Moskau - Man muss auch mal Nein sagen können, heißt es in sämtlichen psychologischen Ratgebern. Wem es schwer fällt, diesen Rat umzusetzen – und wem fällt das nicht schwer? –, der sollte sich ein Beispiel an Sergej Lawrow nehmen. Russlands Außenminister ist ein Meister im Neinsagen. „Mister Njet“ nennen sie ihn im Westen manchmal, so wie einst den legendären sowjetischen Außenminister Andrej Gromyko. Es schwingt darin Anerkennung und Ärger zugleich mit. Sergej Lawrow ist sozusagen Russlands Veto im UN-Sicherheitsrat, verkörpert in menschlicher Gestalt – ein Nein auf zwei Beinen. Dazu trägt der hochgewachsene Diplomat stets ein passendes Gesicht, das seriösen Missmut ausdrückt.

Aber wenn Lawrow an diesem Dienstag in Genf zu den Gesprächen über das iranische Atomprogramm eintrifft, dann wird er nicht als „Mister Njet“ dastehen. Den Ruf des ewigen Neinsagers hat Lawrow nämlich abgeschüttelt. Das war vor einem Monat, ebenfalls in Genf, als er mit seinem amerikanischen Kollegen John Kerry eine Einigung zum Syrienkonflikt erzielte. Verblüfft sah die Welt damals, wie Washington unter Moskaus geschickter Hilfestellung einen abrupten Schwenk machte – weg von den als unvermeidlich angekündigten Luftschlägen gegen Assads Regime, hin zu einer gemeinsamen Initiative zur Vernichtung von Chemiewaffen. Es war ein persönlicher Triumph Lawrows.

Und als wäre das nicht genug, wurde die Einigung nachträglich sogar mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Der wurde am Freitag nämlich jener Organisation zugesprochen, die nach Lawrows Vorschlag die Vernichtung der syrischen Waffenarsenale überwacht. Ein bisschen darf sich der ehemalige Mr. Njet jetzt also als Mr. Friedensnobelpreis fühlen. Es ist ein jäher Imagewechsel. Hat Lawrow seine Gesprächspartner bloß hereingelegt und die Welt getäuscht? Oder hat sich die Welt zuvor in ihm getäuscht?

Unstrittig ist eines: Dieser Mann hat mehr diplomatische Erfahrung als seine Gesprächspartner. Keiner der derzeit amtierenden Außenminister hat seinen Job so lange wie er. 2004 ließ Wladimir Putin ihn ins Kabinett holen. Und das Jahrzehnt davor kann man getrost dazuschlagen, denn bevor Lawrow Außenminister wurde, war er schon Moskaus Botschafter bei der Uno. Das Amt gilt als eine Art Ministeramt im Kleinen, schließlich hat der Uno-Botschafter mit dem gesamten Komplex an außenpolitischen Fragen zu tun, die auch seinen Vorgesetzten in Moskau beschäftigen. Und es ist ein sehr sichtbares Amt. In New York erinnern sie sich jedenfalls noch gut an den russischen UN-Botschafter, vor allem, seit er einen Aufstand gegen das Rauchverbot im UN-Hauptgebäude führte.

Vergangenes Jahr war Lawrow in einer Late-Night-Show des russischen Fernsehens zu sehen, da wurde er gefragt, wie viele Länder er als Außenminister schon besucht habe. 136 waren es nach seiner Zählung, und gerade waren die Fidschi-Inseln dazu gekommen. Dazu wurde eine Archivaufnahme eingespielt: Man sah, wie ein stoischer Lawrow in lustigem Bastschmuck ein undurchschaubares Begrüßungsritual der Fidschianer über sich ergehen ließ. Lawrow lachte fast Tränen in der Show.

Aber so sieht man ihn selten. Die Maske des Berufsdiplomaten lässt er sonst nicht fallen, und es ist ja im Grunde auch keine Maske mehr, wenn man sein ganzes Leben in den Strukturen des Außenministeriums verbracht hat. Schon das Studium hat der 1950 geborene Lawrow am Moskauer Mgimo-Institut für auswärtige Beziehungen absolviert, der Kaderschmiede aller russischen Diplomaten.

Ein Gedicht für die Uni

Dem Institut hat Lawrow, der gerne dichtet, sogar eine Hymne getextet. Von „heißen Herzen“ ist da die Rede, die über die ganze Welt verstreut seien, „verlässlich in der Sache und im Vergnügen“. Dem jungen Studenten teilte man die Sprache Singhalesisch zu, und so diente er in den Breschnew-Jahren in Sri Lanka. Die Perestrojka in den 1980ern erlebte er dann schon als Mitarbeiter in New York, das Ende der Sowjetunion 1991 in Moskau. Es war eine demütigende Erfahrung für russische Diplomaten: Es zerfiel das Land, das sie repräsentieren sollten, es zerfiel das eigene Außenministerium, es zerfiel die Heimat. Lawrows Vaters war ein Armenier aus dem georgischen Tiflis, und das lag nun plötzlich im Ausland.

