Sandrine Bonnaires kluger Film über ihre autistische Schwester: "Ihr Name ist Sabine": Am Ort des Lebens

Der Gegensatz zwischen dem Davor und dem Danach ist nur schwer auszuhalten. Ein schönes, graziles Mädchen ist auf den Privatvideos aus ihrer Kindheit und Jugend zu sehen. Sie hat langes, lockiges Haar, ihr Blick ist rätselhaft, bestrickend. Ein wenig skeptisch schaut sie in die Kamera, aber das Lächeln ist ihren Zügen nicht fremd. Im Gegenschnitt sehen wir Aufnahmen einer Frau von unbestimmtem Alter, deren Statur korpulent und deren Haar ganz kurz geschoren ist. Ihre Augen sind ausdruckslos. Fast zwanghaft schneidet Sandrine Bonnaire in dem Dokumentarfilm über ihre jüngere, autistische Schwester Sabine zwischen dem Einst und Jetzt hin und her - so als könne sie den Unterschied nicht fassen. In ihrem Beruf als Schauspielerin ist sie es gewohnt, dass man die äußere Schönheit gern mit der inneren gleichsetzt.In ihrem Regiedebüt kann Sandrine Bonnaire nicht umhin zu zeigen, wie grausam diese Gleichung im Leben sein kann. Wird sich beim Anblick ihrer Schwester im Schneideraum die Traurigkeit je in eine Selbstverständlichkeit verwandelt haben? Immer wieder beschließt Sandrine Bonnaire die Szenen mit langen Abblenden, die wie ein Durchatmen, ein Kräftesammeln anmuten. Im Kommentar aus dem Off erinnert sie sich daran, dass Sabine als Kind viele Begabungen und Interessen besaß. Sie las leidenschaftlich gern englischsprachige Bücher und begeisterte sich für Geografie; Sabines größter Traum erfüllte sich, als ihre Schwester sie mit auf eine Reise nach Amerika nahm. Sie lernte Klavierspielen, liebte Schubert und Bach. Aber sie war von Kindheit an anders, entrückt, verlangte ungeheuer viel Aufmerksamkeit. Wenn sie sich vernachlässigt fühlte, wurde sie gewalttätig, schlug ihre Mutter und verletzte sich selbst. Als Sabine 27 war, ließ die Familie sie in eine psychiatrische Klinik einweisen, zunächst nur für zwei Wochen.Es wurden fast fünf Jahre daraus. Das Pflegepersonal stellte sie mit Zwangsjacken und hochdosierten Medikamentengaben ruhig, ohne dass sich die Ärzte je die Mühe gemacht hätten, eine Diagnose zu stellen. Als Sabine Bonnaire entlassen wurde, war sie zerstört; sie hatte 30 Kilo zugenommen, zeitweilig ihre Erinnerung verloren und die meisten ihrer kreativen Fähigkeiten. Sie war inkontinent und konnte sich nicht mehr selbstständig anziehen. Sandrine erzählt im Off, wie schwer es war, da ein Heim zu finden, in dem Sabine eine menschenwürdige Pflege erhielt. Die Schauspielerin musste ihre Berühmtheit in die Waagschale legen, um Aufmerksamkeit für den Mangel an geeigneten Einrichtungen zu wecken und einen Arzt zu finden, der eine Diagnose stellt.Behindertenheime wie das in der Charente, in dem Sabine nun untergebracht ist, nennt man in Frankreich mit trotziger Zärtlichkeit "un lieu de vie": einen Ort des Lebens. In Interviews hat die Regisseurin immer wieder betont, sie wollte keinen Film über ihre Schwester, sondern über die Krankheit drehen. "Ihr Name ist Sabine" dementiert dieses Vorhaben auf liebenswürdigste Weise. Sandrine Bonnaire hat zwar einen achtsamen Blick für die anderen Kranken, beispielsweise den fallsüchtigen Olivier, dessen Mutter erzählt, wie erschüttert sie über die Stärke seiner Medikamente war: Sie habe einmal aus Versehen dessen Tabletten eingenommen und sei danach so sediert gewesen, dass sie anderthalb Tage nicht aus dem Schlaf erwachte. Eine Pflegerin definiert den Autismus als einen Rückzug, als eine Beseitigung des Selbst. Um aufrecht gehen zu können, sagt sie, braucht ein Mensch das Gefühl der Sicherheit.Sandrine Bonnaires Blick ist auf ihre Schwester konzentriert. Sie erzählt eine beispielhafte Fallgeschichte aus persönlicher Betroffenheit. Nicht Zorn, sondern eine tiefe Traurigkeit ist der Impuls ihrer filmischen Anklage. Behutsam versucht sie, in eine Welt einzudringen, deren Zugang ihr immer wider verwehrt wird. Sabine nimmt das Leben auf eine Weise war, die nicht mitteilbar ist; sie strukturiert das Chaos der Sinnesreize, denen sie ohne Filter ausgesetzt ist, durch zwanghafte Rituale und monotone Wiederholungen. Sabine bleibt der Kamera fremd und ist ihr zugleich ganz nah. Mitunter ist ihr Blick wach, etwa wenn sie das Video ihrer Amerikareise sieht. Und sie stellt klar, dass die Tränen, die sie dabei vergießt, Tränen der Freude sind.------------------------------Ihr Name ist Sabine (Elle s'appelle Sabine) Frankr. 2007. Buch & Regie: Sandrine Bonnaire, Drehbuchmitarbeit & Kamera: Catherine Cabrol. Mit: Sabine Bonnaire. 85 Minuten, Farbe.------------------------------Foto: Ein Bild aus glücklicheren Tagen: Sabine Bonnaire scheint hier ganz ausgelassen beim Baden im Meer.