Diebe haben sehr wohl einen Sinn für Kunst - für Gemälde, Schmuck und Plastiken. Nach Angaben des Art Loss Registers, der weltweit größten Datenbank für gestohlene Kunstwerke, sind es immer häufiger organisierte Banden, die bei Einbrüchen in Einfamilienhäusern und Villen neben Geld und Stereoanlagen auch Kunstwerke mitnehmen. Polizisten registrieren, dass Kunst zunehmend von Banden gestohlen und verschoben wird, die so gut organisiert sind wie Rauschgifthändler oder Schleuser. Rund 2 000 Kunstdiebstähle registrierte das Bundeskriminalamt (BKA) 2003 in Deutschland. Das ist doppelt so viel wie 1999. Für 2004 werden ähnlich hohe Zahlen erwartet. Wegen der hohen Prämien sind nur die wenigsten Werke versichert.Allerdings werden die Werke meist nicht aus Liebe zur Kunst gestohlen, sondern schlicht, um sie zu Geld zu machen. Deshalb wird mittlerweile sogar auf Friedhöfen das geklaut, was sich verkaufen lässt. In den vergangenen Monaten verschwanden auf historischen Gräbern in Berlin mehrere Plastiken. Vor kurzem nahm die Polizei einen Drogensüchtigen aus Tempelhof fest, der vom Alten St. Matthäus Kirchhof in Schöneberg historische Leuchter gestohlen haben soll. Die Beamten prüfen, ob der Mann auch eine 50 Zentimeter große Marmorbüste des Komponisten Carl Friedrich Fasch im Wert von rund 15 000 Euro vom Friedhof Jerusalem und Neue Kirche I am Mehringdamm in Kreuzberg gestohlen hat. "Dass jetzt sogar auf Friedhöfen geklaut wird, empfinde ich als besonders niederträchtig", sagt Andreas Grabinski, im Berliner Landeskriminalamt zuständig für die Aufklärung von Kunstdelikten.Den smarten Kunstdieb gibt es fast nur im FilmSo wie der Friedhofsdieb sind die Täter meist keine Kunstspezialisten, sondern gewöhnliche Ganoven, sagt Grabinski. "Sie glauben, etwas Wertvolles zu klauen, haben aber oft keine Ahnung vom Wert ihrer Beute." Den smarten Kunstdieb, der im schwarzen Overall über Museumsdächer schleicht und Lichtschranken überlistet, gibt es wohl nur im Film. Laut Grabinski geschehen die Taten meist auch nicht im Auftrag von Kunstliebhabern, die sich einen Van Gogh übers Bett hängen wollen.Jährlich 250 Kunstdelikte haben Grabinskis Leute in Berlin zu bearbeiten. Einige werden vielleicht nie aufgeklärt. Noch immer verschwunden sind etwa das Francis-Bacon-Porträt von Lucian Freud, das 1998 aus der Nationalgalerie gestohlen wurde. Elf Jahre zuvor verschwand "Der arme Poet" von Carl Spitzweg aus dem Schloss Charlottenburg. Vielleicht verrotten die Bilder irgendwo in einem Keller, vermuten die Fahnder. Vielleicht verzweifeln die Täter auch, weil sie die Werke nicht verkaufen können. Die Gemälde sind zu bekannt. Jeder seriöse Händler würde die Polizei anrufen, wenn ihm die Bilder angeboten würden. "Das erschwert die Chancen, ein Meisterwerk zu verkaufen", sagt ein Berliner Kunstauktionator. "Auktionshäuser gleichen ihre Kataloge vorher mit dem Art Loss Register ab."Dennoch gibt es einen grauen Markt für gestohlene Kunst - zumindest für Werke von Künstlern, die weniger bekannt sind. Meist werden diese bei Einbrüchen in Privathaushalten entwendet, wie etwa im vergangenen Oktober in Zehlendorf: Neun Bilder im Wiederbeschaffungswert von rund einer Million Euro schleppten die Täter aus einer Villa, darunter Werke von Lesser Ury und Rachel Ruysch und eines, das mit Jan Breughel gezeichnet ist.