Rücksicht: Verschiedene Wirklichkeitswahrnehmungen

Unfallforscher Siegfried Brockmann untersucht das Verhältnis von Radlern und Autofahrern

Die steigende Zahl der Radfahrer ist nicht jedem Autofahrer geheuer. Mitunter geraten beide Parteien heftig aneinander. Die Ursachen der Spannungen untersucht Siegfried Brockmann, 53, Leiter der Unfallforschung beim Gesamtverband der Versicherer (GDV).

Herr Brockmann, sollten nicht die Straßenverkehrsregeln dafür sorgen, dass sich der Frust auf der Fahrbahn in Grenzen hält?
Nur beobachten wir immer öfter, dass diese Regeln nach den eigenen Bedürfnissen ausgelegt werden. Sie sehen das an der Zahl der Geschwindigkeitsüberschreitungen, an der Missachtung des Rotlichts und dergleichen. Bei Radfahrern passieren solche egoistischen Interpretationen sehr häufig mit dem Argument: Ich schädige doch niemanden. Aber das kann sich schon im nächsten Moment als verhängnisvoller Irrtum erweisen.

Warum haben Auto- und Radfahrer so häufig Stress miteinander?
Das hängt unter anderem mit zwei sehr verschiedenen Wirklichkeitswahrnehmungen zusammen. Für den Radfahrer stellen Masse und Geschwindigkeit eines sich schnell annähernden Autos auch ohne unmittelbaren Konflikt bereits eine Bedrohung dar. Während der Autofahrer, sobald er eingestiegen ist, seine Fähigkeit zum Mitgefühl für andere Verkehrsteilnehmer einzubüßen scheint. Auch eigentlich aggressivitätsunverdächtige
Mütter von Kleinkindern erlebt man in der 30er-Zone vor ihrer Kita sehr häufig mehr als doppelt so schnell. Diese divergierenden Geschwindigkeitswahrnehmungen bilden ein Konfliktpotenzial.

Worin besteht denn das Risiko des Radfahrens in einer Stadt?
Gut nachvollziehbar, Fahrräder haben keinen Airbag, sind ziemlich ungeschützte Verkehrsmittel. Das erhöht massiv die Verletzungsgefahr, vor allem am Kopf, wenn der nicht wenigstens durch einen Helm geschützt wird. Das wird bei allen denkbaren Verbesserungen auch so bleiben und sollte den Radfahrer von selbst zu einer vorausschauenden Fahrweise motivieren. Noch weniger bewusst ist vielen Bikern: Sie sind – insbesondere aus dem rechts abbiegenden Auto heraus – schwer zu erkennen. Je schneller das Rad unterwegs ist, desto größer das Risiko. Darauf muss man sich einstellen. Denn trotz Schulterblick verschwindet
die schmale Fahrradsilhouette ganz leicht im toten Winkel des Autofahrers zwischen Hindernissen am Straßenrand und immer breiter werdenden B-Säulen der Autos. Das macht die Abbiegesituation zum Risikoschwerpunkt und spiegelt sich auch deutlich in den Unfallzahlen wider.

Welche Möglichkeiten hat der Radler, sein Risiko zu verkleinern?
Gut erkennbar sein, ist das eine. Das andere wäre, abbiegende Straßen vorsichtig und bremsbereit zu passieren. Denn es ist keineswegs so, dass nur die abbiegenden Autofahrer die Aufmerksamkeit vermissen lassen. Es
kommt vor, dass bei Unfällen mit Lkws der Aufprall in der Mitte oder am Heck des Fahrzeuges stattfand. Da war das Fahrerhaus längst um die Ecke. Sodass man sich fragen musste, wer hat hier eigentlich wen übersehen?

Fahrradstreifen auf der Fahrbahn sollen nun das Risiko solcher unliebsamen Begegnungen reduzieren. Stimmt das mit Ihren Erkenntnissen überein?
Aus Sicht des Unfallforschers stimme ich dem zu, eben weil man als Fahrradfahrer viel früher und besser wahrgenommen wird. Aber auf dem Rad beschleicht auch mich ein ungutes Gefühl, so dicht neben vorbeirasenden Autos unterwegs zu sein oder auf die Fahrbahn ausweichen zu müssen, um ein einparkendes Auto zu umkurven. Ich gehe davon aus, dass viele Ältere das neue Angebot meiden werden.

Umfragen sagen, dass 80 Prozent der Radfahrer lieber auf separaten Wegen bleiben. Wie reagiert man darauf?
Jedenfalls nicht so, dass die alten Abschnitte auf dem Gehweg noch als eine Art undeklariertes Angebot belassen werden. Jetzt aber, ohne blaues Schild, nicht mehr gewartet werden müssen. Das sieht man derzeit immer häufiger. Aber das schafft neue Verunsicherungen. Sie müssen zurückgebaut werden, oder offizieller Fahrradweg bleiben.

Wo sehen Sie darüber hinaus Handlungsbedarf?
Die Radinfrastruktur insgesamt muss von realistischen Planungen ausgehend auf die neuen Bedürfnisse reagieren. Das gilt etwa auch fürs Linksabbiegen. Wenn ich dem Radfahrer da nicht auch einen Abbiegestreifen
zubillige, ihm komplizierte Manöver über zwei Autofahrspuren hinweg zumute, wird er sich doch eigene Wege suchen.

Der Weg ins städtische Fahrradparadies ist also lang?
Ja, vor allem in polyzentrischen Städten wie Berlin, weil es hier eine große Vielfalt möglicher Wegebeziehungen gibt. Fortschritte lassen sich nur schrittweise erzielen. Um so wichtiger ist mir das Motto der aktuellen Kampagne: Rücksicht! Wir dürfen diesen Handlungsgrundsatz nicht einfach so preisgeben. Und das tut etwa auch ein Radfahrer, der sich auf dem Gehweg in beliebige Richtung breitmacht. Das führt dann zur Anarchie,
unter der am Ende insbesondere die schwächeren Verkehrsteilnehmer leiden.