Die Sozialwissenschaftlerin Sabine Hebenstreit-Müller ist Direktorin des Berliner Pestalozzi-Fröbel-Hauses, das als erste deutsche Einrichtung das britische Modell des "Early Excellence Centre" erprobt. Hebenstreit-Müller ist zudem Mitglied einer Kommission, die von der britischen Regierung einberufen wurde, um auf internationaler Ebene Erfahrungen mit Familienzentren zu sammeln. Sie fordert, die Kitas nicht länger nur als Teil des Sozialbereichs, sondern als Bildungsinstitution zu konzipieren.Die Pisa-Debatte hat sich nun auf die Kindergärten ausgeweitet, vor allem in Berlin, wo viele Schulanfänger Sprachprobleme haben. Muss die Kita jetzt zur Vorschule werden?So würde ich es auf keinen Fall formulieren. Man kann nicht all das, was an Kita-Pädagogik erreicht worden ist, über Bord werfen. Es muss allerdings darum gehen, den Elementarbereich Kita endlich als Basis des gesamten Bildungssystems anzuerkennen. Gelten Kitas nicht als Bildungseinrichtungen?Das ist das Problem. Wir kontrollieren in deutschen Kindergärten zwar ganz genau den Abstand der Waschbecken vom Boden. Wir sagen aber nicht, was wir dort an Bildung erwarten. Was in einem deutschen Kindergarten passiert, ob er gut ist oder schlecht, das ist den jeweiligen Erzieherinnen oder dem Träger anheim gestellt. Ein System aber, das einen qualitativen Standard sicherstellt, das gibt es nicht. Wer jedoch Bildung will, muss solche Standards haben. Warum werden sie nicht entwickelt?Weil Kindergärten und Kitas hier zu Lande zum Sozialbereich gezählt werden und nicht Teil des Bildungssystems sind. Dazu kommt unsere komplizierte föderale Struktur: Je nach länderspezifischen Gegebenheiten werden die Ansprüche an Kindergärten anders formuliert, es gibt keine klare Zuständigkeit des Bundes. Deshalb sind wir neben Österreich das einzige Land in der EU, das kein nationales Curriculum für den Elementarbereich hat.Und das hat noch nie einer vermisst?Die aktuellen Debatten um Pisa lassen immerhin hoffen, das sich auch in der Bewertung der elementaren Bildung etwas ändert. Entscheidend ist dabei, dass das Kind und sein Bildungsanspruch in den Mittelpunkt gestellt werden. Seit 1923 wird zwar in Deutschland diskutiert, ob Kindergärten nicht besser in die Bildungsressorts statt in den Sozialbereich gehören. Doch bis jetzt hat sich immer die Ansicht durchgesetzt, dass die Erziehung von Kleinkindern etwas völlig Anderes ist und die Kinder einen Schonraum brauchen, bis der Ernst des Lebens in der Schule anfängt. Dabei müsste die Frage doch lauten: Welche Bildung braucht ein Kind auch in der entscheidenden frühkindlichen Lebensphase?Kommt diese Erkenntnis zu spät?Ich weiß nicht, ob es wirklich eine Erkenntnis ist. Das wird sich erst an den Taten erweisen. Bisher jedenfalls ist die Entwicklung in Europa an uns vorbei gelaufen. Die anderen Länder haben schon Mitte der 90er-Jahre begonnen, den Bildungsbereich als etwas zu betrachten, in das man zukunftsorientiert investiert - und zwar nicht nur die reichen Länder. Gerade Griechenland oder auch Portugal haben einen enormen Ausbau vorangetrieben. Deutschland dagegen gilt bei der Ausbildung und Versorgung im Vorschulbereich als Drittweltland. Vielleicht braucht es auch für den Vorschulbereich einen Anstoß durch eine eigene, international vergleichende Studie?Die gibt es ja: "Starting Strong" heißt sie, sie ist im letzten Jahr veröffentlicht worden und untersucht sehr detailliert den gesamten Bereich der Betreuung, Bildung und Erziehung in zwölf Ländern. Das Problem ist nur: Auch hieran hat Deutschland nicht teilgenommen.In Berlin sollen nun in den Kitas Stellen gestrichen werden. Ist die Politik unbelehrbar?Es zeigt jedenfalls, dass die Bildungskrise noch nicht genügend Veränderungen in Gang gesetzt hat. Während der schulische Bildungsbereich von der Sparpolitik fast ausgenommen ist, soll im vorschulischen Bereich Personal gespart werden. Das heißt doch: Im Bewusstsein der Politik sind Kita und Kindergarten immer noch nicht als Bildungsbereiche verankert. Das Gespräch führte Annette Goebel.