Daß Edith Clever und Jutta Lampe nach über einem Jahrzehnt zum ersten Mal wieder zusammen auftreten, hat der Schaubühnenpremiere am Freitag abend die erwartungsvolle Aufmerksamkeit der Theaterwelt gesichert. Daß die beiden Primadonnen der deutschen Sprechbühne ihr Gipfeltreffen in einer Dramatisierung von Rudolf Borchardts Novelle "Der Hausbesuch" in Szene setzen, hat zu leicht überraschtem Brauenheben geführt.Borchardt? Der Westen kennt ihn als sprachmächtigsten Vertreter eines kulturkritischen Konservatismus (im Osten ist er unbekannt, weil in der DDR keine Zeile von ihm gedruckt werden durfte). Der 1877 geborene Nachfahr Königsberger Juden starb 1945 in Tirol an den Folgen der Verschleppung durch die Nationalsozialisten. Borchardt, ein früher Freund von Hofmannsthal, war ein glühender Nationalist von Herderscher und romantischer Inspiration; er lebte aber die längste Zeit seines Lebens nicht in Deutschland, sondern auf toskanischen Herrensitzen.Er haßte die Moderne, übersetzte Dante und die Griechen und gilt seinen Verehrern nicht nur als der gelehrteste und sprachlich kühnste Essayist der deutschen Literatur, sondern auch als Lyriker, der den Vergleich mit Rilke oder Benn nicht zu scheuen braucht (die von Borchardt selbst, wie die meisten seiner Zeitgenossen, herzlich verachtet wurden). Kaum bekannt, aber nicht zu überschätzen ist Borchardts Einfluß auf die kritische Theorie der Frankfurter Schule. Adornos "Ästhetische Theorie" ist partienweise wenig mehr als eine Ausarbeitung Borchardtscher Motive.Edith Clevers Bühnenfassung des "Hausbesuchs" ist daher auch ein literaturpolitisches Signal: Erprobt wird die Publikumswirksamkeit der avanciertesten deutschen Gegenmoderne (avanciert und gegenmodern - weniger paradox läßt sich der Fall Borchardt eben nicht umreißen). Eine besondere Pointe ist dabei, daß "Der Hausbesuch" ein Frauenstück ist, handelnd von Frauensorgen, erzählt aus der Sicht von Frauen, geschrieben aber von jenem Borchardt, von dem Tucholsky sagte, er lege sich grundsätzlich mit der Rüstung ins Bett."Der Hausbesuch" erzählt, wie eine Ehe im großbürgerlichen Milieu der 20er Jahre innerhalb weniger Stunden erdrutschartig zusammenbricht. Ausgelöst wird die Katastrophe durch den Besuch eines gemeinsamen Jugendfreundes des Ehepaares. Die Novelle ist aus der Sicht von Rosie Büdesheimer, der geschiedenen Ehefrau, erzählt. Edith Clevers Dramatisierung stellt die Erzählsituation auf die Bühne: Rosie (Jutta Lampe) berichtet, ihre Kusine (Clever) hört zu und flüchtet am Ende vor dem Gehörten.Das geht bis zur Pause, dem Moment, da der Besucher, ein Herr Freinsheim, vor der Tür steht, ganz gut. Die Inszenierung entwickelt die eleganten Sorgen eines eleganten, leb- und lieblosen Ehepaars (Büdesheimer ist erfolgreicher Ohrenarzt) angemessen elegant, und die kleinen Streitereien der beiden über Abendeinladungen und ohrenärztliche Fachquerelen werden von Jutta Lampe in feinstem Kammerton vorgezirpt. Die Aufführung ist sozusagen halbkonzertant, denn Lampe muß ihre Stimme auch den männlichen Partien von Büdesheimer und Freinsheim leihen und wandelt recht allein mit ihrem Schatten Clever zwischen Art-deco-Sofa und Arztlaboratarium hin und her.Die Katastrophe, das Abendessen mit Freinsheim und die anschließende Nacht, die Rosie zur Trennung von ihrem Mann bringt, wird von Jutta Lampe dann vorgelesen, aus einem Tagebuch offenbar, gedacht als tonloser somnambuler Erinnerungsmonolog, der den gesellschaftlichen und psychologischen Realismus der Eingangsszenen übersteigen soll. Wirklich ist Borchardts Text in der zweiten Hälfte nicht mehr mimetisch, soziale Wirklichkeit nachahmend, sondern mythisch. Borchardt hat den häßlichen, aber attraktiven Freinsheim in vielen Detailzügen nicht nur als Selbstporträt, sondern vor allem als Reinkarnation des griechischen Gottes Dionysos gezeichnet (in der Bühnenfassung wurden durch kleine, aber treffgenaue Kürzungen einige der wichtigsten Hinweise weggestrichen); Rosie läßt er zur antikischen Mänade werden, die orgiastisch zu tanzen beginnt. Ganze Partien sind wörtliches Zitat aus antiken Schriftstellern.Borchardt hat in seinem teilweise sehr lehrhaften Text übrigens dieses dionysische, das er seiner Rosie widerfahren läßt, klar mit dem Unterbewußten der zeitgenössischen Theorie Freuds in Beziehung gebracht. "Nicht die Natur ist es schließlich, die explodiert", sagt Rosie, "sondern die Widernatur, die uns oktroyierte Korruption, die Entartung." Der Dionysos Freinsheim läßt das Verdrängte frei und zerstört das nur Gesellschaftliche der bürgerlichen Ehe. Doch ist dieser psychologische Vorgang in "Der Hausbesuch" eben nicht realistisch gefaßt, sondern elementarisch, und das hieß für Borchardt immer dichterisch und hymnisch.Selten hat man eine Aufführung gesehen, die nach einem ganz vielversprechenden Beginn so abstürzte. Den radikalen Tonwechsel der Borchardtschen Prosa ließ Frau Lampe in einem belanglosen Gestammel untergehen; sie hat vom antikisierenden Prosarhythmus ungefähr so viel Ahnung wie Frau Clever als Salzburger Kleopatra von Shakespeareschen Versmaßen, nämlich keine.Je fremder und prekärer Borchardts Text wird, desto mehr fällt zudem die erst nur schicke, dann aber prätentiös verdoppelnde Regie auf die Nerven. Spricht der Text von einem Gong, dann läßt Frau Clever einen Gong ertönen; erwähnt er Regen, dann zaubert sie laut rauschenden Bühnenregen; sagt jemand, es schrille das Telefon, dann schrillt ein Telefon."Haufen moderner Literatur" läßt Borchardt seine unselige Rosie lesen, aber modern sind auch die verfremdenden Verfahrensweisen seines Textes. Er höhnte einmal über Thomas Mann als den Schriftsteller für den deutschen Gabentisch. Clever und Lampe wäre es fast gelungen, Borchardt auch auf diesen Gabentisch zu legen, wäre ihnen ihr langweiliger Schick nicht dazwischengekommen.Am Schluß ließ Clever die Türen der Bühne ins Freie aufgehen, stieg in ein originales Taxi und fuhr in die Winternacht davon. Erst als das letzte Wort gesprochen war, erreichte der Eiseshauch den Zuschauerraum. +++