MOSKAU. Der Mann, der Russland von der Planwirtschaft in die Marktwirtschaft katapultiert hat, ist tot. Jegor Gaidar, der bekannteste Wirtschaftsreformer und vermutlich meistgehasste Politiker des Landes, starb gestern in Moskau im Alter von 53 Jahren unerwartet an einem Blutgerinnsel.Russlands erster Präsident Boris Jelzin hatte den Ökonomen im Dezember 1991 in die Regierung geholt. "Gaidar und seinen Trupp" nannte das Land scherzhaft den jungen Vizepremier und seine ebenso jungen Mitstreiter. Das war eine Anspielung auf das beliebte sowjetische Kinderbuch "Timur und sein Trupp", das Gaidars Großvater Arkadi verfasst hatte und in dem nette Pioniere alten Leuten helfen. Tatsächlich wirkte Gaidar mit seiner hohen Stimme und seiner ungelenken Art immer wie ein großer Junge.Das Scherzen verging den Russen schnell. Der ehemalige Mitarbeiter der Parteizeitschrift Kommunist wurde zum Vater eines radikalen Reformprogramms, das die Mechanismen der Planwirtschaft zerschlug und dem Kapitalismus den Weg bereitete. Nach dem Vorbild der "Schocktherapie", die der Harvard-Ökonom Jeffrey Sachs Polen verschrieben hatte, wurden zu Neujahr 1992 fast alle Preise freigegeben. Anders als in Polen führte der Schritt bald zur Hyperinflation.Liberale Niederlagen serienweiseAuch die rasante Privatisierung verlief schmerzhaft. Die Anteilscheine, die an die Bevölkerung vergeben wurden, landeten schnell in den Händen weniger. Viele Russen erinnern sich an die frühen Neunziger als eine Zeit des Hungers und der völligen Verarmung, die Sterblichkeit stieg drastisch.Insgesamt war Gaidar nur ein Jahr in der Regierung. Präsident Jelzin tauschte den amtierenden Premier im Dezember 1992 auf Druck des Parlaments durch Viktor Tschernomyrdin aus, einen ehemaligen Kombinatsdirektor. Gaidar blieb eine Hassfigur der Opposition. Der Streit zwischen Präsident und Parlament, der im Herbst 1993 mit dem Beschuss des Parlamentsgebäudes durch Panzer kulminierte, entzündete sich unter anderem an Jelzins Versuch, Gaidar erneut zum Vizepremier zu ernennen.Ende 1993 zog Gaidar selbst für zwei Jahre als Abgeordneter in die Duma ein. Er war der Kopf der Kreml-loyalen liberalen Fraktion "Russlands Wahl", was ihn nicht davon abhielt, den ersten Tschetschenienkrieg heftig zu kritisieren. Doch der Liberalismus erlitt eine Niederlage nach der anderen. Bei der Wahl 2003 flog auch die liberale SPS, mit der Gaidar 1999 noch einmal in die Duma zurückgekehrt war, aus dem Parlament.Auch Kritiker Gaidars achteten ihn als einen Mann von herausragender Intelligenz, ökonomischem Sachverstand und großer Geradlinigkeit. Die Härten seiner Schocktherapie versuchte Gaidar mit der unzulänglichen politischen Unterstützung und dem schweren Erbe der Sowjetzeit zu rechtfertigen, über das er 2006 eine vielbeachtete Studie mit dem Titel "Der Untergang des Imperiums" verfasste. Sie lenkte den Blick auf die Zahlungsbilanzprobleme der Sowjetunion, die vom Öl- und Gaspreis abhingen.Premierminister Wladimir Putin, der die 1990er-Jahre gerne als düsteren Kontrast zu seiner eigenen Präsidentschaft beschwört, lobte Gaidar als "echten Bürger und Patrioten". Gaidar selbst hatte in der letzten Zeit Russlands politische Erstarrung kritisiert, ohne allerdings je Putin anzugreifen.------------------------------Foto: Jegor Gaidar (1956-2009)