie, die Zeitschrift in deutsche Hände zu übergeben. Mit zwei anderen zusammen erhielt Augstein für zehntausend Reichsmark die Lizenz. Der Spiegel, so der neue Titel, war geboren.Am 4. Januar 1947 erschien die erste Ausgabe mit einer Auflage von 15 500 Exemplaren. Schnell machte Der Spiegel durch Enthüllungsgeschichten auf sich aufmerksam. Einer seiner ersten großen Coups war die Entdeckung, dass es bei der Wahl Bonns zur Bundeshauptstadt nicht mit rechten Dingen zugegangen sei. Die Rede war von Geldzuwendungen, von Bestechung. Bald schlugen die Bonner Politiker am Montag den Spiegel mit Zittern auf.Augstein selbst machte inzwischen allerdings Jagd auf Größeres. Unter dem Pseudonym Jens Daniel polemisierte er vom ersten Tage an gegen Adenauers Außenpolitik. "Deutschland - ein Rheinbund?" lautete der Titel seiner gesammelten Kommentare. Augstein war gegen die Einbindung der Bundesrepublik in die europäische Gemeinschaft und gegen die Wiederbewaffnung. Beides stand seiner Meinung nach im Gegensatz zum Ziel der Wiedervereinigung.Der feurige Spiegel-Chef galt zunächst als Linker, aber schon bald tauchte die Frage auf, was er wirklich sei. Im Kampf gegen Adenauer demaskierte er sich als Rechter. Erich Kuby, ein Gesinnungsgenosse aus der "Nie wieder"-Generation und erster Spiegel-Biograf, erkannte schon früh: "Was in ihm am frühesten Ausdruck findet, ist Augsteins nationale Gesinnung." Kuby hat Augstein wie kein anderer durchschaut. Dennoch blieb er ihm nahe. Bis Augstein 1990 Kohl zur Wiedervereinigung gratulierte, Adenauer postum Recht gab und sagte: "Ich denke national."Gegen Adenauer hatte Augstein schon Mitte der fünfziger Jahre verloren. Die ersten Bundeswehreinheiten wurden Mitte 1955 aufgestellt, die Bundesrepublik war nun Mitglied der Nato, die europäische Gemeinschaft nahm Gestalt an und die Wiedervereinigung war in dem sich zuspitzenden Kalten Krieg in sehr weite Ferne gerückt. In Adenauers neuem Verteidigungsminister Franz Josef Strauß fand er aber einen Ersatzgegner.Der barocke Bayer Strauß war eine schillernde Persönlichkeit, die Augstein zunächst faszinierte. Beide teilten die Leidenschaft für Geschichte, beide liebten Diskutiergelage, beide verfügten über einen schnellen Witz, beide waren völlig unabhängig in ihrem Denken. Und beide waren Machtmenschen. Auch Augstein genoss Macht - die Macht über Menschen und die politische Macht, die ihm der Spiegel verschaffte. Sehr bald setzte er diese Macht auch gegen seinen Saufkumpan Strauß ein. Augstein hatte das Abgründige in Strauß erkannt, seine Anfälligkeit für Korruption, seine Brutalität, seinen krankhaften Ehrgeiz und seine anti-kommunistische Kreuzzugsideologie, die ihn nach Atomwaffen in deutschen Händen streben ließ.Augstein wollte mit scharfen Kommentaren und mit Enthüllungsgeschichten verhindern, dass dieser Mann Bundeskanzler wurde. Strauß, der ohnehin einen Zug zum Verfolgungswahn hatte, sann auf Rache. Die Gelegenheit schien im Oktober 1962 gekommen zu sein. Der Spiegel hatte unter dem Titel "Bedingt abwehrbereit" über Mängel der Nato-Verteidigungsstrategie berichtet. Unter dem Vorwand, das Blatt und Conrad Ahlers, der Autor des Artikels, hätten militärische Staatsgeheimnisse verraten, wurden Augstein und die Mitglieder der Chefredaktion festgenommen. Strauß Triumph war nur kurzlebig. Die Nacht-und-Nebel-Aktion führte zum Rücktritt des Verteidigungsministers, weil er den Bundestag über seinen Anteil daran belogen hatte, und