China beschleunige die Zollabfertigung für Obst und Gemüse, das nach Russland exportiert werde, meldeten russische Medien am Montag. Argentinien, Paraguay und Uruguay stünden bereit, um die Steakhäuser der russischen Städte mit Rindfleisch zu versorgen, nicht schlechter als das irische, französische oder japanische. Über die Einfuhr von Molkereiprodukten würden gerade Gespräche mit der Türkei geführt. Landwirtschaftsminister Nikolai Fjodorow versichert, es werde eine staatliche Preiskontrolle für Lebensmittel geben.

Auf vielen Kanälen erklären russische Politiker und Landwirtschaftsexperten derzeit, dass das von Präsident Wladimir Putin verhängte Einfuhrverbot für westliche Lebensmittel praktisch keine Auswirkungen auf den russischen Markt haben werde.

Offenbar ist doch die Sorge groß, dass die Erinnerung an die leeren Regale in sowjetischen Zeiten oder die Rationierung von Zucker und Mehl in den 90er-Jahren noch tief im kollektiven Bewusstsein sitzt.

Bevölkerung befürwortet Importverbote mehrheitlich

Die Beruhigungskampagne wäre wohl nicht nötig. Aus einer Blitzumfrage des Moskauer Lewada-Instituts geht hervor, eine große Mehrheit der Russen befürworte die Importverbote. Sie ist überzeugt, dass der Ukas des Präsidenten praktisch keine Auswirkungen auf „den einfachen Bürger“ hat.

Das ist tatsächlich so, meinen die Experten, auch wenn es Streit um die Interpretation der offiziellen Statistiken gibt. Russland decke nur zehn Prozent seines Bedarfs an Lebensmitteln aus Importen, heißt es beispielsweise. Es ist eine Betrachtung in Tonnen. Die Hauptstadt Moskau jedoch soll sich zu 80 Prozent von Importen ernähren und in anderen Großstädten Westrusslands sieht es kaum anders aus. Zieht man die Zahl der Artikel in den Geschäften heran, sind die Hälfte aller Lebensmittel Importe.

Die Angaben stammen nicht von Kreml-Kritikern, sondern von einer Arbeitsgruppe des Putin-Beraters Sergej Glasjew. Der ultranationalistische Politiker prangert diese Abhängigkeit von westlichen Waren als Fehlentwicklung an, die jetzt endlich korrigiert werden könne. Vizepremier Dmitri Rogosin, auch er ein glühender Nationalist, frohlockt, nun könne sich die russische Landwirtschaft ohne die lästige westliche Konkurrenz entfalten. Die orthodoxe Kirche begrüßt die russischen Gegen-Sanktionen ebenfalls. Endlich werde die Unsitte beendet, dem westlichen Konsumkult hinterherzurennen, heißt es in einer Stellungnahme. Die russische Elite müsse endlich ihren „hypertrophierten Lebensstil“ ändern und zu Mäßigung und Genügsamkeit, traditionellen russischen Tugenden, zurückfinden.

Städtische Mittelklasse und Nomenklatura betroffen

Das wird wohl gar nicht nötig sein. Wenn es überhaupt Mangel gebe, dann sehe er heute anders aus, schreibt die Internet-Zeitung gazeta.ru. Es fehlten nicht mehr Wurst und Käse, sondern Artischocken, Parmaschinken und Mozarella. Russland produziert heute einen Überschuss an Brotgetreide – was zu sowjetischen Zeiten undenkbar war. Auch die Fleischproduzenten decken den Bedarf im Wesentlichen ab. Dies jedoch hat eine Kehrseite: Weil so viele Rinder als Schlachtvieh gemästet werden, gibt es einen hohen Importbedarf an Milchprodukten.

Letztlich mache sich der Import-Stopp möglicherweise nur im Premium-Segment bemerkbar, schreibt gazeta.ru. Das träfe vor allem die städtische Mittelklasse, jene Schicht, die ihren Wohlstand den Putin-Jahren zu verdanken hat, die dem Staatschef jedoch vor dem Beginn der patriotischen Aufwallungen nicht recht danken mochte. Eine russische Rentnerin oder ein Lehrer aber konnte sich einen Einkauf in Delikatessen-Läden der Kette „Asbuka Wkussa“ noch nie leisten. Für 100 Gramm einer Käsespezialität bezahlt man dort schon mal zwischen sechs und zehn Euro.

Neben der Mittelklasse wird auch die Nomenklatura betroffen sein. Aber der sei es bislang zu allen Zeiten gelungen, Verbote zu umschiffen, schreibt eine Wirtschaftszeitung. Sie gelangt zu dem Fazit: „Die unten werden lange nichts merken und die oben finden Wege.“