Königs Wusterhausen. Auch in der Geschichte Königs Wusterhausens gibt es dunkle Flecken. Die Stadtverwaltung läßt derzeit über das Außenlager des Konzentrationslagers Sachsenhausen forschen, das in der Nähe des Güterbahnhofs bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges existierte. Der Grund: Bürgermeister Jochen Wagner möchte am 26. April im Rahmen einer Sondersitzung der Stadtverordneten der Menschen im KZ von KW gedenken.Was das Außenlager betrifft, ist nur sehr wenig wirklich belegbar. "Wir wissen nur, daß das Lager in der Nähe des Krebssees gegenüber vom heutigen Güterbahnhof lag", sagt Siegfried Schust vom Heimatverein. "Die Fundamente sind ja zum Teil noch in den Gärten zu finden, die jetzt dort sind." Auch ein Kriegsgefangenenlager habe es hier gegeben. Er selbst könne sich noch daran erinnern, als Kind die Häftlinge in der Stadt gesehen zu haben. Ohne Bewachung Auch Dorchen Mehlis, alteingesessene KWerin, erinnert sich: "Polnische und russische Frauen waren hier, Zwangsarbeiterinnen. Die mußten in den Wirtschaften arbeiten, kamen morgens ohne Bewachung auf die Höfe gelaufen. Sträflingskleidung trugen sie nicht. Ich selbst habe eine junge Russin kennengelernt, aber Kontakte waren ja verboten." Doch an ein KZ kann sich Dorchen Mehlis nicht erinnern.Nachforschungen sind schwierig. Augenzeugen gibt es kaum: Die Männer waren damals zumeist im Krieg, viele Frauen sind verstorben, sagt man. Oder man schweigt, weil niemand an das dunkle Kapitel der Geschichte erinnert werden will.Gottfried Grohmann, Pressesprecher der Stadt, der mit den Nachforschungen betraut ist, will sich nicht äußern: "Erst wollen wir gesicherte Erkenntnisse gewinnen, bevor wir an die Öffentlichkeit gehen", bittet er um Verständnis. Daß ein Lager existierte, sei klar. Man wisse allerdings nicht, welche und wie viele Häftlinge dort gesessen hätten, so Grohmann. Dokumente kopiert Schon in den 70er Jahren forschte Stadtchronist Ernst Piel über das Lager. Er wurde fündig. So konnte er Dokumente zusammentragen und kopieren.Die Geschichte des Außenlagers Königs Wusterhausen begann am 4. September 1944. An diesem Tag teilte der Sonderbeauftragte der Reichsleitung für den Behelfsheimbau dem KWer Bürgermeister mit, "daß beabsichtigt ist, auf den Seiten der Senziger Chaussee eine Herstellungsstätte für Behelfsheime mit ein oder zwei Mustersiedlungen zu errichten Beschäftigt werden sollen rund 700 Häftlinge, die in einem zu errichtenden Konzentrationslager untergebracht werden."Das Wort "Konzentrations-" wurde aus Tarnungsgründen nachträglich im Aktenvermerk des stellvertretenden Bürgermeisters Reuscher durchgestrichen, ist aber noch deutlich zu lesen. Am 21. September 1944 billigte der Bürgermeister den Plan per Entschließung. "3 ha Land südlich und nördlich der Senziger Chaussee" benötige man.Die erste Eintragungen über das Lager KW im Archiv des Internationalen Suchdienstes in Arolsen existieren vom 26. Dezember 1944. Nach Erkenntnissen der Institution waren die Häftlinge "neben dem Einsatz bei der Firma Krupp auch bei der Fa. Steinwertz und Seifert sowie der Fa. Kaltenborn und Stenvers eingesetzt".Nachforschungen des Generalstaatsanwaltes der DDR, Wieland, ergaben, daß "die männlichen Häftlinge beim Bau von Behelfsheimen, bei Wald- und Schanzarbeiten sowie beim Wegebau eingesetzt