Moskau - Der 4. November ist in Russland Nationalfeiertag. Allerdings können die Russen mit ihm wenig anfangen: Bei einer Umfrage des Wziom-Instituts wussten ganze 15 Prozent der Befragten, dass sein offizieller Name „Tag der nationalen Einheit“ lautet, und erstaunliche 70 Prozent wussten nicht, woran das Datum erinnert – an einen Sieg über die Polen 1612 nämlich.

So hat die russische Rechte den ungeliebten Feiertag auch in diesem Jahr wieder kapern können. Wieder führte sie ihre „russischen Märsche“ durch, den größten diesmal in einem Moskauer Außenbezirk. Ein paar Tausend zumeist junge Teilnehmer skandierten: „Russland den Russen, Moskau den Moskauern“, aber auch Aufrufe zur Gewalt gegen Zuzügler aus dem Kaukasus oder Zentralasien. Die Rechte fühlt sich im Aufwind, seit ihr ein Massenaufruhr gegen Zuwanderer im Stadtteil Birjuljowo gelang.

Für liberale Moskauer sind diese Umzüge ein schändliches Spektakel. Aber ausgerechnet ihr Lieblingspolitiker Alexej Nawalny sieht das nicht so. Der Kreml-Kritiker hatte jüngst beachtliche 27 Prozent bei den Moskauer Bürgermeisterwahlen geholt, und die verdankte er Scharen junger Enthusiasten, die auf der Straße agitierten. Die sahen ausgesprochen lieb und harmlos aus und gar nicht so wie die hasserfüllten Demonstranten von Montag.

Aber Nawalny versucht beharrlich, an Liberale und Nationalisten zugleich zu appellieren, indem er für einen „modernen“, „westlichen“ Nationalismus eintritt. im vergangenen Jahr nahm er am Russischen Marsch zwar nicht teil, gab aber als Entschuldigung eine Erkrankung an. Diesmal entschied er sich ganz offiziell, nicht hinzugehen – rief aber zugleich alle Zweifler zur Teilnahme auf. Statt sich von den Nationalisten zu distanzieren, bekannte er sich also erneut zu ihnen. Zu ihren Hassparolen schweigt Nawalny, als gingen sie ihn nichts an.

Nun hat Boris Akunin, eine mächtige Stimme der liberalen Protestbewegung, Nawalny deshalb seine Unterstützung aufgekündigt. Er habe sich in Nawalny getäuscht, schreibt der Krimi-Autor in seinem Blog. Nawalny tauge nicht zur demokratischen Führerfigur in einem Vielvölkerstaat. Akunins Rat: Die russische Opposition solle ihre Fixierung auf Führerfiguren besser ganz aufgeben.