Sammelband: Netzwerker Rathenau

Am 24. Juni 1922 erschossen Mitglieder der rechtsextremistischen Terrorgruppe „Organisation Consul“ (OC) den Außenminister der Weimarer Republik, Walther Rathenau. Er war nicht nur ein herausragender Politiker, ein mächtiger Wirtschaftsführer, ein begabter Schriftsteller und Maler, mit ihm verlor Deutschland eine in ihrer Widersprüchlichkeit einzigartige Persönlichkeit. Vor zwei Jahren hat die israelische Historikerin Shulamit Volkov eine Biografie („Walther Rathenau - Ein jüdisches Leben in Deutschland 1867 bis 1922“)vorgelegt, das eindringliche Porträt eines Mannes, der sein ganzes Leben mit seiner jüdischen Identität rang, aber eine Konvertierung stets ausschloss und sich selbst als modernen Deutschen und Juden begriff.

Ein anderen, hochinteressanten Zugang zu Rathenau haben die Autoren um die Herausgeber Sven Brömsel, Patrick Küppers und Clemens Reichhold in dem jetzt vorgelegten Band „Walter Rathenau im Netzwerk der Moderne“ gewählt. Der Sammelband ist der Ertrag eines Symposiums, das vor zwei Jahren das Walther-Rathenau-Graduiertenkolleg zum 90. Todestag veranstaltet hatte. Rathenau wird hier als „Projektemacher“ vorstellt, als – nach einem Wort Thomas Manns – „kulturelle Neubildung von hoher Merkwürdigkeit“, für die damals der Begriff „Netzwerker“ noch nicht gefunden war, der sich in Rathenau erstmals und auf geradezu exemplarische Weise verkörperte.

Ausnahmslos interessante Resultate

In seiner instruktiven Einführung schreibt Dieter Heimböckel: „In Rathenaus projektemacherischer Neigung, alles simultan zu verfolgen, dürfte auch einer der Gründe zu sehen sein, warum er zeit seines Lebens nicht nur nach Kräften darum bemüht war, Netzwerke zu bilden, sondern sich auch für deren Aufbau, Strukturen und Funktionsweisen interessierte.“ Dafür interessieren sich auch die Autoren dieses Bandes, mit nicht immer verblüffenden, aber ausnahmslos interessanten Resultaten. Nicht nur der Gemeinde der Musil-Leser ist seit langem bekannt, dass Rathenau im „Mann ohne Eigenschaften“ als Dr. Paul Arnheim Eingang fand, durchaus keine erfreuliche Erscheinung: „Er mochte Arnheim nicht ausstehen, schlechtweg als Daseinsform nicht, grundsätzlich, das Muster Arnheim.“ Der Musil-Spezialist Karl Corino liefert den biografischen Hintergrund der Gegnerschaft Musils und Rathenaus. Erhellend ist der Aufsatz der Literaturwissenschaftlerin und Historikerin Steffi Bahro zu Rathenaus provokanten Artikel „Höre, Israel!“, der 1897 in Maximilian Hardens Zukunft erschien und in jüdischen Kreisen Entsetzen ausgelöst, unter Antisemiten hingegen breiten Zuspruch gefunden hatte.

Eine Trouvaille dieses Bandes ist Sven Brömsels Essay zur Freundschaft Rathenaus mit dem Bohemien Hanns-Heinz Ewers schon deshalb, weil er den bis heute zu unrecht vergessenen Schriftsteller in Erinnerung ruft. Christian Bommarius