Säuft Russland sich zu Tode? Die Folgen des Alkohols zerstören Familien und schädigen die Wirtschaft: Trinken bis zur Besinnungslosigkeit

Ein Wasserglas voll Vodka: So viel - 125 Kubikzentimeter! - trinkt im Durchschnitt jeder Russe an jedem Tag. Am Kiosk ist der Schnaps billig, und noch billiger ist er beim Schwarzbrenner. Wer sich auch das nicht leisten kann, kauft Fensterreiniger oder Frostschutzmittel, die in Russland aus hochkonzentriertem Alkohol bestehen. So unmäßig wird in Russland getrunken, dass Alkohol zur wichtigsten Todesursache geworden ist: Direkt, wenn Menschen an Alkoholvergiftung und Leberzirrhose sterben, oder indirekt durch Unfälle, Gewalttätigkeiten und Herz-Kreislauf-Krankheiten.In Russland herrscht Frieden, die Wirtschaft boomt, die Einkommen steigen. Trotzdem beträgt die Lebenserwartung eines Mannes laut Weltbank heute nur 58 Jahre, 16 Jahre weniger als in Westeuropa. Auch Frauen sterben in Russland früher als in westlichen Industrieländern, aber am härtesten getroffen sind die Männer: Unter den heute 18-Jährigen wird aller Voraussicht nach nicht einmal jeder zweite die Altersgrenze von 60 Jahren erreichen. Russen sterben so früh wie es nur Menschen in den ärmsten Entwicklungsländern tun. Selbst unter Stalin war die Lebenserwartung höher als sie es heute ist.Besonders schockierend ist die hohe Zahl der Gewaltopfer. Die Sterberate durch Mord, Selbstmord, Vergiftungen sowie Verkehrs- und Arbeitsunfälle ist heute in Russland doppelt so hoch wie vor 40 Jahren und zwölf Mal höher als in Großbritannien. Fast immer ist Alkohol im Spiel. Sich bis zur Besinnungslosigkeit zu betrinken ist - anders als im Westen - gesellschaftlich akzeptabel. Zudem dient es als Ventil: Russische Männer stehen unter hohem Druck, ihrer Rolle als Versorger in der Familie gerecht zu werden. Schwächen oder Krankheiten dürfen sie dabei nicht zeigen - außer im Suff.Die Folgen des Alkoholmissbrauchs sind dramatisch: für die Lebensumstände, das wirtschaftliche Potenzial, sogar für Russlands Einfluss in der Welt. Trunksucht, häusliche Gewalt, alkoholbedingte Krankheiten und Todesfälle zerstören Hunderttausende von Familien. Und sie führen in einen Teufelskreis: Russischen Statistiken zufolge steigt in Familien, in denen der Brotverdiener stirbt, der Pro-Kopf-Verbrauch von reinem Alkohol um 35 Gramm am Tag.Der Faktor Alkohol verschlimmert die wirtschaftlichen Folgen von Russlands katastrophaler demografischer Lage. Nicht nur, dass es in den kommenden Jahrzehnten viel zu wenig junge Menschen geben wird, die auf den Arbeitsmarkt kommen. Auch viele der älteren Arbeitnehmer, die sonst die Produktion aufrecht erhalten könnten, werden wegen chronischer Krankheiten und hoher Sterblichkeit ausfallen. Seit 1992 ist Russlands Bevölkerung bereits um fünf Millionen auf nur noch 142 Millionen geschrumpft - trotz Zuwanderung. Weite Regionen des ohnehin nur dünn besiedelten Landes werden sich in den kommenden Jahrzehnten entvölkern. Bereits 2002 wurde bei einer Volkszählung die Zahl von 13 000 verlassenen Städten und Dörfern ermittelt.Was tut Präsident Putin? Immerhin hat er inzwischen anerkannt, dass Russland ein demografisches Problem hat. Die Lösung sieht er darin, dass seine Landsleute mehr Kinder bekommen sollen. Gegen die hohe Sterblichkeit unternimmt Moskau dagegen kaum etwas. Das Gesundheitssystem ist schlecht, es fehlt an Vorsorge und Aufklärung, und an eine Anhebung der Alkohol-Steuer wagt sich die Regierung nicht. Das sind Versäumnisse, die nicht entschuldbar sind.