Senatsplaner Burkhard Horn über Rücksichtslosigkeit im Verkehr, nervige Radfahrer und die Besonderheiten von Berlin im überregionalen Vergleich

Im Zimmer am Köllnischen Park in Mitte steht ein Prototyp für ein neues Leihfahrrad-Design, Pläne und Gutachten stapeln sich auf den Tischen. Burkhard Horn leitet in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt das Referat „Grundsatzangelegenheiten der Verkehrspolitik, Verkehrsentwicklungsplanung“. Er ist dort für die Kampagne verantwortlich.

Herr Horn, wie sind Sie heute zur Arbeit gekommen?
Mit der U-Bahn-Linie 5.

Normalerweise fahren Sie mit dem Rad, haben Sie mir mal erzählt.
Das stimmt. Radfahren macht mehr Spaß. Ich bewege mich, auch wenn es nur vier Kilometer pro Weg sind. Als Radfahrer erlebe ich die Stadt anders, intensiver. Und ich bin an der frischen Luft.

Es bedeutet aber auch, dass Sie mit anderen Verkehrsteilnehmern auskommen müssen, die sich oft rücksichtslos verhalten. Worüber ärgern Sie sich am meisten?
Manche Autofahrer meinen, sie müssten mich in einer Tempo-30-Zone unbedingt überholen, obwohl ich selber schon 30 fahre. Ich ärgere mich auch darüber, dass unübersichtliche Ecken zugeparkt sind und dass Autos auf Radstreifen abgestellt werden, nur weil sich der Fahrer mal eben einen Kaffee holen will. Dass ich von abbiegenden Autos geschnitten werde, ist ebenfalls Alltag in Berlin. Ich ärgere mich allerdings auch über andere Radfahrer. Zum Beispiel solche, die mich links überholen, wenn ich vor einer roten Ampel stehe und dann direkt vor mir rechts abbiegen, wenn es grün wird und ich geradeaus losfahren will. Und als Fußgänger ärgere ich mich über Radfahrer, die mit unverminderter Geschwindigkeit den Gehweg entlangrasen.

Solche Verhaltensweisen lassen einen nicht kalt. Haben Sie auch schon mal aufgetrumpft?
Berufsbedingt habe ich sicher eine bestimmte Brille auf, das liegt in der Sache. Wenn man sich wie ich täglich mit Verkehrssicherheit und den Folgen falschen Verhaltens befasst, hat man manches verinnerlicht. Aber ich bin kein Heiliger, natürlich habe ich mich auch schon mal nicht angemessen verhalten. Zum Beispiel, indem ich einen Gehweg zu schnell gequert oder mein Fahrrad in einem Bereich abgestellt habe, wo Fußgänger behindert werden. Oder dass ich beim Einsteigen in die U-Bahn hineindrängele.

Die meisten von uns glauben, dass wir die besten Fahrer sind, es sind die anderen, die Probleme verursachen. Wie kann die Kampagne für mehr Rücksicht da ansetzen?
Wir wollen an alle Verkehrsteilnehmer heran. Auch an diejenigen, die denken, dass sie alles richtig machen. Wir wollen erreichen, dass solche Einstellungen in Frage gestellt und aufgebrochen werden. Das versuchen wir, indem wir Alltagssituationen aufgreifen, die jeder kennt. Und wir versuchen die Menschen zu erreichen, über die unterschiedlichsten Medien und vor Ort im Gespräch.

Das erste Kampagnenjahr ist vorbei. Wie sieht Ihre Bilanz aus?
Gut. Das Echo bei Sponsoren und Unterstützern war beachtlich. Wir haben offenbar einen Nerv getroffen. Schließlich wird das Thema Rücksichtslosigkeit in unserer Gesellschaft auch in anderer Hinsicht breit diskutiert. Wir haben festgestellt, dass die Kampagne immer bekannter geworden ist. Wir freuen uns über das zunehmende internationale Interesse, über Anfragen aus England, der Schweiz und anderen Ländern. In Deutschland soll die Kampagne auf weitere Städte ausgeweitet werden. Im Mai will der Bund den Staffelstab übergeben.

