Herr Bratseth, am Mittwoch empfängt Ihr Fußballklub Rosenborg Trondheim in der Champions League den FC Chelsea. Muss Chelsea vor dieser Dienstreise Angst haben?Angst haben die wahrscheinlich nicht, aber vielleicht ein bisschen Respekt. Nach unseren letzten Spielen haben sie vermutlich eine etwas andere Meinung über Rosenborg als nach dem ersten Spiel, unserem 1:1 auswärts in London. Wir waren da nicht besonders gut. Aber die zwei Spiele gegen den FC Valencia haben wir gewonnen - durch guten Fußball. Das Spiel in Valencia war meiner Meinung nach das beste Spiel von Rosenborg überhaupt.Was hat Sie da so fasziniert?Es ist nicht normal, dass eine norwegische Mannschaft eine starke spanische Mannschaft auswärts 2:0 schlägt. Es hätte auch höher ausfallen können. Wir haben sehr guten Kombinationsfußball gespielt. Die Zuschauer in Spanien haben uns applaudiert nach dem Spiel.In der Vorrundengruppe B steht Rosenborg nun nach vier von sechs Spieltagen auf Rang zwei, mit drei Punkten Vorsprung auf Schalke 04.Rosenborg ist jetzt eine ganz andere Mannschaft als im Heimspiel gegen Schalke. Das haben wir 0:2 verloren, das war schlecht von uns. Jetzt sind wir besser - obwohl wir keine Punktspiele mehr haben und wenig Praxis kriegen.Die Saison in der Tippeligaen, der norwegischen Liga, ist vorbei.Und nur zu trainieren, das ist überhaupt nicht gut.Das Problem kennen Sie. Das haben Sie in jedem Jahr wieder.Man hat auch immer gesehen, dass wir ein bisschen abfallen, wenn es in den November und Dezember geht. Das ist nun mal so.Gemein, oder?Ja, aber dafür haben wir einen Vorteil im August, in der Qualifikationsphase für die Champions League. Dann sind wir mitten in der Saison - und andere Mannschaften haben noch gar nicht angefangen. So gleicht sich alles aus.Nun haben Sie gute Chancen, das Achtelfinale zu erreichen. Hätten Sie das vor der Saison geglaubt?Ehrlich gesagt: nein. Aber wir haben einige sehr starke Spieler in unserer Mannschaft, und die blühen im Moment alle gleichzeitig auf. Wir können weiterkommen. Aber es wird schwer. Egal, gegen wen wir spielen - wir sind Außenseiter.Liegt Ihnen diese Rolle?Wer mag das nicht? Wenn die anderen uns unterschätzen, sind sie nicht so richtig konzentriert.Dabei war Rosenborg Trondheim von 1995 bis 2002 ununterbrochen in der Champions League dabei - diesen Rekord hat später erst Manchester United gebrochen.Das macht uns stolz: Dass wir das so oft geschafft haben, dass wir uns behauptet haben und dass eine kleine Stadt wie Trondheim bekannt ist durch Rosenborg.Nicht jeder kennt Ihren Verein so genau. Wissen Sie, wie Franz Beckenbauer ihn mal genannt hat?Äh, ja - aber wörtlich weiß ich es nicht mehr.Rosenheim Trondborg.Das ist lange her. Er hat gesagt, in der Champions League sollten nur die ganz großen Vereine mitspielen - und nicht mehr Mannschaften wie Rosenheim. Später hat er das zurückgezogen und deutlich gesagt, dass er von Rosenborg schwärmt.Also haben Sie ihn überzeugt?Sieht so aus. Und ich glaube, dass es wichtig ist für den Fußball ist, dass auch kleine Vereine sich ab und zu behaupten können.Sie behaupten sich ziemlich oft.Die letzten Jahre waren wir ja nicht besonders gut. Wir sind dieses Jahr nur Fünfter in der norwegischen Liga geworden. Nachdem Nils Arne Eggen, unser Trainer, 2002 aufgehört hat, haben wir fünf Trainer gehabt. Das ist ungefähr das Gleiche wie damals in Bremen: Als Otto Rehhagel da aufgehört hat, haben wir auch vier, fünf Mal gewechselt. Wir haben uns seitdem nicht so richtig gefunden. Aber im Moment sieht es ein bisschen besser aus.Hilft Ihnen jetzt die Routine, die Sie in der Champions League in all den Jahren gesammelt haben?Wir haben Erfahrung in wichtigen Spielen bekommen, das ist entscheidend. Es kommt bei uns keine Hektik mehr auf, wenn wir wichtige Spiele spielen. Das kennen wir. Wir sind ganz relaxed, wenn wir auswärts gegen Valencia spielen; das ist für uns überhaupt kein Problem. Wir versuchen einfach, unser Bestes zu geben. Mehr kann man von uns sowieso nicht erwarten.Hat