Nehmen wir mal an, Gladbach verliert heute 0:1 gegen Bremen, derweil Bielefeld mit 3:0 über Hannover obsiegt. Dann ist Gladbach trotzdem gerettet. Bielefeld vielleicht auch, kommt halt drauf an, was Leverkusen in Nürnberg macht. Gewinnt Bayer nicht, Bielefeld aber wohl, steigt Bayer ab. Bayer, behaupten wir jetzt einfach mal, siegt aber. Gladbach verliert mit 0:1, Bielefeld putzt Hannover mit 5:0, und der Gladbacher Busfahrer kann schon mal nachgucken, wo Burghausen liegt.Hätte Sabine Töpperwien damals, als sie noch freie Mitarbeiterin beim NDR war, auf ihre Vorgesetzten gehört, sie könnte sich die Rechnerei sparen. Was ihr Spezialgebiet sei, wollten die Herren wissen. Fußball, sagte Sabine Töpperwien arglos und registrierte, dass sie dafür nichts als verständnislose Blicke erntete. Eine Frau? Und Fußball? Sie solle sich doch mal lieber auf rhythmische Sportgymnastik konzentrieren, bekam sie zu hören: Da könne sie es binnen eines Jahres glatt zu einer EM oder WM schaffen. Doch sie blieb stur, wollte sich unter keinen Umständen "in die Frauenecke hineindrängen lassen". Erfolgreich wehrte sie sich gegen Übungen mit Keule und blieb ihrer Lieblingssportart treu - mit Erfolg: Bis heute ist sie die einzige Frau im deutschen Radio, die sich live aus den Bundesligastadien meldet. Und die Sportredaktion des WDR-Hörfunks leitet sie obendrein. "Fußball ist meine Welt"Jeder, der sich für Fußball interessiert und samstags das Radio einschaltet, kennt Sabine Töpperwiens Stimme. "Es kommt häufig vor, dass Menschen zu mir sagen: ,Mensch, Sie habe ich doch am Samstag gehört! ", bestätigt die Reporterin. Das passiert allerdings nur, wenn sie irgendetwas sagt. Schweigt sie, bleibt sie Inkognito: das Los einer Radioberühmtheit.Dabei wäre es reizvoll, Sabine Töpperwien mal mit einer Kamera zu begleiten. Dann würde man sehen, wie sehr die Frau mit der freundlichen Ausstrahlung in den Stadien in ihrem Element ist. Vom Ordnungsdienst will sie wissen, wie das Match wohl ausgeht, mit Kollegen fachsimpelt sie über die Harmlosigkeit der Leverkusener Stürmer, hier eine Umarmung, dort ein nettes Wort, und dann geht es ab zur Reporter-Kabine. Sabine Töpperwien stülpt sich die Kopfhörer über und beginnt 25 Minuten vor Anpfiff, sich langsam einzugrooven. Ihr Oberkörper bewegt sich im Takt der Musik, ihre Hände trommeln den Rhythmus mit. Und dann ist er fällig, der erste Bericht, und mit der Begeisterung eines Kickers, der nach vier Wochen Konditionsbolzerei endlich wieder aufs Spielfeld darf, prescht sie vorwärts: offensiv von der ersten Sekunde an, jede Silbe ein Torschuss. "Fußball", sagt sie, "ist meine Welt." Das war schon immer so. In ihrer Kindheit ging sie mit ihren Eltern und ihrem zehn Jahre älteren Bruder Rolf, der später mal Karriere beim ZDF machen sollte, zu jedem Heimspiel des aufrechten Verbandsligisten VfR Osterode. Als einziges Mädchen kickte sie auf dem Bolzplatz mit den Jungs, was Freunde der Familie mit Sorge zur Kenntnis nahmen. Dass sie ein ungewöhnliches Hobby hatte, dieser Gedanke bedrängte das dribbelstarke Mädchen in keiner Sekunde. Nach dem Abitur studierte Sabine Töpperwien Sportjournalismus. Anfangs