SIBIU - Die schmucke Altstadt mit ihren barocken Gebäuden ist eine Perle der siebenbürgischen Baukunst. Straßencafés verbreiten einen Hauch mediterranen Charmes. Die wenigen Gäste versuchen, noch etwas Sonne zu tanken. Altweibersommer in Sibiu, am Fuß der rumänischen Karpaten. Vor dem Brukenthal-Palais auf dem weitläufigen Hauptplatz, dem Großen Ring, zücken chinesische Touristen ihre Handy-Kameras. Hier residierte einst Samuel von Brukenthal, von der österreichischen Kaiserin Maria Theresa 1777 zum Gouverneur Siebenbürgens ernannt. Gegenüber dem prächtigen Palast liegt ein weiteres Barockgebäude, das Rathaus, der Amtssitz von Klaus Johannis.

Im geräumigen Büro des Bürgermeisters hängt nur ein einziges großes Bild, gemalt 1828 in düsteren Farben. Es ist ein Porträt von Hermannstadt mit seiner Wehrmauer, seinen Türmen und Kirchen. Hermannstadt, so hieß Sibiu zu Zeiten der Habsburger Monarchie, und so wird die Stadt noch heute von den wenigen verbliebenen Nachfahren der vor über 800 Jahren aus dem Rhein-Mosel-Gebiet eingewanderten deutschen Siedler genannt. Johannis, 55 Jahre alt und fast zwei Meter groß, kurzes blondes Haar, blaue Augen, ist einer von ihnen.

In seiner Heimatstadt ist der Bürgermeister von Sibiu außerordentlich populär. Gegner hat er hier kaum, im fernen Bukarest dagegen umso mehr. Alles Erdenkliche haben sie ihm schon angedichtet: Er sei in den Organhandel verstrickt, ein Immobilienbetrüger, ein Agent des Bundesnachrichtendienstes, ein Trojanisches Pferd von Angela Merkel. Natürlich werfen sie ihm nicht vor, dass er ein Deutscher ist – sie spielen nur darauf an. Denn Johannis will im November Präsident Rumäniens werden.

Seine Chancen stehen nicht schlecht. Im ersten Wahlgang am 2. November wird wohl kein Kandidat die absolute Mehrheit erreichen. Bei der Stichwahl Mitte November werden alle Voraussicht nach der heutige Premierminister Victor Ponta, ein Sozialdemokrat, und Klaus Johannis, Chef der konservativen Nationalliberalen Partei, gegeneinander antreten. Sind die Rumänen reif für einen deutschen Präsidenten?

Ein Deutscher? Einen deutschen Pass hat Johannis nie besessen. Er ist rumänischer Staatsbürger, aber gehört der deutschsprachigen Minderheit an. Die Rumäniendeutschen, ob Banater Schwaben oder Siebenbürger Sachsen, bezeichnen sich ganz selbstverständlich als Deutsche. Ihre politische Vertretung ist denn auch das Demokratische Forum der Deutschen in Rumänien. Aber staatsrechtlich sind sie genauso Rumänen wie die Ungarn aus dem siebenbürgischen Szeklerland, wie die Roma oder die Rumänen aus der Moldau und der Walachei, sie haben dasselbe Recht wie jene, für die Präsidentschaft zu kandidieren.

Johannis ist Deutscher, und wie fast alle Siebenbürger Sachsen gehört er der Evangelischen Kirche A. B. (Augsburger Bekenntnis) an. Das könnte ihn Stimmen kosten. „Ein Gegenkandidat von mir hat meine Religionszugehörigkeit ins Gespräch gebracht“, sagt er gelassen. Er spricht mit einer warmen Baritonstimme und dem rollenden R der Deutschrumänen. Er wirkt bescheiden, zurückhaltend, seine Antworten wägt er vorsichtig ab. Johannis redet nicht von irgendeinem seiner Dutzend Gegenkandidaten im ersten Wahlgang, sondern von Victor Ponta. Der Premier hatte im Fernsehen erklärt: „Ich werde nie sagen: Wählt den Klaus Johannis nicht, weil er ein Deutscher ist. Aber ich akzeptiere nicht, dass man zu mir sagt: Oh Gott, du kannst nicht Präsident sein, weil du orthodox bist. Soll ich mich dafür schämen?“ Als ob jemand Ponta den Vorwurf gemacht hätte, Rumäne und – wie fast 90 Prozent der Rumänen – orthodox zu sein. Die versteckte Botschaft war klar: Ich bin Rumäne, er ist Deutscher. Wählt mich, den Rumänen!