------------------------------Foto: Das Gemälde "Der arme Poet" von Carl Spitzweg (1808 bis 1885) ist seit dem 3. September 1989 spurlos verschwunden. Zwei Männer im Alter zwischen 25 und 30 Jahren hatten das Meisterstück zusammen mit dem Gemälde "Der Liebesbrief" des romantischen Malers aus dem Schloss Charlottenburg gestohlen. Der Wert der Kunstwerke wird jeweils auf eine halbe Million Euro geschätzt. Einer der Kunstdiebe saß in einem Rollstuhl und ließ sich von seinem Komplizen durch die Ausstellung schieben. Plötzlich sprang der Rollstuhlfahrer auf. Die beiden Männer rissen die zwei Bilder von den Wänden, schubsten Wachleute beiseite und rannten weg. Die Diebe flüchteten in einem Auto. Die Gemälde waren nicht versichert.------------------------------DIEBSTÄHLE IN BERLINGestohlen wird alles, was sich zu Geld machen lässt - von Gemälden über Schmuck bis hin zu historischen Türklinken. Laut Polizei werden die Kunstdiebe immer dreister. Im November vergangenen Jahres hatten Kriminelle im Autoforum Unter den Linden während der Öffnungszeit einen wertvollen Diamantanhänger aus der Vitrine genommen. Einen Monat später verschwanden aus dem Borsighaus wertvolle Türklinken. Beides fiel erst Tage später auf. Die meisten Kunstwerke werden jedoch bei Einbrüchen in Wohnungen und Villen erbeutet.Foto: Die Marmorbüste entstand 1869. Sie ist 120 Kilogramm schwer. Ende Dezember 2004 wurde die Büste aus einer Grabwand des Friedhofs an der Großgörschenstraße in Schöneberg gestohlen.Foto: Das Blumen-Stillleben stammt vermutlich aus dem 16. Jahrhundert und ist mit "Jan Breughel" gekennzeichnet. Ob er der Maler war, ist allerdings nicht sicher. Diebe stahlen das Bild 2004 aus einer Zehlendorfer Villa.Foto: Schlafendes Mädchen heißt das Gemälde von Lovis Corinth. Es wurde 1997 aus dem Auktionshaus "Villa Grisebach" kurz vor der Versteigerung entwendet. Die Diebe nahmen das Bild aus einem Ausstellungsregal.Foto: Der Buddy-Bär wurde in der Nacht zum 22. November 2004 in der Stralauer Straße gestohlen. Das Unikat mit dem Titel Namibia wurde von der Künstlerin Gizz Farrel bemalt. Der Kunststoffbär ist 40 Kilogramm schwer.Foto: Dieser Wandteppich mit dem Titel "Grundformen der Kraft" verschwand am 21. Oktober vergangenen Jahres aus dem Maxim- Gorki-Theater in Mitte. Der gestickte Teppich ist mehrere tausend Euro wert.------------------------------DIEBSTÄHLE WELTWEITIn der Datei des Bundeskriminalamtes (BKA) sind derzeit etwa 140 000 Kunstgegenstände registriert, die weltweit gestohlen wurden. Darunter sind 33 000 Gemälde, Grafiken und Zeichnungen. In dem internationalen Art Loss Register sind 150 000 vermisste Werke erfasst, also 10 000 mehr, weil in dieser Datenbank auch Kunstwerke aufgeführt sind, die während des Zweiten Weltkriegs verschwanden. Immer wieder werden aus Museen wertvolle Stücke gestohlen. Der letzte spektakuläre Raub war in Oslo - das Bild "Der Schrei" wurde geklaut.Foto: Die "Madonna mit der Spindel" von Leonardo da Vinci wurde 2003 aus Drumlanrig Castle in Schottland gestohlen. In der Galerie bedrohten zwei Unbekannte eine Wärterin und nahmen die 48 x 37 Zentimeter große Holztafel (Wert: rund 65 Millionen Euro) von der Wand. Vor der Tür wartete das Fluchtauto der Täter.Foto: "Der Schrei" von Edvard Munch" wurde 2004 aus dem Munch-Museum in Oslo gestohlen. Bereits 1994 war eine an-dere Fassung des Bildes aus der Osloer Nationalgalerie geklaut worden. Die Diebe forderten Lösegeld und wurden geschnappt.Foto: "Die Reformierte Kirche in Nuenen" von Vincent van Gogh wurde 2002 bei einem Einbruch in das Van-Gogh-Museum in Amsterdam gestohlen. Die Täter nahmen auch das Van-Gogh-Bild "Stürmische See bei Scheveningen" mit. Die beiden Frühwerke des Künstlers waren nicht versichert.Foto: Die "Saliera" (Salzfass) des Goldschmieds Benvenuto Cellini aus dem Jahre 1540 wurde 2003 aus dem Kunsthistorischen Museum Wien gestohlen. Wegen eines Konzerts war zuvor die Alarmanlage deaktiviert worden. Sie hatte wegen ständiger Fehlalarme gestört.