Im prächtigen Stalinhochhaus am Gartenring, dessen Fassade noch das Sowjetwappen ziert, residierte seither das Außenministerium eines neuen Staates: der russischen Föderation. Ihr Kurs schlingerte wild, erst hatte man in Andrej Kosyrew einen extrem prowestlichen Außenminister, dann folgte mit Jewgeni Primakow ein erklärter Freund Saddam Husseins.

Als Sergej Lawrow 2004 Außenminister wurde, war Russland wieder einmal dabei, seinen Kurs zu wechseln. Die erste Amtszeit von Präsident Wladimir Putin ging gerade zu Ende, und mit ihr Putins vergeblicher Versuch, ein engeres Bündnis mit den Vereinigten Staaten und Europa einzugehen. Bald kam der Moment, da Russland es aufgab, als entfernter Planet im Sonnensystem des Westens zu kreisen. Es wollte fortan eine Sonne für sich sein. Der neue Kurs wurde 2007 von Putin auf der Münchener Sicherheitskonferenz in wütende Worte gefasst.

Das war die Außenpolitik, die Lawrow fortan umgesetzt hat, und in dieser Rolle haben ihn westliche Gesprächspartner von seiner unangenehmen Seite kennengelernt. Der britische Außenminister David Miliband musste sich von ihm am Telefon beschimpfen lassen, und Frankreichs Außenminister Bernard Kouchner nannte Lawrow 2009 „brutal“ – aber auch „einen der klügsten Außenminister“. Das geht aus vertraulichen US-Depeschen hervor, die durch den Wikileaks-Skandal publik wurden.

Aus ihnen wissen wir auch, dass Lawrow den französischen Präsidenten einmal so aufregte, dass der kleine Nicolas Sarkozy den langen Lawrow am Kragen packte und einen Lügner nannte. Das war im Herbst 2008, auf dem absoluten Tiefpunkt der Beziehungen zwischen Russland und dem Westen: Georgiens prowestlicher Präsident Michail Saakaschwili hatte im August die abtrünnige Region Südossetien überfallen, die Russen waren daraufhin in Georgien einmarschiert, und die EU hatte unter Sarkozy einen Waffenstillstand vermittelt. Der Streit ging um den Rückzug russischer Truppen auf die Positionen vor dem Konflikt – Lawrow tat so, als wäre der Punkt bereits erfüllt.

Auch die US-Außenministerin Condoleezza Rice hat Lawrow damals schockiert. Er brachte sie ohnehin gern aus der Fassung, wie der Rice-Biograf Glenn Kessler schreibt: „Lawrow wusste genau, welche Knöpfe er drücken musste, um sie zu ärgern“, zitiert er einen Mitarbeiter der Ministerin. Im August 2008 nannte Lawrow Rice am Telefon eine unerwartete Bedingung für den Frieden: Saakaschwili müsse gehen. Das widersprach allem, was Lawrow offiziell vertrat – Russland protestierte ja unüberhörbar, wenn der Westen den Sturz fremder Staatsoberhäupter betrieb.

Gedemütigter Westerwelle

Auch Guido Westerwelle blieb nicht verschont. Als der deutsche Außenminister vergangenes Jahr nach Moskau reiste, demütigte ihn Lawrow vor der versammelten Presse. Ob Russland dem syrischen Präsidenten Assad Zuflucht gewähren würde, hatte jemand gefragt. Ach ja, das habe die deutsche Seite neulich bei Putins Berlin-Besuch auch gefragt, plauderte Lawrow ungerührt aus. „Wir haben das als Witz aufgefasst. Nehmt ihr ihn doch!“, setzte er hinterher. Westerwelle, der eingangs noch artig Lawrows Erfahrung gelobt hatte, saß versteinert daneben.

Das war im Juli 2012, und wieder war ein Tiefpunkt im Verhältnis Russlands zum Westen erreicht. Wladimir Putin beschuldigte offen die Vereinigten Staaten, sie hätten die Straßenproteste bei seiner Rückkehr in den Kreml orchestriert. Der US-Kongress wiederum erließ im Dezember Sanktionen gegen ausgewählte russische Beamte, denen er Menschenrechtsverletzungen vorwarf – den sogenannten Magnitsky Act. Und schließlich war da der Syrienkonflikt, in dem Russland sich jeder westlichen Einmischung widersetzte. Das vor allem war es, was Sergej Lawrow zum „Mr. Njet“ in den Augen Europas und der Vereinigten Staaten machte. Jede, selbst die mildeste Verurteilung des Assad-Regimes, wurde von Russland blockiert, während sich Moskau zugleich das Recht vorbehielt, weiter Waffen an die syrische Regierung zu liefern.

Anders als oft unterstellt, hatte Russlands Verweigerung wenig mit der engen Beziehung zu Assad zu tun, mit Rüstungsverträgen oder dem Flottenstützpunkt in Tartus. Sie war prinzipieller Natur. Der Westen richtet nach Lawrows Ansicht im Nahen Osten bloß Chaos an: Anstatt die Region als Ganze zu befrieden, vertauscht er bloß in einzelnen Ländern Regierung und Opposition, ohne Rücksicht auf gefährliche Kettenreaktionen. „Man kann die russische Politik unmoralisch finden. Aber selbst die Kritiker sagen: Ihr habt wenigstens eine Strategie. Der Westen hat keine“, sagt Fjodor Lukjanow, Chefredakteur der Zeitschrift Russia in Global Affairs.