Ihr Verein sich durch die Jahre in der Champions League verändert?Natürlich hat das viel Geld gebracht. Wir sind größer und professioneller geworden.Die Bundesliga jammert oft, sie habe im Vergleich zu den Konkurrenten aus England, Italien und Spanien zu wenig Geld. Sie müssten eigentlich noch lauter jammern, oder?Wir haben viel weniger Geld als die Klubs in Deutschland. Aber wir suchen nicht die Probleme. Wir suchen die Möglichkeiten.Sie sind nach wie vor ein kleiner Verein, der in der großen Fußballwelt gut mithält. Wie schaffen Sie das?Wir glauben daran, dass es möglich ist. Das ist das Wichtigste.Woher kommt dieser Glaube?Der kommt durch unseren früheren langjährigen Trainer, den Herrn Eggen. Der hat immer geglaubt, dass er gewinnen kann - durch Offensivfußball. Der wollte keinen Defensivfußball spielen, dann wollte er lieber verlieren. Anfang der 90er Jahre haben wir sehr viele Spiele im Europapokal hoch verloren, und immer wieder hat die Presse damals geschrieben: Eggen muss weg, er ist naiv, er spielt zu offensiv, er muss das lernen. Aber er hat gesagt: Kommt nicht in Frage. Ich spiele mein Spiel.Und dann?Plötzlich war irgendwann der Bann gebrochen. Wir kriegten Selbstvertrauen. Wir hatten ein sehr eingeübtes System, bis ins kleinste Detail. Da lagen wir weit vorne. Wir waren nicht nur in der Defensive sehr gut organisiert, sondern es war auch alles, was bei uns in der Offensive passiert ist, geplant. Das war ein großer Unterschied zu den anderen Mannschaften: Die haben in der Offensive von den individuellen Qualitäten der einzelnen Spieler gelebt, und nicht von der Zusammenarbeit. Wir waren eine Mannschaft.Das war Ihr Geheimnis?Ja. Unsere Spieler waren nicht so gut wie die der anderen, das hat man immer wieder gemerkt. Wir haben viele, viele Spieler ins Ausland verkauft, und sie haben sich dort meistens nicht behaupten können. Durch den Wechsel sind sie aus unserem System rausgenommen worden - aber wirklich gut waren sie nur in diesem System und in dieser Mannschaft.Hat es nicht trotzdem weh getan, immer wieder Spieler wie den Angreifer John Carew abgeben zu müssen?Wenn man ein, zwei Spieler pro Saison verkaufen kann, ist es gut - so lange es nicht zu viele werden. Wir wissen alle: Fußball in Norwegen zu spielen, ist ja nicht das Ziel. Norwegen ist ein Hinterhof, im Vergleich mit den großen Nationen.Hat Ihr Spielsystem alle Abgänge und Veränderungen überlebt?Es ist nicht mehr so gut einstudiert. Weil unsere Trainer so oft gewechselt haben. Aber wir suchen immer wieder den richtigen Mann, der mit uns dieses System spielt.Auch im Moment suchen Sie.Ja. Aber wir wollen unser System weiterspielen. Deswegen holen wir nicht einen großen Namen von außen. Denn dann kommt er und will hier seine Ideen durchsetzen - das kommt nicht in Frage. Rosenborg spielt 4-3-3, Rosenborg spielt Offensivfußball. Das ist entschieden.Zurzeit sitzt Trond Henriksen als Interimscoach bei Ihnen auf der Bank. Bis wann wollen Sie einen neuen Trainer gefunden haben?Wir hoffen, dass wir bis zum 1. Januar einen neuen Trainer haben. Wir haben einen Kandidaten: Trond Sollied, der ist zurzeit Trainer in Belgien, bei AA Gent. Er muss sich nur noch entscheiden.Interview: Andreas Lesch------------------------------Elf Mal in der Champions LeagueFoto: Der Berater: Rune Bratseth (46) gewann 1988 mit Werder Bremen die Deutsche Meisterschaft. Der Libero zählte zu den fairsten Bundesligaspielern. Nach seiner aktiven Karriere arbeitete Bratseth 13 Jahre als Manager von Rosenborg Trondheim. Seit diesem Sommer wirkt er als Berater des Klubs.Der Klub: Rosenborg ist der erfolgreichste Klub Norwegens, er war neun Mal Pokalsieger und 20 Mal Meister. In dieser Saison hat sich der Klub zum elften Mal für die Gruppenphase der Champions League qualifiziert, er sammelte sieben Punkte - so viele wie Schalke (vier) und Bremen (drei) zusammen.------------------------------Foto: Vorsicht, Favoritenschreck: Vidar Riseth (r.) und Yussouf Kone feiern Rosenborgs Heimsieg gegen Valencia.