Russen lieben das Leben und dazu gehört auch, sich etwas zu gönnen", sagt Ronald Sedlatzek. Der 45-Jährige ist Manager der Chopard-Boutique am Kurfürstendamm, die teure Uhren und edlen Schmuck verkauft. Opernsängerin Anna Netrebko hat 2006 das Geschäft eröffnet. Nicht von ungefähr. Ein Drittel der Kunden spricht russisch, sie sorgen für mehr als 50 Prozent des Umsatzes. Es sind jedoch nicht nur reiche Russen aus St. Petersburg oder Moskau, die ins Kaufhaus des Westens (KaDeWe) oder in die Edelshops am Kudamm kommen. "Bei uns kaufen auch viele russischstämmige Berliner", sagt Sedlatzek.Geschichten über das Leben zwischen Champagner und Kaviar, über Gewalt und Tod, Liebe und Verrat erzählt die Krimiserie im Milieu der Berliner Russen-Mafia "Im Angesicht des Verbrechens", die den Deutschen Fernsehpreis gewonnen hat und seit Freitag in der ARD läuft, nachdem sie im Mai auf Arte ausgestrahlt worden war. Viel Spannung, gute Unterhaltung - doch zeigt sie das wirkliche Leben der Russen in Berlin? Nein, das ist vielfältiger, sagt André Sikojev (49). Der Sohn einer deutschen Mutter und eines ossetischen Vaters wurde in Moskau geboren, wuchs in der DDR auf, flüchtete in den Westen, studierte Sprachwissenschaften, Slawistik und Orthodoxe Theologie. Mit der Firma Greenlight Media, die er mitgründete und deren Aufsichtsratsvorsitzender er lange war, hat er unter anderem die bekannten Dokumentarfilme "Deep Blue" und "Unsere Erde" produziert.Doch seine Berufung hat Sikojev auf einem anderen Gebiet gefunden: Seit 1991 ist er Geistlicher der Russischen Orthodoxen Kirche, seit 2005 Priester der ältesten christlich orthodoxen Gemeinde Berlins "Schutz der Gottesmutter" (russ.: Pokrov Bogorodizy), die seit zwei Jahren ihr Gotteshaus an der Wintersteinstraße 24 in Charlottenburg hat. Der leuchtend blau gestrichene Zweigeschosser war früher ein Kindergarten. Im Oktober 2009 bekam er drei traditionelle goldene Zwiebeltürmchen. Zu den Gottesdiensten der Anfang der 1920er-Jahre gegründeten Gemeinde kommen russischsprachige Berliner aus allen Teilen der Stadt, Menschen mit verschiedensten Berufen. Gut situierte Bürger aus dem Grunewald, Zehlendorf und Charlottenburg, Spätaussiedler aus Marzahn-Hellersdorf, Lichtenberg und Spandau, Kreative aus Kreuzberg, Mitte oder Prenzlauer Berg. Für jene, die mit dem Gesetz in Konflikt kamen, ist Vater André auch als Gefängnisseelsorger da: "Aber die Zahl der russischen Häftlinge ist immer mehr zurückgegangen."Fast 100000 Menschen mit russischem Migrationshintergrund leben offiziell in Berlin. Das klingt viel, doch waren es schon mehr: Nach der Oktoberrevolution 1917 verließen Hunderttausende Russen ihre Heimat. In den 1920er-Jahren lebten etwa 400000 Russen in Berlin. Beliebter Wohnort war und ist Charlottenburg, das deshalb den Spitznamen "Charlottengrad" bekamAuch heute prägen russische Einwanderer Berlin. Der Architekt Sergei Tchoban kam 1992 in die Bundesrepublik. Seit 1996 lebt er in Mitte. Der 48-Jährige, der mit der Firma nps tchoban voss drei Büros unterhält, ist inzwischen einer der bekanntesten Architekten in Deutschland. Tchoban entwarf unter anderem das DomAquarée in der Karl-Liebknecht-Straße und das Kino Cubix am Alexanderplatz, Projekte, die ihm, wie er sagt, "sehr wichtig waren". Nun hat er die gestalterische Leitung für die Bebauung des Wertheim-Areals am Leipziger Platz übertragen bekommen. In Moskau wird nach seinen Entwürfen der Federation Tower gebaut, Europas höchster Wolkenkratzer.Masha Ginsburg (51) siedelte 1990 mit ihrem Ehemann, einem Journalisten, und zwei Söhnen aus Moskau nach Berlin über. Sie wohnt in Prenzlauer Berg und hat eine Halbtagsstelle als Schwester in einem Krankenhaus. In der Christinenstraße in Mitte hat sie vor zwei Jahren ein Atelier eröffnet, sie entwirft fantasievolle Kleider und Accessoires aus Filz und Seide. Zwei Mal im Jahr fliegt sie nach New York, auch dort bieten Boutiquen ihre Sachen an: "Ich habe zwar kein Design studiert, aber schon immer genäht und gestrickt, fürs Theater gearbeitet ", sagt sie. Ihr ältester Sohn ist Rechtsanwalt geworden, der jüngere Schauspieler. "Außerdem studiert er Politikwissenschaften." Michael Ginsberg (26) hatte schon mit 14 Jahren seine ersten kleinen Rollen, später war er im "Tatort" und im Spielfilm "Neger, Neger, Schornsteinfeger" zu sehen. Nun spielt er in der Russen-Serie eine Rolle. Seiner Mutter gefällt sie nicht besonders, weil sie russisches Leben auf Verbrechen reduziere.------------------------------In der Diaspora95 932 Menschen mit russischem Migrationshintergrund leben in Berlin. Davon haben 14939 einen russischen Pass. 62828 haben als Spätaussiedler einen deutschen Pass. Der Rest sind mitreisende russische Familienangehörige und Menschen, die aufgrund ihres jüdischen Glaubens einreisen durften.Die Russisch Orthodoxe Kirche hat in Berlin mehrere Tausend Mitglieder. Das bekannteste Gotteshaus ist die Auferstehungskathedrale am Hohenzollerndamm in Wilmersdorf.Größter Investor ist der russische Gasproduzent Gazprom mit Sitz in Mitte. Eine generelle Übersicht gibt es nicht. In Charlottenburg-Wilmersdorf haben von 44504 Gewerbetreibenden 4885 Menschen die russische Staatsbürgerschaft.------------------------------Foto: Waren und oft auch Kunden aus Russland. Längst gibt es in Berlin, was es auch in Moskau gibt, so wie zum Beispiel in diesem Supermarkt in Charlottenburg.

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