Lastwagenfahrer sehen beim Rechtsabbiegen nicht alles in ihren Spiegeln – dieser tote Winkel kann für Radfahrer tödlich sein

Frontspiegel, Rampenspiegel, Weitwinkelspiegel, die rechte Seite eines modernen Lkw ziert eine ganze Batterie von Sichtverbesserern. Sie alle sollen den toten Winkel im Blickfeld des Fahrers möglichst klein halten, wenn er eines seiner sensibelsten Fahrmanöver ausführt: das Rechtsabbiegen an Kreuzungen. In diesem Moment nämlich wird er besonders für Radfahrer zum Risikofaktor. Vor allem in Berlin: Ein Fünftel aller Rechtsabbiegeunfälle zwischen Lkw und Radlern ereignet sich in der Hauptstadt, wie eine Dekra-Studie ermittelt hat. Im vergangenen Jahr gab es fast 1500 solcher Kollisionen, mehr als je zu vor. Das ist ein Fünftel aller Unfälle, in die Fahrradfahrer 2012 verwickelt waren.

Unfallursache Nummer 1
Fehler beim Rechtsabbiegen sind die Unfallursache Nummer 1, wenn es um Radunfälle geht. Risikoreich ist die Situation vor allem dann, wenn der Radweg unmittelbar neben der Fahrbahn verläuft. Lkw und Radfahrer haben beide grün, kreuzen nun aber die Fahrtrichtung. Prinzipiell hat das Rad Vorfahrt. Und wenn der Lkw-Fahrer den Radler sieht, ist das kein Problem. Aber was, wenn nicht? Denn trotz allerlei Sichtverbesserungen bleiben einige tote Flecken im Blickfeld des Fahrers. Längst sind sich die Verkehrsexperten einig, dass man die Situation nicht allein dadurch verbessert, indem man die Lkw technisch aufrüstet. Denn wie Gerd Bretschneider, Geschäftsführer der Fuhrgewerbe-Innung Berlin-Brandenburg, erläutert, hat ein abbiegender Lkw-Fahrer inklusive aller Spiegel inzwischen vier Sichtfelder zu berücksichtigen. „Alle gleichzeitig zu überblicken, damit ist jeder Verkehrsteilnehmer überfordert“, sagt Bretschneider. Gleichzeitig muss der Lkw-Fahrer auf der Hut sein, weil nach wie vor 17 Prozent des Sichtfeldes versperrt bleiben. „Fast immer geben
die Fahrer bei einem Unfall an, den Radfahrer wegen des toten Winkels nicht gesehen zu haben“, berichtet die Berliner Polizei in ihren Unfallanalysen.

Die Fuhrgewerbe-Innung will, neben einer verstärkten Aufklärung in den eigenen Reihen, mehr für die Prävention der Allgemeinheit tun. Die VSBB Verkehrssicherheit Berlin-Brandenburg GmbH ist ein Tochterunternehmen der Fuhrgewerbe-Innung, das sich mit einer Kampagne insbesondere an Schüler wendet. Der Aha-Effekt vermittelt sich beim Erleben, wenn die Schüler selbst auf den Fahrersitz kletternkönnen. Damit will man die Sensibilität bei Radlern für die Gefahr schärfen und einen simplen wie wirksamen Rat vermitteln: „Suchen Sie den Blickkontakt zum Fahrer eines rechts abbiegenden Lkw. Denn sehen Sie den Fahrer, kann auch er Sie sehen!“

Gegen eingeübte Routine
Aber auch bei den Lkw-Fahrern gibt es noch genug Präventionsarbeit zu leisten. Wie Untersuchungen der Dekra zeigen, blicken längst nicht alle Fahrer in alle zur Verfügung stehenden Spiegelflächen. Über Jahre eingeübte Routinen folgen mitunter noch Gepflogenheiten, die in Zeiten entstanden, als längst noch nicht so viele Spiegel Vorschrift waren. Und auch nicht jeder Fahrer überprüft regelmäßig, ob seine Spiegel optimal eingestellt sind. Gerd Bretschneider ist optimistisch, dass die Technik in den nächsten zehn Jahren so große Fortschritte macht, dass etwaFahrassistenzsysteme einen neuen, viel detaillierteren Rundumblick gestatten.

Entsprechende Sensoren könnten dann gar verhindern, dass das Fahrzeug überhaupt abbiegen kann, wenn sich Personen in der Gefahrenzone befinden. Derzeit aber sei die Aufklärungsarbeit auf allen Seiten noch die wirksamste Gefahrenabwehr.

Länger Grün für Radler
Bei der Berliner Polizei sieht man aber auch noch weitere Verbesserungsmöglichkeiten. In einem eigens aufgelegten Programm soll das Konfliktpotenzial zwischen Lkw und Rad schrittweise unter anderem durch einen ausreichenden „Grünvorlauf“, also eine längere Ampelphase für Radfahrer, reduziert werden. Auf stark befahrenen Lkw-Routen könnte „gelbes Blinklicht“ auf die querenden Radfahrer aufmerksam machen. Des Weiteren zielen die Vorschläge auf das Anlegen von gestaffelten Haltlinien, sodass Radler vor dem Lkw stehen, sowie die Einrichtung von Radfahrerschleusen oder größeren Aufstell- und Abbiegestreifen für Fahrradfahrer. Dadurch
können Radler besser ins Blickfeld der Lkw-Fahrer rücken.

Auch an eine Ausweitung von Halteverboten an Kreuzungen wird bei der Polizei gedacht, um den Lastwagen-Fahrern eine freiere Sicht zu ermöglichen.