Privat ein Antikommunist

Johannis ist ein politischer Quereinsteiger. Aufgewachsen in „kleinbürgerlichem Milieu“, wie er sagt, Vater Techniker, Mutter Krankenschwester. Unter der Diktatur Ceausescus hat er als Physiklehrer gearbeitet, Mitglied der Kommunistischen Partei war er nie. Dissident auch nicht. Oppositionelle Tätigkeit wurde in Rumänien viel härter verfolgt als in allen anderen Staaten des ehemaligen Ostblocks. „Ich war immer ein privater Antikommunist“, sagt Johannis. Unter den 75 000 Deutschen, die Stalin nach dem Einmarsch der Roten Armee in Rumänien im Frühjahr 1945 in die Sowjetunion deportieren ließ, waren auch drei seiner vier Großeltern. Und während in den Siebziger- und Achtzigerjahren vermutlich 236 000 Rumäniendeutsche von der Bonner Regierung „freigekauft“ wurden, wie es hieß, und das Land verlassen konnten, blieb Johannis in Rumänien. Einen Ausreiseantrag stellte er nie. Den Aufstand gegen die Diktatur Ende 1989 erlebte er in Sibiu, wo 98 Personen erschossen wurden. Nur in Bukarest und Temesvar gab es mehr Tote. „Da wurde tagelang wild herumgeballert“, erinnert sich Johannis, der damals 30 Jahre alt war und selbst auf die Straße ging: „Man wusste nicht, wer auf wen schoss. Man konnte sich in der Stadt kaum mehr bewegen. Die meisten Toten waren Zufallsopfer, Leute, die in einen Schusswechsel gerieten, von Querschlägern getroffen wurden oder einfach aus dem Fenster schauten.“

Auch in den Jahren nach der Revolution, als weitere hunderttausend Rumäniendeutsche das Land verließen, unter ihnen seine Eltern und seine Schwester, die nun im Raum Würzburg leben, blieb er in der Stadt. „Heute sind alle meine Familienangehörigen auf dem Friedhof oder in Deutschland“, sagt Johannis und schaut in die Ferne.

Erst vor anderthalb Jahren trat er der Nationalliberalen Partei bei und wurde gleich ihr Vizepräsident. Im Februar schlug ihn seine Partei, die mit Pontas Sozialdemokraten eine Koalition eingegangen war, als Vizepremier vor. Doch Premier Ponta lehnte ab. Die Koalition zerbrach. „Wir haben keinen Kontakt mehr“, stellt Johannis klar, „wir sind im Ärger auseinandergegangen.“ Im Juli wurde Johannis Parteichef, im August Präsidentschaftskandidat. Nun tritt er gegen den Mann an, dessen Stellvertreter er noch im Frühling werden wollte.

Die Karriere hat Johannis seiner erfolgreichen Lokalpolitik als Bürgermeister zu verdanken. Bürgermeister aber wurde er vor allem, weil er ein Deutscher ist. Zwar leben nur noch etwa 2 000 Deutsche in Sibiu. Bis in die späten Dreißigerjahre des 20. Jahrhunderts waren die Deutschen in der Stadt die stärkste Volksgruppe, heute machen sie gerade noch ein bisschen mehr als ein Prozent der 160 000 Einwohner aus. Aber die Deutschen genießen hier einen guten Ruf. Sie gelten als fleißig, pflichtbewusst, zuverlässig, diszipliniert. Es sind Attribute, die in Deutschland mitunter als preußische Sekundärtugenden verspottet werden. Nicht so in Rumänien, wo die Bürger über Korruption, Vetternwirtschaft, Schlendrian im öffentlichen Dienst stöhnen.

So kam es, dass bei den Wahlen zum Stadtrat im Jahr 2000 das politisch völlig bedeutungslose Demokratische Forum der Deutschen in Rumänien mehr Mandate holte, als es Kandidaten aufgestellt hatte, und dass der Vorsitzende Johannis in der Stichwahl mit 70 Prozent der Stimmen zum Bürgermeister gewählt wurde. Bei den Wahlen 2004 erreichte er sogar 89 Prozent. Zweimal wurde er dann wiedergewählt, und im Stadtrat nimmt das Demokratische Forum der Deutschen 15 von 23 Sitzen ein: Johannis regiert mit einer kommoden Mehrheit.

„Die Art und Weise, wie ich die Stadt verwalte, gefällt den Leuten eben“, sagt der Bürgermeister ohne erkennbare Selbstgefälligkeit auf die Frage, warum die Rumänen von Sibiu den Deutschen immer wiederwählen. In der Tat kehrte mit Johannis ein neuer Stil ins Rathaus ein, das hört man oft auf den Straßen. Es wurde eine Bürgerberatungsstelle eingerichtet. An den Türen der Büros klebten eine Zeit lang Zettel: „Wir sagen bitteschön, und wir sagen danke sehr.“

Ein neuer Wind wehte. Die Bürokratie wurde zum öffentlichen Dienst am Bürger. Vor allem sahen die Menschen, wie sich ihre Stadt veränderte. Die Altstadt, die dem Verfall preisgegeben schien, wurde zügig saniert, historische Bauten und barocke Fassaden restauriert. Eine Verdreifachung der städtischen Putzmannschaft sorgte dafür, dass sich das heruntergekommenen Städtchen zur Touristenattraktion mauserte. Auch eine moderne effiziente Verwaltung, die Genehmigungsverfahren vereinfachte, war wohl Voraussetzung für den größten Erfolg des Bürgermeisters. „Es gibt hier keine Arbeitslosigkeit mehr“, sagt Johannis mit kaum verhohlenem Stolz, „ich habe sie abgeschafft. Wir haben nicht Tausende, sondern Zigtausende Arbeitsplätze bekommen.“ Zugegeben, eine Restarbeitslosigkeit von etwa zwei Prozent gebe es noch. In ganz Rumänien sind es offiziell sieben Prozent, de facto allerdings weit mehr.

