"Wenn Borchardt in den dritten Stock hinaufstieg und dann über die Mauer hinweg den Ball mit links ins rechte Eck zog, konnte man als Torhüter schon ziemlich alt aussehen." Jörg Hermann, Torhüter des Handball-Zweitligisten Blau-Weiß Spandau, zuvor ein Jahrzehnt im Gehäuse des oftmaligen DDR-Meisters SC Dynamo Berlin, hat guten Grund, sich an den Weitwurfspezialisten Rüdiger Borchardt zu erinnern. Der Rostocker kommt am Sonnabend (19 Uhr/Falkenseer Damm) mit dem HC Empor Rostock zum Punktspiel nach Berlin.Frank-Michael Wahl und Rüdiger Borchardt galten in den 80er Jahren als das beste Rückraum-Duo der ostdeutschen Oberliga. Mitunter entschied der 1,98 Meter große Borchardt auch Spiele ganz allein. So wie im Sommer 1989 die Europacup-Begegnung beim TK Santander, als er 15mal traf. "Die Spanier waren ganz begeistert von mir, wollten mich vom Fleck weg kaufen", erinnerte sich der Rostocker, der 153 Länderspiele bestritt. Daß es dann einen offiziellen Antrag an den Handball-Bund der DDR gab, erfuhr Borchardt erst über drei Ecken. "In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung soll gestanden haben, daß Santander zwei Millionen Mark Ablöse für mich bot." Der "Fall Borchardt" wäre ein Exempel gewesen: Ein Sportler als Exportartikel - trotz knapper Devisenkassen hatte es das nie gegeben. "Das Angebot hat mich sportlich zwar sehr gereizt, doch so richtig Hoffnung hatte ich mir nicht gemacht, daß es damit klappen könnte", sieht der Rostocker die Sache heute nüchtern.Über die gerade geöffnete grüne Grenze in Ungarn wollte er nicht gehen. "Die Heimat ohne Rückfahrkarte zu verlassen, kam für mich nicht in Frage, zumal ich damals bereits einen kleinen Sohn hatte. Und wer konnte schon ahnen, wie rasch sich das alles entwickeln würde." Der Fall der Mauer im November 1989 aber kam für den Handballer von der Ostseeküste zu spät. "Santander hatte inzwischen den Isländer Kristjan Arason - heute Trainer in Wallau-Massenheim - verpflichtet."Als dann Frank-Michael Wahl und viele andere gen Westen zogen, blieb Borchardt zurück. Ein Westunternehmer, Stahlhändler Arndt Wolters aus Verden, hatte versprochen, den Handball in der Hansestadt zu retten. Erst als Borchardt erkannte, daß auch Wolters "nur einer dieser Geschäftemacher war, die den Sport als Türöffner zum Osten mißbrauchten", verließ er Rostock.Die zweite Pleite folgte - eine im wahrsten Sinne des Wortes. Borchardt nahm den sportlichen Abstieg in die zweite Liga zu Grün-Weiß Minden in Kauf, weil das Angebot eine gesicherte berufliche Zukunft versprach. Ein Sportartikel-Importeur hatte ihm eine Kaufmannslehre und anschließend die Generalvertretung Nordost zugesichert. "Wieder aufs falsche Pferd gesetzt, die Firma ging in den Konkurs", hakt der Handballer die unerfreuliche Vergangenheit ab. Danach habe er nur noch nach Rostock zurückgewollt. Da der HC Empor aber kein Geld hatte, ihn zurückzukaufen, habe er noch ein Jahr beim VfL Bad Schwartau spielen müssen, bevor es soweit war. Alle folgenden Bundesligaangebote, unter anderem vom VfL Gummersbach, lehnte Rüdiger Borchardt konsequent ab: "Mich bekommt aus Rostock keiner mehr weg." Seit diesem Sommer habe sich das Thema nun endgültig erledigt. "Wir haben endlich unser Häuschen am Stadtrand bezogen."Daß er sich damit auch die Fortsetzung seiner internationalen Karriere verbaute, kratzt den 32jährigen überhaupt nicht. "Ich hatte sowieso genug von der ewigen Herumreiserei und den vielen Trainingslagern zu DDR-Zeiten." Was aber nicht heißt, daß sich Borchardt vollends vom sportlichen Ehrgeiz verabschiedet hat. "Ich will noch einmal in die erste Bundesliga", steckt der Rostocker das Saisonziel ab. Und die Chancen dafür stehen so schlecht nicht. "Wir starteten mit 8:2 Punkte, obwohl wir schon gegen fast alle Großen der Staffel gespielt haben und in Wuppertal nur unglücklich unterlagen", zeigt sich Borchardt zufrieden. Mit den Nationalspielern Stanislaw Kulintschenkow (Rußland) und Valdas Vilaniskis (Litauen) sowie dem polnischen Torhüter Pjotr Bar vom VfL Bad Schwartau habe man sich zudem exzellent verstärkt.Die Hauptlast des Torewerfens aber liegt nach wie vor bei Rüdiger Borchardt. "Für sieben, acht Treffer ist er immer gut", hebt Trainer Helmut Wilk die Qualitäten seines Oldies auch vor dem Sonnabend-Spiel in Berlin hervor. Wilks Warnung an Torwart Jörg Hermann, den er aus gemeinsamen Zeiten in der DDR-Nationalmannschaft kennt: "Mein Kanonier hat im Training wieder gut nachgeladen." Der Spandauer weiß, daß das nicht nur ein Scherz ist. +++