So krank war ich gar nicht, wundert sich die Frau plötzlich. Sie sitzt auf dem Sofa, die Füße meistens mit auf der Sitzfläche. So krank war sie gar nicht, damals als Kind. Und trotzdem. Laufende Meter wurde sie zur Kur geschickt, mindestens sechsmal. Zuletzt ging es wohl mehr darum, der alleinerziehenden Mutter jene Atempausen zu verschaffen, die sie benötigte, obwohl ihre christlichen Kinder nicht schwierig, wenn auch lebhaft waren, Christine, genannt Tini, und ihre fünf Jahre jüngere Schwester Constanze.Christine Anlauffs Erinnerungen an die Kuren sind angenehm. In den ersten Jahren fuhr sie ins Gebirge, in den späteren an die Ostsee. Ist doch nicht schlecht. Christine Anlauff sagt, wenn ich mich nicht verhöre, Gebürge. Warum spricht man überhaupt von Berlinern? Die Rathenower berlinern unbekümmerter als die Berliner, und die Potsdamer, zu denen Christine Anlauff seit Geburt gehört, natürlich auch. Aber außerhalb von Berlin-Brandenburg wird alles, was in dieser Weise quatscht, als Berliner wahrgenommen, und die Potsdamer scheint es nicht zu stören, bundes- und weltweit als Berliner zu gelten. (Vielleicht fassen sie es sogar als Kompliment auf?, wär ja furchtbar). Potsdam, sagt Anlauff, ist der Balkon, und in Berlin spielt die Party. In ihren Kreisen spricht man von osmotischen Verhältnissen zwischen Potsdam und Berlin. Die Stadträume sind durchlässig. Man ist flexibel und lebt da, wo die Mieten günstiger sind. Das wäre zur Zeit eher Berlin. Man geht nach Berlin, wenn man was erleben will, und man bleibt in Potsdam, wenn man das Bedürfnis hat, zu sich zu kommen, Besinnung.Der VerscholleneDie Mutter hatte eine Nervensache. Sie war Hebamme, konnte aber nicht mehr arbeiten. Und Christine taten die Kuren gut. Sie war kontaktfreudig, Freunde zu finden war kein Problem. Während der Kur konnte sie Kontakt zu ihrem Vater aufnehmen. Ihrem Vater, der seit irgendwann irgendwie verschollen war. Die Mutter verbot diesen Kontakt. Aber aus der Ferne war sie außer Stande zu kontrollieren. Tini schrieb ihrem Vater einen Brief, er antwortete und steckte einen Fünf-Mark-Schein in den Umschlag. Sieh mal einer an. Der Verschollene war unsichtbar, aber existent. Die Kuren und die Fünf-Mark-Scheine waren der Beweis, ein Vater war vorhanden (wo auch immer er sich aufhielt), zeigte sich nicht uninteressiert, offenbarte Gefühle. Sechs Kuren, dreißig Mark.Die eigene Kindheit wird, finde ich, wieder relevant, wenn man erwachsen ist und selber Kinder hat, mit deren Kindheiten man unablässig beschäftigt ist. Christine Anlauff ist 34 und hat vier Kinder. ("Generell wollt ich vor 35 schon noch mal 'n Kind haben.") Zuerst fallen die messerscharfen Augenbrauen auf, ein helles Gesicht zwischen schwarzen Haaren, von dem Sicherheit ausgeht, man sieht dieses Gesicht nie hektisch, nervös, es ist wie mit Sanftmut gepanzert. Sollte man jetzt wissen, wie die Kinder heißen? Der älteste ist Luka, Luka ist elf und geht in die Montessori-Schule. Dann kommt Witte, mit acht, ein kleiner, schmusiger, sagt die Mutter. Sie hat einen Film gesehen, in dem ein Junge vorkam, der Witte Flachskopf hieß, das fand sie toll, und als es ihr und Falk, ihrem Mann, die beide schwarzhaarig sind, gelang, ein so helles Kind zu zeugen, war klar, dass es Witte heißen musste. Danach kamen zwei Mädchen, Nico, sechs Jahre, und das Baby, Carlotta. "Die Großfamilie hat ihre Reize. Ist auch nicht teurer, weil die Sachen viel effektiver genutzt werden."Das Leben als Großfamilie, das Leben, das nicht dadurch bestimmt wird, dass man von acht bis siebzehn Uhr im Büro sitzt und die Kinder in der Kita oder in der Schule, das Leben, das