Auf die Zahl der Unfälle hat sich die Kampagne nicht ausgewirkt.
Das kann auch nicht das allererste Ziel sein. Wir erwarten nicht, dass sich die Kampagne sofort messbar auf das Unfallgeschehen niederschlägt. Sie ist ein Baustein der Verkehrssicherheitsarbeit des Senats – neben der Verbesserung der Infrastruktur oder der Überwachung des Verkehrs. Bei der Kampagne geht es uns darum, die Einstellungen der Verkehrsteilnehmer zu ändern. Es ist ein dickes Brett, das wir da bohren. Denn die Änderung von eingeübten Verhaltensroutinen ist eine ziemlich schwierige Angelegenheit.

Autofahrer sagen, dass die Behörden dazu beitragen, dass das Verkehrsklima schlecht ist – mit zu vielen schlecht koordinierten Baustellen oder behindernden Ampelschaltungen. Haben sie recht?
Die Baustellen bauen wir nicht aus Jux und Tollerei auf, sie sind notwendig. Wir alle klagen über Schlaglöcher und Frostschäden in den Fahrbahnen, diese Gefahrenstellen müssen beseitigt werden. Ebenso wichtig ist es, unsere Straßen zu sanieren, um sie dauerhaft zu erhalten. Da muss man nun einmal akzeptieren, dass es nicht immer und überall freie Fahrt geben kann. Auch eine grüne Ampel-Welle ist kein Naturgesetz, sondern hat immer auch mit physikalischen Grundbedingungen zu tun: Wie weit sind Knotenpunkte voneinander entfernt, in welche Richtung fließt wann der Großteil des Verkehrs?

Wie würden Sie dasVerkehrsklima in Berlin beschreiben? Auswärtige meinen ja, dass es hier ruppig zugeht.
Das würde ich nicht sagen. Ich selber fühle mich in Berlin nicht unsicherer als anderswo. Und manches funktioniert hier besser. Es gibt weniger Staus. Was die Zahl der Verkehrstoten pro Einwohner anbelangt, rangiert Berlin bei den großen Städten weit unten. Berlin ist aber auch eine Stadt, deren Verkehrsgeschehen sich in den vergangenen 20 Jahren stark verändert hat. Ein Beispiel: Es sind mehr Fahrräder unterwegs als früher. Manch einer braucht da Zeit, um sein Verhalten darauf einzustellen. Und manch einer pocht auf einzelne Regeln, um sich durchzusetzen und vergisst den Paragrafen 1 der Straßenverkehrsordnung, der von uns allen als Verkehrsteilnehmern Rücksicht verlangt. Das kann im Einzelfall auch mal schiefgehen. In Deutschland kann ich – so zumindest oft die Wahrnehmung – kaum damit rechnen, dass die Autos schon halten, wenn ich irgendwo auf die Fahrbahn trete, um über die Straße zu kommen. Im scheinbar chaotischen Rom dagegen schon viel eher.

DER PLANER

Burkhard Horn gehört zu den Chefplanern in der Verkehrsabteilung der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt. Der Referatsleiter ist für die Masterpläne zuständig – zum Beispiel für den Stadtentwicklungsplan Verkehr. Der 52-Jährige legt Wert darauf, dass auch Radfahrer und Fußgänger bessere Bedingungen bekommen. Jüngst hat der Senat die neue Radverkehrsstrategie beschlossen, die Fußverkehrsstrategie wird bereits umgesetzt.

Nach dem Studium der Stadtplanung in Kassel war er in der dortigen Stadtverwaltung Verkehrsplaner (1991-95) und dann freiberuflich tätig. 1996 bis 2008 leitete er in Göttingen die Abteilung Verkehrsplanung. Dann zog Horn nach Berlin.