BRÜSSEL, 21. Oktober. Westeuropa tut sich nach wie vor schwer, mit Staaten der ehemaligen Sowjetunion auf dem Rüstungssektor zusammenzuarbeiten. Der Vorstoß des Bonner Verteidigungsministers Volker Rühe, Airbus solle gemeinsam mit dem ukrainisch-russischen Unternehmen Antonow ein militärisches Transportflugzeug bauen, stößt vor allem in Großbritannien auf wenig Gegenliebe.Damit droht dem bislang größten Ost-West-Projekt auf dem Gebiet der Rüstung ein sehr frühzeitiges Ende. Rühe hatte am Rand einer Nato-Konferenz in Maastricht vor drei Wochen erklärt, das europäische Airbus-Konsortium, das mit dem "FLA" (Future Large Aircraft) eine Eigenentwicklung plant, solle besser mit Antonow über eine gemeinsame Weiterentwicklung des bereits in der Flugerprobung befindlichen Kiewer Typs "AN-70" reden. Bei erfolgreicher Zusammenarbeit, ließ er durchblicken, sei auch Bonn bereit, 70 bis 80 Maschinen des Typs für die Bundeswehr anzuschaffen ­ der Anstoß für ein Milliardengeschäft.Peinlicher ZwischenfallInsgesamt werden in Nato-Europa rund 300 Flugzeuge dieser Art gebraucht, Rußland und die Ukraine haben ihren Bedarf sogar mit 500 angegeben. Die Notwendigkeit der Beschaffung wird von niemandem abgestritten. Zunehmende internationale Einsätze im Rahmen von UN und Nato machen neue Transportkapazitäten notwendig, zumal die "Transall"-Transporter der Bundesluftwaffe langsam veralten und ohnehin zu klein sind. Ein peinlicher Zwischenfall 1991 hat den Mangel verdeutlicht. Damals paßte eine Raketenabwehrbatterie ­ als deutsche Unterstützung des von Saddams Giftgas- Raketen bedrohten Israel gedacht ­ in kein Flugzeug. Erst Moskau half aus der Patsche und lieh einen Antonow-Jet älterer Bauart aus.Über die renommierte Fachzeitschrift "Flight International" erhielt die Bundesregierung jetzt jedoch einen ersten ablehnenden Bescheid aus London. Die britische Luftwaffe, die ebenfalls neue Transportkapazitäten braucht, sei "skeptisch", berichtet das Blatt. Das britische Verteidigungsministerium hielte die Risiken der Kooperation für viel zu groß und sage strikt "Nein". Auch Airbus halte die Ausführung des Rühe-Plans für "sehr schwierig bis unmöglich", wolle ungeachtet dessen aber vorsichtige Gesprächsfäden mit Antonow in Kiew aufnehmen.Bei einem britischen Veto indes ist das Ost-West-Vorhaben aussichtslos. Auch das Ja der anderen westeuropäischen Airbus-Partner Italien und Frankreich steht in Frage. Dabei wäre die "AN-70", nach Rühes Vorstellungen nachgerüstet mit westeuropäischer Ingenieursauslegung und Triebwerken, durchaus nach dem Geschmack der Nato-Militärs. Die viermotorige Turboprop-Maschine, über 700 Kilometer schnell und mit prognostizierten 90 Millionen Mark Stückpreis kaum teurer als kleinere westliche Muster, kann auch auf unvorbereiteten Sand- und Lehmpisten starten und landen.Politische AmbitionenIn Bonn wird vor allem bedauert, daß mit einem vorzeitigen Scheitern der ersten großangelegten West-Ost-Kooperation in der Rüstungsplanung auch politisch einiges verlorengehen könnte. Rühe will Kiew über die "AN-70"-Kooperation stärker an Nato und EU binden und in die gegenseitige Geschäftstätigkeit einbeziehen. Überdies hat Antonow vorgemacht, wie es Eigenentwicklungen durchaus privatwirtschaftlich finanzieren kann ­ die Kiewer Ingenieure gründeten einfach eine Firma für Frachtcharter und steckten die Erlöse in die "AN-70"-Planung. "90 Prozent des Geldes, was wir für die Entwicklung brauchen, sind selbst verdient", sagen Antonow-Mitarbeiter nicht ohne Stolz.Der Zank um Europas künftiges Transportflugzeug wird möglicherweise auch die Alternative, das Airbus-Programm "FLA", gefährden. Denn die beteiligten Staaten sind sich über die Kosten des Programms völlig uneins. Bonn will keine "Apothekenpreise" für das Airbus-Produkt bezahlen. Denkbar ist, daß letztlich erfahrene amerikanische Hersteller die lachenden Dritten sind. Boeing/McDonnell-Douglas ist dabei, ihre große vierstrahlige "C-17" auf dem europäischen Markt anzubieten.