Mit Hohn und Spott für die jeweils andere Volksgruppe haben Russen und Ukrainer nie gespart. Zu Zeiten der Sowjetunion galten die Ukrainer den Russen als bauernschlaues Völkchen im Westen, das die russische Sprache mit kehligen ch-Lauten verunglimpfte. "Chochly", so die Bezeichnung, unter der die Großrussen ihr vermeintlich unbedeutenderes Nachbarvolk zu einer Einheit zusammenfassten, war nicht gerade ein Kosewort. Die Ukrainer konterten "Kazapy", zu deutsch: Ziegenbärte. Richtig grün war man sich zu keiner Zeit. Daran hat sich nichts geändert. Auch nicht, als sich beide Völker voneinander trennten.Die Politiker beider Länder haben gleichwohl einiges gemein: Wahlen werden in der Ukraine wie in Russland mit patriotischem Geklingel gewonnen. Und weil dem derzeitigen ukrainischen Ministerpräsidenten und Kandidaten für das Präsidentenamt im anstehenden Wahlkampf noch die Stimmen der Nationalisten fehlen, ersann der ukrainische Medienrat dieser Tage eine wahrhaft patriotische Neuerung: Im ukrainischen Radio und Fernsehen darf künftig nur noch Ukrainisch gesprochen werden. Das Russische bleibt Lokalsendern im Osten des Landes vorbehalten, in denen die vornehmlich russische Bevölkerung die neue Landessprache nicht beherrscht. Boris Cholod vom Medienrat erklärte die "historische Entscheidung" damit, dass er die ukrainische Nation bewahren und ihre Kultur bereichern wolle. Doch der Hintergrund der staatlichen Anweisung dürfte ein anderer sein. Bereits seit 1990 gilt in der Ukraine ein Gesetz, das den Übergang zum Ukrainischen als Amtssprache vorschreibt, die Übergangszeit betrug zehn Jahre. Bislang muss das Projekt als gescheitert gelten; selbst der Präsident Leonid Kutschma ist des Ukrainischen nicht mächtig und muss Gerüchten zufolge Sprachunterricht nehmen, um bei Ansprachen nicht als Großrusse zu gelten. Das neue Gesetz soll dem "Übergang" zum Ukrainischen offenbar Nachdruck verleihen. Dabei beherrschen nahezu alle Ukrainer beherrschen Russisch als Mutter- oder Zweitsprache, und ein Fünftel der Bevölkerung sind Russen. Die Kenntnisse der mit dem Russischen eng verwandten Landessprache dagegen sind bei den meisten Ukrainer mangelhaft. Nationalistische Parlamentarier aber sind überzeugt: Patrioten lassen sich nicht in einer "fremden" Sprache erziehen.