leitete den Anfang vom Ende der Ära Adenauer ein.Die Affäre veränderte die Bundesrepublik. Sie veränderte aber auch Rudolf Augstein. Als er nach 103 Tagen aus der Untersuchungshaft entlassen wurde, schien er seinen Freunden und Kollegen ein anderer zu sein. Er hatte mehr erreicht, als er hatte hoffen können. Strauß war gestürzt, Adenauer politisch ein toter Mann, aber Augstein hatte keine Gegner mehr. Er war nun weltberühmt, er war mit jungen Jahren eine Legende, aber in dem Mittelmaß, das jetzt die Politik der Bundesrepublik bestimmte, gab es niemanden mehr, gegen den er hätte kämpfen wollen. Vielleicht ahnte er, dass auch er den Höhepunkt seiner Macht überschritten hatte. Er machte das Blatt weiter, aber mit unübersehbarer Distanz.Wie viele Journalisten träumte er davon, die Seiten zu wechseln. Mit Hilfe seiner FDP-Freunde versuchte er, selbst Politik zu gestalten, am liebsten als Außenminister. 1972, viel zu spät, entschloss er sich, für den Bundestag zu kandidieren. Über die Liste schaffte er zwar den Sprung nach Bonn, erlebte aber die nächste Enttäuschung. Er wäre nun gerne Fraktionsvorsitzender geworden, die Fraktion delegierte ihr berühmtes Mitglied aber in den Medienausschuss. Augstein fühlte sich in Bonn verloren, und als Willy Brandt den Spiegel-Chefredakteur Günter Gaus zum Ständigen Vertreter der Bundesregierung in Ost-Berlin berief, nutzte er schnell die Gelegenheit, sein Mandat niederzulegen. Er müsse sich wieder um den Spiegel kümmern, begründete er seine Flucht aus Bonn.Seit der Spiegel-Affäre war Augsteins polemischer Zorn erlahmt. Er flüchtete sich in die Arbeit an seinen Büchern, in lange Gespräche mit den Philosophen Heidegger und Jaspers sowie dem Schriftsteller Ernst Jünger. Statt streitbarer Kommentare ließ er dem Spiegel gegen den Willen der Chefredaktion nun gelbe Blätter mit langen Traktaten und Gesprächstexten beiheften. Die 68er-Bewegung entdeckte er erst spät. Eigentlich erst, als Rudi Dutschke und andere wegen eines 1967 abgeschlossenen Druckvertrages mit Springer auf ihn losgingen. Aus Furcht, die junge Generation zu verlieren, ordnete er eine Anti-Springer-Serie an und trennte sich von seinem Chefredakteur Jacobi, dem er vorwarf, den Spiegel "nach rechts zu redigieren". Er holte sich sogar einige junge Umstürzler ins Blatt, feuerte sie aber schnell wieder, als diese im Geist der Zeit Redaktionsstatuten und innerredaktionelle Mitbestimmung durchzusetzen versuchten. Um den Aufruhr in der Redaktion zu beenden, tat er etwas, was er später bitter bereute: Er schenkte einer Mitarbeiter KG der Redaktion knapp fünfzig Prozent der Anteile am Spiegel-Verlag.Seine persönliche Autorität garantierte ihm aber weiter seinen Einfluss. Schon 1987 hatte Erich Kuby klarsichtig geschrieben: "Alles spricht dafür, dass R.A. von einem unbändigen Machttrieb besessen war. Heute muss aber angenommen werden, dass wir es mit einem R.A. zu tun haben, dessen Machttrieb eingeschlafen ist, weil sich R.A. am Ende der Fahnenstange angekommen sieht, und das nicht erst seit gestern." Augstein, immer häufiger von Melancholie heimgesucht, schien ihm Recht zu geben.Der Rest war Götterdämmerung. Ganz im Stile Richard Wagners, in dessen emotionale und tragische Musik der andere Augstein, der Gefühlsmensch Augstein, ein Leben lang vernarrt war."Was in ihm am frühesten Ausdruck findet, ist Augsteins nationale Gesinnung. " Erich Kuby, Publizist

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