Kein angenehmes Erbe hat der letzte Zar Nikolai Romanow da seinen "Untertanen" hinterlassen. Auslandsschulden Rußlands aus der Kaiserzeit hängen den Nachfolgern wie ein Klotz am Bein: 30 Milliarden Dollar nannte der private russische Fernsehsender NTV als Gesamtsumme, von Schätzungen auf bis zu 200 Milliarden Dollar sprechen Quellen in Westeuropa. Milliarde eingespielt Da nehmen sich die 400 Millionen Dollar, auf die sich die Regierungschefs Viktor Tschernomyrdin und Alain Juppe jetzt bei Verhandlungen in Paris geeinigt haben, vergleichsweise bescheiden aus. Dabei geht es um Staatsanleihen, die die Regierung des Zaren in Rußland einer Meldung der Tageszeitung "Sewodnja" zufolge von 1822 bis 1914 an insgesamt 1,6 Millionen Anleger ausgegeben hatte. In Frankreich gibt es heute noch 400 000 Besitzer von insgesamt vier Millionen Titeln. Nach 1917 hatte sich die Sowjetunion geweigert, diese Schulden der Zarenregierung anzuerkennen. Doch jetzt willigte Tschernomyrdin ein: 100 Dollar je Titel soll es geben, auszuzahlen in den nächsten Jahren.Mit dieser und einer weiteren, gestern erzielten Einigung über sowjetische Altschulden hat Moskau möglicherweise einen wichtigen Schritt zur Sanierung seines Staatshaushaltes getan. Denn bisher weigerte sich Frankreich, am Handel der erst kürzlich auf den europäischen Markt gebrachten russischen Staatsanleihen teilzunehmen. Mit denen hatte Rußland in anderen Ländern ein unerwartet gutes Geschäft gemacht: Statt der erwarteten 300 bis 500 Millionen Dollar wurde über eine Milliarde Dollar eingespielt. Auf dem französischen Finanzmarkt könnte dieser Erfolg nun wiederholt werden. Auch ließ die Agentur Interfax unter Berufung auf Quellen in der Tschernomyrdin-Delegation verlauten, Frankreich werde nunmehr die Aufnahme Rußlands in den Pariser Klub unterstützen. Dort sind mehrere ausländische Kreditgeber der ehemaligen Sowjetunion vereint. Verlorenes Geld In Moskau allerdings wollen nicht alle Politiker nur Vorteile in den Vereinbarungen sehen, die Tschernomyrdin in Paris trifft. Die vorgesehene Rückzahlung der Zarenschulden ist umstritten. "Sie werden uns vorwerfen, daß wir den Franzosen zuviel gegeben haben", zitiert Interfax ein nicht genanntes Delegationsmitglied. Wladimir Lukin, ehemaliger Botschafter in den USA und Außenpolitik-Experte in der Duma, warnte bereits Anfang der Woche davor, die Sache zu überstürzen. "Schulden", sagte er, "müssen bezahlt werden. Aber zuerst ist festzustellen, wieviel sie heute wert sind." Duma-Chef Gennadi Selesnjow hob inzwischen den moralischen Zeigefinger: Solange Rußland nicht in der Lage sei, seinen eigenen Bürgern die Verluste der Geldabwertung von 1992 auszugleichen, dürfe über die Außenstände gegenüber Ausländern aus der Zarenzeit gar nicht erst gesprochen werden, sagte er. 1992 hatten viele Russen durch die plötzliche Freigabe des Rubelkurses ihr ganzes Sparguthaben über Nacht verloren. +++