gewesen sein sollen." Allerdings konnte der Einsatz bei Krupp "nicht bewiesen werden". Schanzarbeiten bedeutet, daß die KZ-Häftlinge beim Ausbau des Nottekanal-Ufers als Verteidigungswall beschäftigt waren, erläutert Ernst Piel. Nach KW verlegt Im Schreiben des Staatsanwaltes heißt es noch: "Ende Oktober/Anfang November sind 120 bis 200 männliche Häftlinge nach KW verlegt worden, um die Jahreswende 1944/45 kamen weitere etwa 150 hinzu Am 27. Februar 1945 wurden ca. 250 jüdische Frauen und Kinder aus Ravensbrück nach KW transportiert." Hier "soll es sich teilweise um Angehörige der bereits in KW befindlichen männlichen Häftlinge gehandelt haben".Außerdem ging der Staatsanwalt davon aus, daß "die Häftlinge dieses Nebenlagers vor ihrer KZ-Einweisung im Getto Lodz waren".Die "Behelfsheimsiedlung" sollte für ausgebombte Angehörige des Reichsrundfunks an der Potsdamer Straße "vom Friedhof bis zur Scheune am Mittelweg" entstehen, erläutert Ernst Piel. Die Wachen flohen Im Gegensatz zur Siedlung ist jedoch noch eines dieser Holzheime mit quadratischem Grundriß in der Hafenstraße zu sehen, verrät Piel.Als die Rote Armee bei Zossen durchbrach, flohen die Wachmannschaften "Hals über Kopf", erinnert sich Piel. Das rettete Hunderten Häftlingen das Leben. Sie wurden am 25. April 1945 befreit. Das geht aus einem Brief des ehemaligen jüdischen Häftlings Israel Eckstein hervor, der sich an die Stadt KW gewandt hatte. Von offizieller Seite geht man jedoch davon aus, daß der 26. April 1945 das Befreiungsdatum für die Inhaftierten war.Die Bestände des Lagers waren riesig, geht man vom Bericht des Architekten Walter H. Dahlke vom 1. Oktober 1945 aus, der nach Kriegsende die Auflösung leitete.Dahlke hatte es sich "zur Richtschnur gemacht, jedes Stückchen Bauholz für die Allgemeinheit zu erhalten, damit die im Bezirk vorhandenen (Kriegs-)Schäden behoben werden können". Doch "Diebstähle, Plünderungen und Abtransporte" habe er nicht verhindern können, so daß frühere Materialerfassungen "von einem Tag zum anderen gegenstandslos wurden".So habe "russisches Militär Materialien, Geräte und Baulichkeiten in z. T. rohester Weise" abmontiert: "Was an Barackenteilen manchmal stehen blieb, wurde durch vorgespannte Autos eingerissen, damit die Dachpappe abgelöst werden konnte", heißt es im Bericht.Das Behelfsheimherstellungslager dagegen sei "durch das Auftreten der Italiener, die hier zum Abtransport versammelt wurden", zerstört worden. Diese verbrannten nachts in Lagerfeuern "alles erreichbare Holz", so daß das Depot "nach Abzug der Italiener nicht wiederzuerkennen war". Immerhin: Trotz Beschädigung und Plünderung hatte Walter H. Dahlke noch Material im Wert von 39 921,10 Reichsmark an Privat verkauft.Auch später noch stießen KWer auf steinerne Zeugen der Vergangenheit. Das Zwangsarbeiterlager, das schon früher existiert hatte, lag weiter östlich an der Chaussee, am Krebssee neben dem heutigen Baumarkt. Dieses Land wurde an Neubauern vergeben. Im Jahre 1948 schrieb die "Märkische Volksstimme" in einem Artikel über den Neubauern Hermann Meyer: "18 Fundamente mit teilweise fünfzig Zentimeter starkem Betonwerk mußten freigegraben, zerschlagen und fortgeschafft werden. Vertreter des Landratsamtes sahen kopfschüttelnd dieser Arbeit zu und erklärten, es wäre fast unmöglich, diese Fläche nutzbar