jeden Tag neu erfunden und jeden Tag anders gespielt wird, das Leben in kleinen Beträgen, die man einnimmt und ausgibt, das ist ein Thema. Das Leben zwischen der rauen Geschwister-Scholl-Straße am Bahnhof Charlottenhof und dem königlichen Park von Sanssouci. Dazwischen die Waschbar, eine Kneipe, in der man seinen Milchkaffee trinken und seine Wäsche waschen kann, ich sage nur: Potsdam.Die AufrechnungChristine Anlauff ist, vor allem in Potsdam, bekannt geworden durch den Roman "Good bye Lehnitz", (wobei sie sich einen anderen Titel gewünscht hatte, um nicht auf der Good-bye-Lenin-Tümlichkeits-Schiene zu fahren, aber der Büchermarkt ist bekanntlich kein Wunschkonzert) und einen Essay in der Zeitschrift Das Magazin, in dem sie ihr Credo beschreibt: wenig Geld ausgeben und dabei nicht schlecht zu leben. In diesem Text listet Anlauff von Morgen bis Abend auf, was sie an einem Tag treibt, benötigt, kauft, kocht, isst und trinkt. Am Ende zieht sie einen Strich und darunter steht die Summe: 13,10 Euro. Dreizehn Euro zehn hat sie an einem Tag für ihre Großfamilie ausgegeben, und sie hat an diesem Tag eine Menge erlebt und bekommen, Gespräche, Kontakte, Radtouren, wofür sie keinen Cent hergeben musste.Der Essay hatte einen Anlass. Christine hatte Wohngeld beantragt. Der Antrag wurde abgelehnt, Grund: zu niedriges Einkommen. Die Wohngeldstelle rechnet mit einem Mindesteinkommen. Wenn das nicht erreicht wird, kann sich eine Wohngeldstelle in dieser absurden Republik die Existenz einer sechsköpfigen Familie nicht vorstellen. Wer das amtliche Vorstellungsvermögen überfordert und das Mindesteinkommen unterschreitet, ist nicht bedürftig. Nicht zu fassen, schreibt Christine Anlauff, wir leben weit unter der Armutsgrenze und haben es nicht gemerkt.Diese Art Humor findet man in der heutigen Zeit selten. Frau Anlauff musste sich von Bekannten die misstrauische Frage anhören, ob sie ihren Artikel im Auftrag der Regierung geschrieben habe, als Initialzündung für weitere Streichungen im Sozialsystem. Darüber macht sich Christine Anlauff keine Gedanken. Die Gedanken sind frei. Könnten es zumindest sein. Sie praktiziert ihr drittes Programm, die Lust auf ein anderes Leben. Das Wohngeld bekam die Anlauff-Family trotzdem, weil sie ein Schriftstück beibrachte, dass sie von den Eltern monatlich mit soundsoviel Euro unterstützt würde; das war der wohlmeinende Rat der Wohngeldstelle."Man kann leben ohne das Hauptmotiv Geld", soviel steht für Anlauff fest. "Ich würde die Leute gern ermuntern, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Zu gucken, was dran ist, was man wirklich braucht, und womit man sich das Gefühl verschaffen kann, wertvoll und einigermaßen zufrieden zu sein."Der Oberst ist deprimiertSie wohnt im Souterrain. Die Fenster des Arbeits- und Kinderzimmers gehen zur Straße, die Fenster der Wohnküche zum Hof. Christine hat die Wohnung erst seit zwei Monaten, der Sohn des Vermieters geht auch auf die Montessori-Schule; Kommunikation ist die Mutter aller Dinge in einem solchen Leben. Es gibt noch die Hauptwohnung der Großfamilie am anderen Ende der Ossietzky-Straße, in der Falk mit Witte und Nico lebt, Christine hat es hier mit Luka, Carlotta und ihrem Dichterlaptop zu tun. Am Wochenende wohnen alle zusammen in der großen Wohnung. Unsere Beziehung ist in einer experimentellen Phase, das Experiment läuft mit wechselndem Erfolg, sagt sie knapp.Wie ihre Romanheldin Tilli Albrecht ist Christine Anlauff klein, was aus unerklärlichen Gründen nicht auffällt. Wie Tilli beurteilt die gelernte Buchhändlerin Bücher ganz praktisch danach, ob sie sie runterziehen oder aufbauen. Wie