Vorwiegend deutsche und österreichische Firmen haben sich in jüngster Zeit angesiedelt: Siemens, ThyssenKrupp und Wienerberger, der weltweit größte Ziegelhersteller. Natürlich lockten die niedrigen Löhne, andererseits herrscht Fachkräftemangel. Etwa hundert deutsche Manager haben sich dauerhaft in der Stadt niedergelassen, die ein deutsches Gymnasium, ein deutsches Kulturzentrum, eine deutsche Lokalzeitung und drei deutsche Verlage hat.

Wird Johannis den Erfolg als Lokalpolitiker auf nationaler Ebene wiederholen können? Sein Präsidentschafts-Wahlprogramm trägt den Titel „Ein Rumänien der gut gemachten Dinge“. Dreimal hat die rumänische Integritätsbehörde ANI gegen ihn wegen möglicher Interessenkonflikte ermittelt. Vor Gericht hat der Bürgermeister bisher immer gewonnen. Er ist korrekt und offenbar integer. In Sibiu hört man kaum kritische Stimmen. Allenfalls wird naserümpfend notiert, dass er einen ausgeprägten Machtinstinkt habe, oder man rechnet ihm gewissermaßen als Verrat an, dass er einer der großen Parteien beigetreten ist. Ob ihm die Zugehörigkeit zur evangelischen, deutschen Minderheit letztlich schadet oder nützt, ist strittig. Nachteilig könnte sich erweisen, dass er hölzern, steif und spröde wirkt, dass die meisten Rumänen inzwischen zwar seinen Namen kennen, aber nicht viel über ihn als Person wissen.

Dem will Johannis nun abhelfen. Gerade noch rechtzeitig zu den Wahlen hat er jetzt seine Autobiografie „Pas cu pas“ („Schritt für Schritt“) auf den Markt geworfen. Darin erfahren die Rumänen, dass der Deutsche als Junge auf dem Feld arbeitete und Heu einzubringen half, als Student mit Kommilitonen zu sechst oder siebt in einem winzigen Zimmer wohnte, um vier Uhr morgens aufstand, um für zwei Flaschen Milch anzustehen. Er hatte also die gleichen Probleme und Sorgen wie die meisten Rumänen. Auch berichtet Johannis seinen potenziellen Wählern, dass er seine Frau Carmen, eine Rumänin, während des Studiums kennenlernte. Sie sind seit 25 Jahren verheiratet.

Der Siebenbürger holt auf

Noch liegt Ponta in den Umfragen vorn. Aber der Siebenbürger Sachse holt auf. Nach einem Bestechungsskandal, der Anfang Oktober publik wurde, könnte sich der Abstand noch verringern. Die Antikorruptionsbehörde bezichtigt zwei IT-Konzerne, Microsoft und Fujitsu-Siemens Computers (ein japanisch-deutsches Joint Venture), rumänische Firmen, Politiker und Beamte mit 40 bis 60 Millionen Dollar geschmiert zu haben. Ermittelt wird nun gegen den früheren sozialdemokratischen Ministerpräsidenten, Adrian Nastase, sowie neun ehemalige Minister und Staatssekretäre.

Nastase, schon früher wegen illegaler Parteienfinanzierung rechtskräftig zu zwei Jahren Haft verurteilt, ist der politische Ziehvater Pontas und hat das Vorwort zu dessen Dissertation verfasst, bei der nachweislich 115 von 307 Seiten plagiiert sind – 30 Seiten sogar en bloc. „Bei uns ist leider nicht üblich, dass ein Politiker aus solchem Grund zurücktritt“, kommentiert Johannis.

Auf jeden Fall dürfte der neueste Skandal dem über jeden Korruptionsverdacht erhabenen Bürgermeister von Sibiu Stimmen bringen. In der vergangenen Woche erhielt er nun noch Schützenhilfe von ganz oben. Staatspräsident Traian Basescu bezichtigte Ponta, von 1998 bis 2001 Offizier des Auslandsgeheimdienstes gewesen zu sein. Damals war der heutige Premier Generalstaatsanwalt, was mit geheimdienstlicher Tätigkeit laut Verfassung inkompatibel ist.

Sollte Johannis in der Stichwahl tatsächlich siegen, wäre er übrigens nicht das erste deutsche Staatsoberhaupt Rumäniens. Der letzte hieß Karl Eitel Friedrich Zephyrinus Ludwig von Hohenzollern-Sigmaringen und regierte seit 1881 – als König.