zu machen." Luft zum Atemholen Der Journalist regte an, dem Neubauern "ein drittes Jahr Luft zum Atemholen zu gewähren": "Die vorläufige Soll-Veranlagung ist zu hoch für sein noch nicht voll ausgenutztes Land."Zu DDR-Zeiten war man von offizieller Seite nicht an einer Aufarbeitung der Geschichte KWs zur Nazi-Zeit interessiert.Ernst Piel kann nicht verstehen, warum erst jetzt der Menschen im Konzentrationslager KW gedacht werden soll. "Dazu wäre schon fünfzig Jahre Zeit gewesen", sagt er.Der Heimatforscher und Stadtchronist, der in mühevoller Kleinarbeit die Dokumente zusammentrug, hatte schon Mitte der siebziger Jahre je eine Mappe mit fotokopierten Dokumenten an den Rat des Kreises KW und an die SED-Leitung eingereicht. "Das waren doch jüdische Opfer, denen hätte man doch eine Inschrift im Denkmal der Verfolgten widmen können", sagt Piel.Aber eine Reaktion sei damals nicht erfolgt. ",Ganz schön` fand die Partei das alles, und das war's", schüttelt Piel den Kopf.Nur eine "Pro-forma"-Sache sei die Ehrung der Widerstandskämpfer und Opfer in der DDR gewesen, ärgert er sich. "Vielleicht war es ihnen unangenehm, daß so etwas existierte "Leicht waren seine Nachforschungen nicht: Als er einen in Berlin ausfindig gemachten Zeitzeugen befragen wollte, habe der ihn angebrüllt, er solle keine "schlafenden Hunde wecken". Der ehemalige Kreis Teltow hatte noch mehr Außenlager. In den Akten des belgischen National Tracing-Büros sind unter anderem verzeichnet: Trebbin, wo 180 Häftlinge auf dem Truppenübungsplatz Glau arbeiteten. Schönefeld, wo von 1941 bis 1945 850 Frauen im Flugzeugbau tätig waren. Genshagen, wo sogar 1 100 Frauen inhaftiert waren, die für die Daimler-Benz-Werke arbeiteten. Noch weitere Lager Auch an den Bahnanlagen in Richtung Töpchin gab es ein Lager, weiß Ernst Piel. Er selbst habe dort im Wald die Erkennungsmarke eines Häftlings gefunden, die auf ein Lager B III hinwies. "Ein großes und geheimes Ding dort, aber keiner weiß Genaues", sagt er.Ernst Piel hat auch versucht, über ehemalige Häftlinge Informationen zu sammeln. Doch außer dem Brief des Israel Eckstein an die Stadt Königs Wusterhausen, in dem er schrieb, daß er im hiesigen KZ interniert gewesen sei, fand er keine Hinweise. Auch einige der im Jahre 1938 aus KW familienweise abtransportierten Juden wurden ins KZ Sachsenhausen, dessen Außenlager Königs Wusterhausen war, eingeliefert. Piel hat in der dortigen Lagerkartei den Namen einer Familie gefunden. Nur ein Protokoll Nur ein Protokoll über die Vernehmung des bei der Anleitung der jüdischen Häftlinge eingesetzten Schachtmeisters Max Baumann existiere noch. Hier wird den zwei jüdischen Häftlingen Laja Herschmann und Elias Makowski der Lageraufenthalt bestätigt.Eine Kontaktaufnahme in den siebziger Jahren zu dem nach Kriegsende in Hannover wohnhaften Israel Eckstein kam nicht zustande. Er war bereits verstorben.Lediglich eine Totenliste des ehemaligen Konzentrationslagers Sachsenhausen habe er bekommen, so Piel. Hier seien neun verstorbene Häftlinge verzeichnet, doch nach deren russischen Namen zu schließen, habe es sich um Zwangsarbeiter gehandelt.So sind nur die Namen Israel Eckstein, Elias Makowski und Laja Herschmann als Insassen bekannt, die am 26. April - einen Tag zu spät - stellvertretend für die vielen hundert Häftlinge geehrt werden. +++