Sie haben eine amtlich bestätigte Meldeadresse, wohnen aber in Wahrheit ganz woanders. Rund 200 000 Menschen sind in Berlin zum Schein angemeldet. Davon geht der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) aus. Statistiken werden zwar nicht geführt, doch Scheinanmeldungen fallen immer dann auf, wenn amtliche Post nicht zugestellt werden kann. Nach Angaben von Michael Böhl, Chef des BDK-Landesverbandes Berlin, kamen 2009 bei der Versendung der Steuer-ID in Berlin mehr als 200000 Bescheide mit dem Vermerk "unbekannt verzogen" zurück.Seit 2006 brauchen Bürger bei der An- oder Ummeldung ihres Wohnsitzes keine Bescheinigung ihres Vermieters mehr vorlegen. Ein Beweis für die Richtigkeit der Wohnanschrift muss nicht erbracht werden. Die 2002 von der damaligen rot-grünen Bundesregierung beschlossene Gesetzesreform sollte Bürokratie abbauen. Doch nach Meinung von Falko Liecke (CDU), Stadtrat für Bürgerdienste in Neukölln, hat sie das Gegenteil bewirkt. "In Neukölln hatten wir allein in diesem Jahr bis jetzt über 10000 Fälle, in denen die Richtigkeit der An- oder Ummeldung mit großem Aufwand geklärt werden musste." In rund 7700 Fällen habe die Meldebehörde niemanden ermitteln können und die Bürger von Amts wegen abgemeldet. Ob die Menschen noch im Bezirk wohnen, weggezogen sind oder bei gar keinem deutschen Meldeamt mehr bekannt sind, lässt sich nicht ohne weiteres feststellen. Es gibt kein zentrales Melderegister auf Bundesebene.Stephan von Dassel (Grüne), Lieckes Amtskollege aus Mitte, rechnet für seinen Bezirk für dieses Jahr mit 10000 Abmeldungen von Amts wegen. Seit der Liberalisierung des Melderechts habe sich die Zahl vervierfacht, sagt von Dassel. Manch einer vergisst vielleicht, sich nach seinem Wegzug umzumelden. Doch der Stadtrat geht davon aus, dass 80 Prozent der Falschanmeldungen wissentlich geschehen. Eltern, die ihre Kinder auf eine bessere Schule im Nachbarbezirk schicken wollen, gehören noch zu den harmloseren Fällen.Problematisch wird es, wo das "laxe Meldegesetz den Betrug begünstigt", sagt Liecke. Mit den amtlich besiegelten Scheinadressen könnten Kriminelle zum Beispiel Konten eröffnen. Ohne Angst entdeckt zu werden, würden Betrüger dann mit ihren ungedeckten Kreditkarten bezahlen. Zu den Geschädigten sollen vor allem große Elektronikfachmärkte zählen. "Wir haben bei Betrugstaten verstärkt Scheinanschriften festgestellt", sagt BDK-Mann Böhl, der beim Landeskriminalamt arbeitet. Um an ihre Post zu kommen, in der sich zum Beispiel die Kreditkarten befinden, hängen die Täter laut Böhl schon mal eigene Briefkästen in fremden Treppenhäusern auf.Wenn Kriminelle bei Scheinanmeldungen willkürliche Adressen angeben, führt das bei den ahnungslosen Mietern mitunter zu unangenehmen Überraschungen. "Es kommt vor, dass nachts ein Spezialeinsatzkommando der Polizei mit einem Durchsuchungsbeschluss in einer fremden Wohnung steht", sagt Böhl. Wenn sich unbescholtene Rentner über häufige Gerichtsvorladungen beschweren, dann weist das auf einen weiteren Grund für Scheinanmeldungen hin: Immer wieder würden Straftäter mit Hilfe falscher Adressen untertauchen und sich der Strafverfolgung entziehen.Die Bürgerämter versuchen des Problems Herr zu werden, indem sie bei Meldesachen wieder um die Vorlage des Mietvertrags bitten- ohne allerdings einen Anspruch darauf zu haben. Wen sie mit falscher Adresse erwischen, den können sie nur mit einigen Euro Bußgeld maßregeln. Die Falschangabe ist eine Ordnungswidrigkeit, keine Straftat.Liecke und von Dassel reicht das nicht. Sie fordern von der Bundesregierung, das Melderecht zu verschärfen und die Unterschrift des Wohnungsgebers wieder zur Bedingung für die Meldebescheinigung zu machen. Im Innenausschuss des Abgeordnetenhauses gibt es aber auch Zweifel. Während Ausschussvorsitzender Peter Trapp (CDU) die Forderung der Stadträte unterstützt, hält der innenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Thomas Kleineidam, die Zahl von 200000 Scheinanmeldungen für "nicht belastbar". Nicht in allen Fällen dürfe von bewusster Irreführung ausgegangen werden. Ähnlich wie die Grünen-Fraktion geht die SPD davon aus, dass ein strengeres Meldegesetz Scheinanmeldungen auch in Zukunft nicht verhindern könne.Im Koalitionsvertrag der Bundesregierung ist eine Verschärfung des Melderechts im Zuge der Einführung eines Bundesmeldegesetzes bereits vorgesehen. Doch wann sie umgesetzt wird, ist unklar. Aus dem Innenministerium hieß es, das Gesetz komme "in dieser Wahlperiode".------------------------------Ungebetene UntermieterWer regelmäßig fremde Post in seinem Briefkasten findet, hat ein typisches Indiz für mögliche Scheinanmeldungen an seinem Wohnsitz.Betroffene sollten sich an das zuständige Meldeamt wenden. Dort kann geklärt werden, ob sich Unbekannte per Scheinanmeldung virtuell eingenistet haben. Sind auch dem Vermieter deren Namen nicht bekannt, meldet das Bezirksamt sie von Amts wegen ab.------------------------------Foto: Michael Böhl, Vorsitzender des BDKFoto: Nicht jeder Briefkasten gehört einem echten Mieter. Manchmal hängen Betrüger ihren eigenen Kasten in fremde Treppenhäuser.