Tilli hat sie in einem historisch einmaligen Vorgang das Abitur in einem Objekt der anachronistischen Nationalen Volksarmee nachgeholt. Good bye Lehnitz, das ist im Buch ziemlich genau beschrieben. Ein deprimierter NVA-Oberst, der den jungen Zivilisten militärische Verhaltensmuster abverlangt, skurrile und selbstgefällige Lehrer, lebenslustige und verzagte Teenager und Twens, die eine unverhoffte Chance wahrnehmen oder einfach eine Lücke in ihrem Leben füllen, das, bedingt durch Arbeitslosigkeit oder ähnliches, auf der Stelle tritt. Nach ein paar Monaten zieht die Bundeswehr ins Objekt ein. Der Oberst wird noch grämlicher als zuvor, hat immer weniger zu sagen und verschwindet eines Tages von der Bildfläche.Die Autorin besitzt nicht die Unscheinbarkeit ihrer Heldin Tilli Albrecht, bevorzugt große Dekolletés, ist weniger misstrauisch, weniger von Zweifeln zerrissen. Während Tilli sich vorsichtig umschaut, um sich an größeren, schöneren und gewiefteren Freundinnen zu orientieren, lebt Christine Anlauff immer bewusster nach ihrer Façon. Potsdam ist sowieso die Plattform des anderen Lebens, die grünere, stillere Variante Berlins, die mehr die Anmutung des Selbstgemachten trägt, wo weniger Verdrängung herrscht. Leben und leben lassen im preußischen Stil. In Potsdam kann jeder zum Zug kommen. Potsdam erfindet sich selbst. Auf Berlin wird aus allen Richtungen eingeredet. Potsdam gehört den Potsdamern. Berlin gehört allen und niemandem.Christine Anlauff hat Berlin anderthalb Jahre lang ausprobiert, Prenzlauer Berg, Greifswalder Straße. Ich hab die Zeit nicht genossen, sagt sie. Sie kann sich erstaunlich kurz fassen. Von dieser Gabe wird sie als Schriftstellerin profitieren. Viele können das nicht.Es war eine Hinterhofwohnung in einem Haus, wo hauptsächlich Alkoholiker wohnten, stille und laute. Das Paar, von dem man manchmal nicht wusste, ob es noch lebte. Die Krakeelerin, die am offenen Fenster stand und ihrem Mann wüste Schimpfwörter hinterher kreischte. Die Frau, die ab und zu runterkam und verstört Geld verlangte, weil sie wegen des Kindes angeblich Milch kaufen musste. Der Lärm, der von der Straße, und der Qualm, der aus dem Ofen kam. Christine war nach Berlin gezogen, um die Welt zu erobern, aber es ging einfach nicht.Ick habe keinen einzigen Menschen kennen gelernt, mein vorherrschendes Gefühl in der Erinnerung ist Angst. Ich hab mich gegruselt in dem Haus. In Potsdam war die Angst wieder weg.Christine Anlauff ist in Potsdam achtmal umgezogen, kennt alles, hat durch Kontakte stetig bessere und preiswertere Wohnungen ergattert, und C v O, die Carl-von Ossietzky-Straße, ist das beste von allen. Ein sehr familiärer Kiez. "Ich würde sagen, dass es bundesweit nicht noch mal so einen Kiez gibt." Die Ureinwohner mischten sich mit Studenten, die in billigen Altbauten wohnten, die Studenten wurden Lehrer und bekommen nun Kinder über Kinder, Christine und Falk sind da keineswegs Spitze. Sie ist sich ziemlich sicher, dass die C v O die kinderreichste Straße der Bundesrepublik ist. Kindersachen muss sie nicht kaufen, es kommt alles aus dem Kiez, und sie gibt alles in den Kiez zurück. Das Auto nutzt sie mit den Nachbarn zusammen. Ihr Mann hat keine Arbeit, da kümmern sich die anderen, dass er wieder was bekommt. Das ist ein enges soziales Netz, da kann man nicht durchrutschen, findet Christine. Der Nachteil ist, dass alle alles von allen wissen, und dass man Mühe hat, von A nach B zu kommen, weil man unterwegs immer aufgehalten wird.Der Kiez ist auch beteiligt an "Good bye Lehnitz". Damals, als Christine mit ein paar anderen Aktiven den Kiezladen managte, das