Moskau - Neben dem U-Bahnhof Begowaja, zwischen Hochstraße und Wohntürmen, ist eine kleine Bühne aufgebaut. „Ändere Russland. Fang mit Moskau an“ steht darüber und ein Datum: 8. September. Rund 80 Moskauer hören dem Mann zu, der nicht nur ihr Bürgermeister werden will, sondern als einziger Kandidat offen zum Sturz von Präsident Wladimir Putin aufruft. Der Anti-Korruptions-Aktivist Alexej Nawalny hat zwar keine Chance, diese Wahl zu gewinnen, dennoch ist er ihr eigentlicher Star.

Dass einer wie er überhaupt zur ersten Bürgermeisterwahl in der Zwölf-Millionen-Stadt seit 2003 zugelassen wurde, ist in Russlands „gelenkter Demokratie“ ein Wunder. Zumal Nawalny mit einem Bein im Gefängnis steht: Ein Gericht hat ihn in einem politischen Prozess zu fünf Jahren Haft verurteilt. Hat das Urteil Bestand, verschwindet der Politiker im Arbeitslager.

Eine Stunde schon hat Nawalny geredet, einfach und selbstsicher, über Korruption und darüber, dass die Stadt jährlich 1,6 Billionen Rubel oder 40 Milliarden Euro ausgibt, „ein Meer von Geld“, und dass die Moskauer dafür herzlich wenig Lebensqualität kriegen. Nur ein Prozent der Summe wird von den gewählten Bezirksräten verwaltet, sagt er, und das in einer Stadt, die so groß ist wie ein ganzes Land!

Am Ende erst kommt die Frage, die alle erwartet haben. „Was ist mit den vielen Zuwanderern aus Zentralasien? Von denen haben wir nämlich die Nase voll!“, ruft ein Mann, und Nawalny greift die Frage dankbar auf. 40 Prozent aller jungen Männer Tadschikistans lebten in Moskau, und die Hälfte aller schweren Verbrechen in der Stadt werde von Migranten begangen, behauptet er. Seine Nachbarin im Vorort Marjino traue sich abends nicht mehr vor das Haus.

Die Frage der Zuwanderung ist das eigentliche Thema dieses Wahlkampfes geworden. Neulich hat das Meinungsforschungsinstitut Lewada die Moskauer gefragt, was sie am meisten beunruhige. 55 Prozent nannten „die vielen Zuwanderer aus den ehemaligen südlichen Sowjetrepubliken und dem Nordkaukasus“. Auf Platz zwei und drei kamen der Anstieg der kommunalen Gebühren und die Verkehrsstaus.

Gemessen an dieser feindlichen Stimmung nimmt sich Nawalnys Auftritt nicht besonders fremdenfeindlich aus. Er kritisiert in erster Linie die Stadtverwaltung selbst, die sei einer der größten Arbeitgeber der Migranten. Usbeken, Kirgisen und Tadschiken fegen in Moskau für die kommunalen Unternehmen Innenhöfe, sie klopfen im Winter Eiszapfen von den Dächern und streichen im Sommer die Fassaden. „Auf dem Papier bekommen sie dafür 40 000 Rubel, aber in Wahrheit sind es 20.000“, sagt Nawalny. Die andere Hälfte stecke sich ein korrupter städtischer Angestellter in die Tasche. Wer mit öffentlichen Geldern illegale Migranten beschäftige, gehöre hart bestraft. Außerdem fordere er die Visapflicht für Zentralasiaten. Warum müsse er als Russe ein Visum für eine Reise nach Italien beantragen, während ein Tadschike mit dem Personalausweis nach Moskau reisen dürfe?

Das klingt nicht radikaler als die anderen Kandidaten, und dennoch muss sich Nawalny derzeit gegen heftige Kritik wehren. Er gilt als der stärkste Kämpfer für ein demokratisches Russland, er zählt auf die Stimmen und die freiwillige Mithilfe der westlich orientierten, liberalen Kreml-Gegner. Nun wird seine Vergangenheit diskutiert. Denn bis 2011 noch nahm er regelmäßiger an den „russischen Märschen“ teil – so heißen die jährlichen Umzüge, an denen sich Ultrarechte beteiligen. Und als er noch Mitglied der liberalen Jabloko-Partei war, soll er eine aserbaidschanische Parteifreundin mit einem rassistischen Schimpfwort belegt haben. Nawalny hat letzteres zwar in einem offenen Brief abgestritten, aber in einem harschen Ton, der neue Fragen aufwarf.

Dass er ein Nationalist ist oder – in seinen eigenen Worten – ein National-Demokrat, hat er allerdings nie verschwiegen. 2007 war er sogar Mitgründer einer „Nationalen Russischen Befreiungsbewegung“. Die ist längst eingegangen, aber das Internet vergisst ja nie etwas, und es gibt da noch alte Videoclips. Auf denen sieht man, wie Nawalny einen islamistischen Kaukasier niederschießt. Das sollte eine lustige Werbung sein für freien Waffenbesitz.

Nationalismus wird Mainstream

Das ist lange her, und auch am letzten russischen Marsch 2012 hat Nawalny nicht mehr teilgenommen. Seine Rhetorik hat sich gemäßigt, sagt Alexander Werchowski, Leiters des Anti-Rassismus-Zentrums Sowa. „Die Nationalisten haben Nawalny ohnehin nie als den Ihren begrüßt. Nationalismus war für ihn nur stets ein Punkt unter vielen, nie sein Hauptthema.“

Tatsächlich spart Nawalnys Wahlkampfprospekt das Thema Zuwanderung sogar ganz aus, während etwa der Kandidat der Kommunisten höhere Sozialversicherungsbeiträge für Migranten fordert. Selbst der vom Kreml eingesetzte Bürgermeister Sergej Sobjanin, unangefochtener Favorit der Wahl, hat einen scharfen Ton angeschlagen. Auf die Zuwanderer aus Zentralasien angesprochen, sagte er: „Wir begrüßen es nicht, wenn diese Leute sich in Moskau eingliedern. Das sind eher Saisonarbeiter.“ Das Klima ist kälter geworden. Der Nationalismus wird Mainstream, sagt Werchowski.

Gerade hat die Polizei eine Großrazzia auf Märkten durchgeführt und Hunderte festgenommen. Es war ihre Antwort auf den Angriff eines Dagestaners auf einen Polizeibeamten. So wie die Zentralasiaten sind auch die zahlreichen Zuwanderer aus dem Nordkaukasus vielen Moskauern ein Dorn im Auge. Aber Dagestaner und Tschetschenen sind Inländer wie Russen oder Tataren. Wo Russland endet und das Fremde beginnt, das ist in der Vorstellung der Moskauer nicht mehr so eindeutig.

Jedenfalls ist die massenhafte Zuwanderung, gemessen an der Migration nach Westeuropa, in Moskau noch ein junges Phänomen. Rund 900.000 Ausländer sind in Moskau gemeldet, Bürgermeister Sobjanin spricht von weiteren 300.000 Illegalen. Und egal, was er, Nawalny oder andere tun und sagen, die Zuwanderung wird so bald nicht aufhören. Dazu ist Moskau viel zu reich, und dafür sind Russlands Randregionen und Nachbarrepubliken viel zu arm.