stieß sie bei ihren Kollegen auf Skepsis. Und logisch, natürlich kam er immer wieder zur Sprache, der wohl legendärste Versprecher der Fernsehgeschichte, das bleischwere Vermächtnis der Frau, die eigentlich anderen Frauen die Tür zum Fußballjournalismus öffnen sollte: Schalke 05. Geschehen im Aktuellen Sportstudio. Copyright by Carmen Thomas. "Anfang der 90er Jahre bin ich ständig damit konfrontiert worden", gruselt es Sabine Töpperwien noch heute. "Sorry, aber ich wusste schon mit sechs Jahren, dass es Schalke 04 heißt - weil das einfach mein Leben ist!" Seit 1990 berichtet Sabine Töpperwien regelmäßig aus den Bundesligastadien. Rund 270 Begegnungen habe sie mittlerweile "reportiert", wie die Radioleute sagen, und auch Trainergrößen wie Daum und Rehhagel, die sich anfangs noch verwundert über die Frau mit dem Mikro zeigten, haben sie längst voll und ganz akzeptiert: "Sie wissen, dass ich in dem Thema drin bin." Sabine Töpperwien würde gerne mehr Reporterinnen fördern, allein: "Es drängen kaum welche nach." Zwar gibt es ein paar junge Frauen in ihrem Team, aber die seien - im Gegensatz zu gleichaltrigen Kollegen - noch nicht reif für die Bundesliga. Dass so eine Live-Reportage kein Zuckerschlecken ist, bestätigt sich in der Kabine hoch über dem grünen Rasen. Wann sich wer wie lange aus welchem Stadion meldet, ist bis zur 70. Minute genau festgelegt. Da geht es um Sekunden, und in diesen Sekunden muss alles drin sein, was Fußball ausmacht: Spannung, Dramatik, Analyse. Die letzten 20 Minuten bleibt die Leitung offen: Jedes Knarren, Knistern oder Räuspern wäre jetzt bundesweit zu hören, und fällt ein Tor, heißt es, ansatzlos auf Sendung zu gehen. "Da legt man sich keine Wörter zurecht, da kommt alles direkt aus dem Bauch", sagt Sabine Töpperwien. Dann ist es auch egal, ob Sätze mal im grammatikalischen Nirwana enden. Klar, die Meisterschaft ist längst entschieden. "Privat freue ich mich darüber", gesteht Sabine Töpperwien als bekennender Bayern-Fan. Dafür ist der Abstiegskampf um so dramatischer. Die Konferenzschaltung beginnt deshalb heute schon um 16.35 Uhr, Sabine Töpperwien reportiert aus Mönchengladbach.Die Rechenaufgaben hat sie übrigens schon erledigt, die Tabelle kennt sie in- und auswendig. Natürlich ist das höhere Mathematik. Aber allemal aufregender als rhythmische Sportgymnastik.Am letzten Spieltag live aus Gladbach // Am letzten Spieltag sind folgende Radioreporter im Einsatz: Sabine Töpperwien: Bor. Mönchengladb. - Werder Bremen.Manfred Breuckmann: Arminia Bielefeld-Hannover 96.Günther Koch: 1. FC Nürnberg- Bayer 04 Leverkusen.Andreas Witte: Hertha BSC Berlin- Kaiserslautern.Alexander Bleick: Hamburger SV- FC Hansa Rostock.Oliver Frick: VfB Stuttgart-VfL Wolfsburg.Armin Lehmann: Borussia Dortmund-Energie Cottbus.Oliver Koch: FC Schalke 04-FC Bayern München.Karlheinz Kas: TSV 1860 München-VfL Bochum.Inforadio überträgt: von 16. 08 Uhr bis 16. 15 Uhr und von 16. 35 Uhr bis 17. 15 Uhr.Radio Eins: Mehrfache Schaltungen in der Sendung Arena ab 16 Uhr.IMAGO/WECKELMANN Mittlweile ist sie von allen akzeptiert: Sabine Töpperwien, hier mit Stuttgarts Trainer Felix Magath.