kommunale Wohnzimmer für Väter, Söhne und Töchter am Sonntagvormittag, wenn die Frauen kochten, die Bühne für selbstgemachte Musik, Literatur, Dialog und Monolog. Christine Anlauff las da von den losen Blättern ihres Manuskripts, die Experten aus dem Kiez sagten, was sie total doof fanden und was man an bestimmten Punkten der Handlung anders machen könnte, "und ick hab vorn gesessen mit 'nem Zettel und geguckt, welchen Argumenten ich zustimme und das noch mal neu zusammengebaut." Der Kiezladen scheiterte schließlich an der Hellhörigkeit der Anwohner. Da nützt auch eine Schallschutzdecke nichts mehr, der einmal sensibilisierte Bürger hört immer was. Der Kiez trifft sich jetzt in der Waschbar.Anlauff könnte in ihrer Biografie durchaus ein Schema entdecken. Das wären die sich wiederholenden Punkte, an denen etwas aufhörte und sie sich die Frage stellen musste, was jetzt. Wie machst du weiter. Was kannst du, was lässt sich daraus machen, irgendwas muss dir das Leben in dieser Situation zu bieten haben, und du dem Leben ja auch. Das hab ich in Paris gelernt, nein, in der Türkei. Es war ihre erste Reise nach der Wende, Christine und Falk fühlten ihre Fremdheit in der Türkei, ein schrecklicher Trip, bis sie einen Türken kennen lernten, der ihnen einen Teppich verkaufen wollte, für den sie kein Geld hatten. Dafür bewirtete sie der Türke mit Tee und Lektionen über Lebensgefühle. Deutsches Lebensgefühl, türkisches Lebensgefühl. Die Deutschen studieren ihr halbes Leben lang, wenn sie fertig sind, sind sie alt und jammern, dass sie einen blöden Job machen müssen, haben aber auch Angst, dass sie denselben blöden Job verlieren könnten. So würde ein Türke sich nie verhalten, der guckt, wo was fehlt, was grad gebraucht wird, und wo es eine Nische gibt, zack, rein. Die kleinen Brüder des Türken putzten Schuhe, sie rannten neben den potenziellen Kunden her und kleckerten im Laufen prophylaktisch kleine Batzen Schuhcreme aufs Leder, so dass denen gar nichts weiter übrig blieb, als auch den Rest noch erledigen zu lassen. Dieses Beispiel hat Christine imponiert, Falk weniger.Und immer: was jetztAls sie ihren Job als Buchhändlerin verlor und Bedenken hatte, eine Arbeitslosenexistenz zu führen, machte sie in jenem seltsamen NVA-Semester das Abitur nach. Als die ABM-Stelle als ungelernte Freizeitpädagogin in der evangelischen Jugendarbeit nicht mehr verlängert werden konnte, begann sie, ungeachtet des Sachverhalts, dass sie wasserscheu ist, ein Studium der Unterwasserarchäologie. Als sie schwanger wurde und nicht mehr graben und schon gar nicht tauchen konnte, wechselte sie zu Geschichte über. Als sich die Semester häuften (17? 18?), zum ersten das zweite und dritte Kind kamen und sie dreißig wurde, musste sie wieder innehalten und: was jetzt? fragen. Sie musste etwas ändern. Da hatte sie schon das Buch auf dem Schreibtisch, das eigentlich als Geschenk für ihren Liebsten gedacht war. Eine Freundin riet ihr, das Manuskript einer Literaturagentin zu zeigen, die Literaturagentin brachte es beim Gustav Kiepenheuer Verlag unter, und Christine Anlauff, die nicht unbedingt den Wunsch hatte, einen Beruf mit festen Bürozeiten auszuüben, sagte sich, gut, mach ich das jetzt. Ich probier's dann mal als Autor.Das Buch war ein gewonnenes Glücksspiel von A bis Z, sagt sie. Andere schuften jahrelang und finden keinen Verlag, und ich hatte das Glück, dass ich zur richtigen Zeit mit dem richtigen Thema aufgetaucht bin.Montag und Mittwoch hält ihr Falk am anderen Ende der Ossietzky-Straße den Rücken frei, das sind ihre Schreibtage. Zwischendurch sucht und erschließt sie Quellen, um den Lebensunterhalt