Die Syrienpolitik ist für ihn ein persönlicher Erfolg Lawrows – und zwar nicht so sehr wegen der jüngsten Einigung, sondern weil Lawrow davor so gleichmütig dieselbe Linie durchgehalten hat, gegen alle Anwürfe in der UN-Vollversammlung. Unterstützung gab es allenfalls hinter vorgehaltener Hand.

In Russlands Totalverweigerung steckte aber auch die Reue über ein Zugeständnis, dass man 2011 gemacht hatte, unter Präsident Dmitri Medwedew. Damals hatte Moskau im Sicherheitsrat widerwillig eine Libyen-Resolution passieren lassen, die eine Flugverbotszone zum Schutz der Bevölkerung vorsah. Was auf dem Papier überschaubar aussah, wurde in der Wirklichkeit sehr großzügig interpretiert. Am Ende musste Moskau zusehen, wie westliche Truppen den Diktator faktisch aus dem Amt bombten. Lawrow hätte 2011 schon lieber ein Veto eingelegt, sagt Lukjanow; heute ist seine Meinung Konsens in Moskau. Und eben deshalb wird nun jede neue Syrien-Resolution auf kleinste Schlupflöcher abgeklopft, um den Fehler von damals zu vermeiden.

Anders als westliche Außenminister hat Lawrow nie politische Ambitionen jenseits seines Amtes entwickelt. Er ist kein Politiker, er ist Berufsdiplomat. „Wenn er überhaupt Überzeugungen hat, dann spielen sie keine Rolle“, sagt ein Moskauer Kolumnist trocken. „Er tut, was man ihm sagt. Wenn die Beziehungen zum Westen verbessert werden sollen, dann verbessert er sie. Wenn sie verschlechtert werden sollen, verschlechtert er sie.“
Aber eben diese Kombination von Erfahrung und fehlendem Ehrgeiz hat Lawrow die knappste und wichtigste Ressource eingebracht, die ein russischer Spitzenbeamter braucht: Putins unbedingtes Vertrauen. Das genießen normalerweise nur Menschen, die Putin aus Petersburger Zeiten kennt, oder die wie er aus den Geheimdiensten stammen. „Lawrow braucht keine Anweisungen von Putin, er weiß selbst, was er tun muss“, sagt Lukjanow. Um Syrien etwa habe sich Putin lange kaum gekümmert.

Kritik an Putin – vorübergehend

So groß ist Lawrows Gewicht, dass er sich in mindestens einem Fall sogar erlaubte, öffentlich eine bereits angekündigte Politik zu kritisieren – in Putins Russland eine Sensation. Das war im Jahre 2012, als die Duma verzweifelt eine Antwort auf den Magnitsky-Act suchte. Da man der amerikanischen Elite nicht ernsthaft verbieten konnte, Ferienhäuser an der Wolga oder russische Bankkonten zu halten, verfiel man auf eine bizarre Exportsanktion: Amerikaner durften fortan keine russischen Kinder mehr adoptieren.

Mehrfach verurteilte Lawrow diese Idee in der Öffentlichkeit. Sein Ministerium hatte nämlich gerade erst mühsam ein neues Adoptionsabkommen mit den Vereinigten Staaten ausgehandelt. Wenn man das aufkündige, entziehe man auch bereits adoptierten Kindern den Schutz, argumentierte Lawrow. Er äußerte keine moralischen Bedenken, er fand es einfach schlechte Politik. Aber wie sich herausstellte, wollte Putin das Adoptionsverbot. Und Lawrow wäre nicht Lawrow, hätte er das Verbot nicht fortan treu verteidigt – als wäre es das Selbstverständlichste in der Welt, Außenpolitik auf dem Rücken russischer Kinder auszutragen.

So hat das Neinsagen seine Grenzen, innerhalb der eigenen Hauptstadt, und nun auch außerhalb Russlands: Die Einigung im Syrienkonflikt bedeutet nicht nur für die Vereinigten Staaten einen Schwenk, sondern auch für Russland. Es ist der erste konstruktive Schritt seit Langem, den Moskau tut. Sollte die Beseitigung der Giftwaffen scheitern, dann wird Moskau abermals als Spielverderber dastehen; dann wird es so aussehen, als hätte der Kreml nichts weiter gewollt, als die Amerikaner hinzuhalten und Zeit für Assad zu gewinnen.

Natürlich könnte Moskau zur Not die Verantwortung auf andere abschieben – auf den Westen, auf Assad, auf die syrische Opposition. Aber für einen alten Fuchs wie Lawrow ist klar, dass Russland seinen Einsatz erhöht hat, und dass man so schnell nicht wieder aus der Sache herauskommt. Jasagen ist am Ende eben auch nicht bequemer als Neinsagen.