In den vergangenen Monaten hatten sich Russlands Liberale selten einer solchen Medienpräsenz erfreuen können wie bei der Vereinigungszeremonie ihrer Parteien "Jabloko" und "Union Rechter Kräfte" (SPS) am Mittwoch vergangener Woche in Moskau. Die russische Tageszeitung "Nesawissimaja Gazeta" sparte nicht mit Häme: Seit Wladimir Putin im Kreml residiert, stehen die russischen Liberalen im Abseits. Um dieser Position zu entkommen, haben sich die beiden einflussreichsten russischen Reformparteien nun zur Zusammenarbeit entschlossen. Künftig wollen sie bei Wahlen mit einer gemeinsamen Kandidatenliste antreten. Die organisatorische Vereinigung von SPS und Jabloko zu einer Partei soll bis Ende des Jahres vorbereitet werden.Eine Zusammenarbeit der demokratischen Kräfte in Russland hatten politische Beobachter immer wieder angemahnt. Inhaltliche Differenzen, vor allem aber persönliche Eitelkeiten der jeweiligen Parteispitzen, die sich selbst gern das Prädikat "Reformer" verliehen, standen einer Einigung im Wege. Unterzeichnet wurde die Vereinbarung über eine künftige Zusammenarbeit denn bislang auch nur von den Stellvertretern. Die Parteivorsitzenden Boris Nemzow (SPS) und Grigori Jawlinski (Jabloko) waren zwar anwesend, die Gemeinsamkeit beider reicht jedoch noch nicht so weit, dass sie ihre Unterschrift nebeneinander unter ein Dokument setzen könnten. Das gegenseitige Misstrauen lässt sich so schnell nicht überwinden. Während Jawlinskis Jabloko-Fraktion seit Jahren Fundamental-Opposition gegen die Kreml-Politik betrieb, gehörten die Führer der SPS, Boris Nemzow, Anatoli Tschubajs und Sergej Kirijenko, als Premier oder Vizepremier den wechselnden Regierungen unter Boris Jelzin an.Posten-Handel mit dem KremlAls im März Jelzins Nachfolger gewählt werden sollte, tappten beide Parteien bereitwillig in die Abseitsfalle des Kreml. Der Kandidat der SPS für die Präsidentenwahl im März, Konstantin Titow, sah sich von der eigenen Partei im Stich gelassen, als diese unmittelbar vor dem Wahlgang entschied, doch lieber Putin unterstützen zu wollen. Grigori Jawlinski, der selbst als Kandidat angetreten war, verlor mit Sergej Stepaschin den zweiten Mann in der Parteispitze von Jabloko an Wladimir Putin. Es sei der Moment gekommen, "alle parteilichen, lokalen und persönlichen Interessen zu trennen von der klaren Notwendigkeit, die Staatlichkeit zu festigen und die Macht zu stärken", hatte Putin die Parteien im Wahlkampf verwarnt. Ein Volk, ein Reich, ein Putin. Die solchermaßen vereinnahmte "Opposition" profitierte von ihrem Handel mit dem gewählten Präsidenten. Sergej Kirijenko durfte noch im März Russland bei den Verhandlungen mit dem Internationalen Währungsfonds in Washington vertreten. Nach der Putin schen Reform der Staatsverwaltung fiel für ihn auch noch der Posten des Generalgouverneurs im Wolga-Gebiet ab. Sergej Stepaschin ernannte Putin zum Vorsitzenden des russischen Rechnungshofs.Grigori Jawlinski blieb schließlich der einzige namhafte Vertreter der Reformparteien, der im Präsidentschafts-Wahlkampf nicht im Geschirr des Kreml, sondern für die eigenen Ziele antrat. Was er von der Prinzipientreue seiner Konkurrenten von der SPS hielt, sagte er im April: die Union der Rechten Kräfte sei niemals eine selbstständige Kraft gewesen, sondern habe immer nur die Interessen des Großkapitals vertreten und trete nun sogar für den Krieg in Tschetschenien ein. Auch nach dem nun geschlossenen Bündnis mit der SPS bleibt der Jabloko-Vorsitzende skeptisch. Bislang, so sagte Jawlinski am Dienstag in Berlin, sei die Vereinbarung eine Absichtserklärung, "mehr nicht".Kaum Chancen für eine ZivilgesellschaftDie liberalen Kräfte Russlands hätten früher aufeinander zugehen müssen, beklagte auch der Jabloko-Abgeordnete Wladimir Lukin. Die gemeinsamen Grundwerte - Zivilgesellschaft, Marktwirtschaft und Rechtsstaatlichkeit - müssten auch gemeinsam vertreten werden. Sie durchzusetzen ist eine Aufgabe, die Russlands Liberale in der Tat nur gemeinsam bewältigen werden. Was diese Grundwerte einer Zivilgesellschaft dem russischen Normalbürger bedeuten, der sich im sozialen Elend jahrzehntelang mit seinen Nachbarn eins fühlen durfte, offenbarte sich jüngst während einer Talkshow, in der Irina Chakamada, Dumaabgeordnete der SPS, sich den Fragen der Zuschauer stellte. Das Programm ihrer Partei interessierte die Anrufer herzlich wenig. Sie wollten wissen, ob Chakamadas Audi tatsächlich einen Fernseher habe. Eine Anruferin wollte nur etwas loswerden: "Sie sind schön, elegant, Sie haben einen reichen Mann und ein gesundes Kind. Sie strahlen vor Glück. Ich hasse Sie!"