der Familie zu sichern. Eine Quelle ist der Sperrmüll, auf dem sie Möbel, Fahrräder und Spielzeug entdecken. Eine andere Quelle ist ebay. Christine näht aus dickem Wollstoff aus dem Schlussverkauf Umhänge und versteigert sie im Netz. Sie näht Umhängetaschen aus Bezügen von Autositzen. Sie hat die Potsdamer Schloss- und Parkführerausbildung absolviert und bietet im Sommer Stadttouren per Fahrrad an, fünf Stunden rund um Potsdam, von der Pirschheide bis ins Holländerviertel. Die Touristen lauschen mit halbem Ohr der preußischen Historie und werden schlagartig hellwach, wenn sie das Haus von Günther Jauch erblicken. Immer deutlicher stellt sich heraus, dass Jauch Erbe und Alter ego des Alten Fritz ist. Er hat nicht die Kartoffel, aber den Quizmillionär nach Deutschland gebracht.Zu den Quellen und Bestandteilen gehört weiter das Spielcasino, das sich im ehemaligen Eduard-Claudius-Haus des Kulturbundes befindet. Dort steht sie gelegentlich neben Seniorinnen, die ihre Rente aufzubessern begehren, Bürgern aus Asien und ein paar Durchgeknallten, die aufs Ganze gehen, und setzt ihre Jetons vorsichtig wie eine Oma. Bei entspannter Seelenlage und charmanter Begleitung hat sie dreimal auf Null gesetzt und gewonnen. Zuletzt wollte sie unbedingt das Geld für Lukas Klassenfahrt einspielen, ihr Begleiter hielt zur Untermalung Monologe über Heidegger. Das war nichts. Bloß nicht zum Siegen verurteilt sein. Sie kann nur mit Geld ins Casino gehen, das wirklich übrig ist.Der Verschollene taucht aufDass sie dieses Hochherzig-Spielerische besitzt, bringt sie mit ihrem Vater in Verbindung. Tini war neun, als ihr Vater verschollen ging. Wahrscheinlich konnte die Ehe zwischen einer Hebamme und einem Tischler oder, ehrlich gesagt, Sargtischler nicht funktionieren. Oder doch? Die Mutter erzählte den Töchtern, dass ihr Vater ein schlimmer Filou sei, dem man kein Wort glauben könne. Was enttäuschte Frauen eben so sagen, sagt die Tochter. Nach dem Verschwinden des Vaters lebte die Familie von 300 Ostmark im Monat.Meine Mutter ist die sparsamste Frau, die ich kenne, findet Anlauff, und trotzdem hat's uns an nichts gefehlt. Det übernimmt man einfach, det ist wie in der Muttermilch drin.Als Christine 27 war, suchte und fand sie den Verschollenen, ermahnte ihre Schwester zu äußerster Distanz (unser Vater, der Filou) und war dann selbst total begeistert. Hab erstmal 'n Schreck gekriegt, dass mein Vater alt ist. Der Zustand vom Foto war aufgehoben. Da sitzt der Mann, der dein Vater ist, älterer Herr, erzählt lustige Geschichten und sagt, er unterschreibt den Zettel für's Bafögamt. Bekundet Interesse, seine Enkel zu besuchen, was er bis heute nicht realisiert hat. Insofern hatte meine Mutter doch ein bisschen recht.Erinnerungen wurden wach, die Sargfabrik in Hermannswerder, die ihr Vater leitete. Die herangeflößten Stämme, auf denen man herumturnen konnte. Sie hatte keine Hemmungen, sich in einen Sarg zu legen, ihr Vater tat das auch, ein Sarg war auch nur eine Art Schrank. Das Leichte, Sorglose, das Talent zu Freundschaften und Unternehmungen ist Erbgut des Vaters. Das ist einfach ein lustiger Mensch, meint sie, man könnte auch sagen, ein oberflächlicher. Ihre Mutter hingegen ist so streng und gläubig, dass sie sich Erweckungsbewegungen anschloss und einen Teufelaustreiber für die Töchter bestellte, wegen der Erbanlagen des leichtsinnigen Vaters. Konventionell gläubig ist Christine nicht, aber der christliche Hintergrund spielt immer eine Rolle in ihren Texten, und alle Freunde, die sie besitzt, stammen aus der Zeit, in der sie der Kirche nahe stand. Natürlich sagt sie Kürche. Klingt irgendwie netter.Daneben die anderen, die Gefährten aus Lehnitz, der engere Kreis, den sie im Roman beschrieben hat. Was ist mit denen? Edith, die Vorbildliche, in die ihre Eltern so große Hoffnungen setzten, beackert als Ökobäuerin ein Stück Land an der Nordsee, die Selbstversorgerin, deren sämtliche Besitztümer in eine Reisetasche passten. Funes, der Clevere, Umsichtige, hat Jura studiert, wollte Politiker, speziell Bundeskanzler, werden, begann aber, sich in uferlosen Schriftwechseln mit Ämtern zu verzetteln. Und der Junge, der im Buch Fräulein Schmidt genannt wird? Der kam zur Buchpremiere, sie haben sich amüsiert, anschließend noch eine wilde Schneeballschlacht veranstaltet, ein paar Tage später hat er sich auf die Schienen gelegt. Ja. Man versteht es nicht. Oder man versteht es doch. Und einer ist ein nicht sorgenfreier Vater von vier Kindern, mit einem abgebrochenen Studium und einem abgeschlossenen. Was bedeutet das übrigens, unsere Beziehung ist in einer experimentellen Phase mit wechselndem Erfolg?Wir freuen uns auf das Wochenende, wenn wir zusammenwohnen. Oder ich freu mich nicht, weil in der Wohnung so eine Unordnung ist, dass ich gleich wieder gehen möchte. Wir fetzen uns eben oft. Ich bin eine typische weibliche Zicke, und er hat 'ne Antriebsschwäche. Er ist hochintelligent und alles, was er macht, ist perfekt, aber er macht eben nischt. Da versuchen wir's jetzt mit zwei Wohnungen. Witte hat das überhaupt nicht gefallen, der fragt, warum wir uns nicht richtig trennen, alle Kinder haben getrennte Eltern, bloß er nicht.Gute und schlechte Tage. Christine hat beim Haarewaschen etwas falsch gemacht, jedenfalls stehen die Haare ab wie bei Albert Einstein. Sie rast mit dem Besen durch die Schreibwohnung wie die Brockenhexe. Dann setzt sie sich eine enge schwarze Kappe auf, zieht eine schwarze Jacke mit einer großen 8 darauf an, ich würde sagen, sie ist für diesen verdammt frostigen Winter zu leicht angezogen. Auf der Straße, zwischen den breiten Bürgerhäusern, die fast alle rekonstruiert sind und Verdrängungskämpfe ahnen lassen, sieht die Frau plötzlich aus wie ein Kind. Ein Kind, das sich nicht verdrängen lässt. Am anderen Ende der Ossietzky-Straße kommt uns Luka entgegen, ein schmaler Junge mit glatten langen Haaren. Falk öffnet die Tür. Im schwarzen Pullover und schwarzen Jeans ein bemerkenswert gutaussehender Mann. Das Perfektionistische glaube ich sofort. Ein Kapitel Gegensätze ziehen sich an. Und stoßen sich ab. Die muntere, aktionistische Christine und der zurückhaltende Falk in einem Zustand am Rande der Benommenheit, in dem sich so viele Leute befinden.Eine Stärke ihres Romans liegt darin, dass die Love Story zwischen Tilli und Christian unerwartet schwierig wird, als sie eigentlich leicht und wolkig werden müsste, nachdem die beiden ihre Gefühle füreinander entdeckten und sich offenbarten. Das ist der pragmatische Realismus a la Anlauff. Man kann sich nicht zurücklehnen. Man muss immer wach sein. Und so ist es auch in einer unzeitgemäßen Beziehung mit vier Kindern.ProSieben sucht per Anschlag Familien, Paare, Singles aus dem Kiez für eine Dokusoap. Eine Geschäftsfrau aus der Geschwister-Scholl-Straße, eine mit neun Kindern, ist schon engagiert. Aber diese Familie hier ist für eine Dokusoap zu tief. Viel. Zu. Tief.------------------------------Fotos : Christine Anlauff ist in Potsdam achtmal umgezogen. Jetzt wohnt sie in der Carl-von Ossietzky-Straße.Ein sehr familiärer Kiez.Christine Anlauff mit Dichterlaptop in ihrer Arbeitswohnung in Potsdam.Großfamilie am Fenster. Am Wochenende leben sie zusammen.Der Kiez trifft sich jetzt in der Waschbar.